Halb lachend, halb weinend

Am 26. Juli vor zehn Jahren begann mit dem Qualifikationsspiel in Kiew für den FC Thun das Abenteuer Champions League. Verteidiger Armand Deumi blickt mit gemischten Gefühlen zurück. Er reiste damals direkt von der Beerdigung seiner Freundin in die Ukraine.

Den Ball drosch er ins Tor, und dann blickte er zum Himmel. Er hob die Hand, streckte einen Finger aus. 4500 Leute im Lachen-Stadion schauten auf ihn, sie standen, aber sie schrien nicht wie sonst nach einem Treffer, vielmehr zeigten sie ihre Rührung, eine Mischung aus Freude und Anteilnahme.

Irgendwie war Fussball in diesem Augenblick das Unwichtigste der Welt, und doch wirkte er wie eine Stütze. Armand Deumi stand da unten auf dem Rasen, um ihn formierten sich die Mitspieler. Sie herzten ihn nach dem 2:0 gegen Aarau, welches er mittels Penalty erzielt hatte. Er entschied, den Elfmeter zu schiessen, vorgesehen gewesen war ein anderer. Er musste es tun.

Drei Tage vor diesem 23. Juli 2005 war seine Freundin Sue an den Folgen einer Infektion gestorben, jäh wurde die 24-Jährige aus dem Leben gerissen. Der gemeinsame Sohn? Keine vier Monate alt. Niemand hätte es Deumi verübelt, wäre er dem Match ferngeblieben. Doch er wollte spielen, vielleicht auch vergessen.

Zehn Jahre sind vergangen, Armand Deumi lebt seit langem in der Türkei. Und erzählt während des halbstündigen Gesprächs erstaunlich offen und ausschweifend, was einst geschah. Eine harte Prüfung habe das Leben für ihn vorgesehen gehabt, «ich war am Boden, fragte: Wieso trifft es mich?» In Kamerun verarbeitete er das Geschehene mit Ritualen, die richtigen Sätze von Freunden halfen ihm, sich zu finden. «Das Leben musste weitergehen.»

Der Fussball wurde zum Verdrängungsventil, und so reiste Deumi am 26.Juli 2005 unmittelbar im Anschluss an die Beerdigung tatsächlich nach Kiew ans erste Champions-League-Qualifikationsspiel des FC Thun. 19 Stunden dauerte die Odyssee, von Kamerun über Frankreich Richtung Ukraine, 90 Minuten vor der Partie erst gesellte sich der Leistungsträger zum Team.

Beim 2:2 agierte er sicher, als wäre nichts gewesen. Deumi mag sich gut ans Spiel erinnern. Von einem Wirrwarr an Gefühlen spricht er, «das Ganze bleibt unvergesslich – aber man sollte nicht in der Vergangenheit leben».

Das Geschehene hat Deumi hinter sich gelassen, das betont er mehrmals. Er ist verheiratet, hat mit seiner Partnerin drei Kinder. Nur von Armand junior, dem mittlerweile zehnjährigen Sohn, welcher ihm die verstorbene Sue geschenkt hatte, will er nichts erzählen. Kompliziert sei die Angelegenheit, sagt er nur, «es ist schwierig für mich». Das Paar war damals nicht vermählt, so wuchs der Bub bei den Eltern der Mutter auf.

Ehefrau Janet verrät, dass zwischen Vater und Sohn kein Kontakt bestehe. Janet, eine gebürtige Ghanaerin, wuchs in Uster auf, ihren Liebsten kennen gelernt hat sie nach einem Super-League-Spiel zwischen Zürich und Thun. «Schicksal», sagt Armand Deumi, die Stimme von einem Lächeln begleitet.

Vieles war Armand Deumi zugetraut worden, als er die Thuner Verteidigung so umsichtig und clever orchestrierte, bestimmt der Wechsel in eine Topliga. Es wurde «nur» die Türkei und trotz Stammplatz sowie drei Länderspielen nicht die grosse Karriere. Nach dem Tod seiner Freundin sei er auch deshalb zur Tagesordnung über gekehrt, weil er sich im Schaufenster präsentieren wollte – und ein mehr beachtetes Schaufenster als die Champions League gibt es nun mal nicht.

Deumi wollte weg. YB und der FC Zürich signalisierten Interesse, der Deal scheiterte an der Ablösesumme. Im Juni 2006 meldete der französische Erstligist Lorient die Verpflichtung des Kameruners, krebste bald zurück – die Klubs waren sich finanziell uneins. In jenem Sommer blieb der Profi den einem oder anderen Training fern, er galt als Streikender. «Es war frustrierend», gibt er zu. Letztlich erfüllte er den bis 2007 gültigen Vertrag.

Es ging auch ums Geld, das verneint Deumi nicht. Und doch verliert er kein schlechtes Wort über die Zeit im Oberland. Er erwähnt die Herzlichkeit der Fans. Die familiäre Atmosphäre im Verein. Die hohe Lebensqualität. Deumi ist ein aufgestellter und gutmütiger, ein bodenständiger und zurückhaltender Typ, kurz: ein Mann der leisen Töne.

Wie er tickt, verdeutlicht folgende Anekdote: 2002 spielte er in Sitten, es ging mit den Wallisern bergab, und so meldete sich der Spieler bei Hanspeter Latour. Schüchtern fragte er, ob er in Thun ein Probetraining absolvieren dürfe. Latour belustigte das Telefonat noch Jahre danach, wie er verriet. «Ich habe ihm gesagt, dass dies nicht nötig sei, weil ich ihn aus der Meisterschaft kenne.» Damit war der Transfer besiegelt.

36-jährig ist Armand Deumi mittlerweile, sein Vertrag beim türkischen Zweitligisten Gaziantep ausgelaufen. Eine Saison noch möchte er absolvieren, ein letztes Jahr als Profi spielen. Sein Berater sucht einen Klub, der Spieler trainiert alleine. Unangenehm sei dies, «als Fussballer brauchst du eine Gruppe».

Deumi weiss: Es wird Zeit, sich übers Leben nach der Karriere Gedanken zu machen. Konkrete Pläne hat er nicht, reizvoll stuft er den Job des Spielervermittlers ein. Die Gelegenheiten, den im Oberland lebenden Bruder zu besuchen, werden sich häufen. Immer mal wieder reist der Afrikaner nach Thun, pflegt die Freundschaften mit Sportchef Andres Gerber und Teammanager Ulrich Fivian.

Dennoch stand die Rückkehr nie zur Debatte. Ganz schliessen wird Deumi das Kapitel Thun wohl nie können. «Hier erlebte ich sehr emotionale Momente.» Solche von tiefster Zufriedenheit, aber auch mit unfassbarer Trauer erfüllte Augenblicke.

Die europäischen Stationen des FC Thun 2005 sehen Sie hier:

Thuner Tagblatt

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