Genie und Glaube, Geld und Gefängnis

Neymar will am Samstag in Berlin gegen Juventus den Champions-League-Final gewinnen. Der Transfer des Brasilianers vor zwei Jahren zum FC Barcelona sorgt derweil für grosses juristisches Theater.

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Am Donnerstag war es genau elf Monate her, dass der Volksheld in Fortaleza nach einem brutalen Foul Juan Zunigas verletzt auf dem Boden lag. Neymar, legitimer Nachfolger von Pelé, Zico und Ronaldo und eine unvergleichliche Mischung der drei, krümmte sich vor Schmerzen, die WM war für Brasiliens Hoffnungsträger nach dem Viertelfinal gegen Kolumbien (2:1) zu Ende.

Wenige Tage später unterlag eine geschockte Seleçao im Halbfinal Deutschland 1:7, und nicht wenige fragen sich heute noch, was gewesen wäre, hätte Neymar nicht gefehlt. 45 Tore hat der Stürmer in 60 Länderspielen erzielt, er ist auf bestem Weg, in die Kategorie der Megasuperstars Cristiano Ronaldo und Lionel Messi aufzusteigen.

120 Tore vom Sturmtrio

Schnell meldete sich Neymar letzten Sommer genesen zurück, nachdem es zuerst noch geheissen hatte, seine schwere Rückenverletzung könnte zum Karriereende führen. Er hat eine grossartige Saison beim FC Barcelona absolviert – und steht trotz 38 Toren in 50 Pflichtspielen immer noch ein wenig im Schatten von Ronaldo und Messi. Beispielsweise in der Champions League, wo Neymars neun Treffer in elf Einsätzen mithalfen, Barcelona in den Final vom Samstag gegen Juventus zu führen – nur Messi und Ronaldo haben mehr getroffen (je zehnmal).

Meister und Cupsieger ist Neymar mit Barça bereits geworden, in Berlin soll morgen eine grandiose Spielzeit gekrönt werden. «Wir sind in Form», sagt Neymar, «und das Zusammenspiel wird immer besser.» 120 Tore erzielten Messi, Luis Suarez und er in dieser Saison, es ist ein unfassbarer Wert – und am Samstag wartet die rustikale, routinierte Abwehr Juves auf das Sturmtrio infernale. «Wir verstehen uns immer besser», sagt Messi, «es macht viel Spass mit Neymar.»

Wohl mehr als 157 Millionen

Am Anfang der Kooperation von Argentiniens und Brasiliens Fussballikonen war ja unklar gewesen, ob es bei Barcelona Platz hat für die Egos der Ausnahmekönner. Neymar fügte sich ein, er anerkannte die Sonderrolle Messis und glänzt an dessen Seite mit Galaauftritten. Und in den sozialen Medien ist er ein glänzender Botschafter in eigener Sache, seine globale Followerschar ist riesig.

Nicht verscheuchen aber liessen sich die heftigen Schlagzeilen um den Transfer des Brasilianers nach Spanien. Offiziell überwies Barcelona vor zwei Jahren 17,1 Millionen Euro an Neymars früheren Klub Santos, dazu 40 Millionen Handgeld an Neymar& Neymar, die Firma des Spielers und seines Vaters. In Wahrheit aber floss mehr Geld. Viel mehr Geld.

Kürzlich rechnete die spanische Sportzeitung «Marca» vor, dass der Transfer am Ende satte 100 Millionen Euro teurer sein wird – und mit 157 Millionen der mit Abstand kostspieligste Wechsel der Fussballgeschichte. Nicht berücksichtigt ist dabei die jüngste Meldung, wonach Santos jetzt auch noch beträchtliche Schadenersatzforderungen an den FC Barcelona stellt.

Bald hatte sich ja bereits letzte Saison herausgestellt, dass für weitere Handgelder, Boni für teilweise fiktive Beratungs- und Scoutingmandate an diverse Personen sowie Verkaufsrechte für Freundschaftsspiele insgesamt 83 Millionen Euro von Barcelona bezahlt worden waren. Der Klub überwies danach hastig rund 13 Millionen Euro Steuernachzahlung, aber die Justiz hatte die Ermittlungen längst aufgenommen. Sie dauern bis heute an.

Präsident hinter Gitter?

Sandro Rosell, im Sommer 2013 Präsident Barcelonas, hatte sich vor zwei Jahren feiern lassen, weil 57 Millionen Ablöse für einen Edelfussballer wie Neymar auf dem völlig überhitzten Mercato wie ein Schnäppchen ausgesehen hatte. Rosell trat nach ersten Enthüllungen Anfang 2014 von seinem Amt zurück, die dubiosen Begleiterscheinungen des delikaten Transfers hatten ihn zu Fall gebracht. Sein Vize Josep Bartomeu übernahm, mittlerweile stehen beide vor Gericht.

Die Unregelmässigkeiten sowie der Verdacht auf Steuerhinterziehung wiegen schwer, die geforderten Strafen der Staatsanwaltschaft sind happig: Folgt das Gericht den Anträgen, müsste Rosell siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis, Bartomeu für 27 Monate. Zudem sollen Rosell 25,1 Millionen, der Verein 22 sowie Bartomeu 3,83 Millionen Euro Strafe zahlen. Und so kommt diese aussergewöhnlich hohe Summe im Zusammenhang mit Neymars Wechsel zusammen.

Einen Tag nach dem Einzug Barças ins Champions-League-Endspiel ordnete der Madrider Ermittlungsrichter José de la Mata vor wenigen Wochen jedenfalls die Eröffnung des Prozesses gegen Rosell und Bartomeu an. In Barcelona wittert man mal wieder eine Verschwörung, die stolzen Katalanen mögen die Kapitale Madrid nicht nur in sportlichen Dingen eher nicht. Beim FC Barcelona ist die Nervosität gross, für diesen Sommer sind vorgezogene Neuwahlen des Vorstands angekündigt. Bartomeu will, obwohl angeklagt, erneut antreten.

Wiedersehen mit Zuniga

Neymar kümmert das Theater um seinen sündhaft teuren Transfer kaum, er vertraut Gott, dem Glauben und seinem Genie. Und auch die Fans sind nicht besonders enerviert, im Kampf um die grössten Talente des Fussballs wird nun einmal gemauschelt und betrogen, so sehen das viele in dieser Welt. Neymar dribbelt, trickst und schiesst sich derweil mit fantastischen Leistungen auf ein immer höheres Niveau, gegen Juventus will er morgen Abend in Berlin seinem fulminanten Aufstieg vorläufig die Krone aufsetzen.

Und die eine oder andere WM wird der Artist auch noch bestreiten können, seit der Schmach gegen Deutschland überzeugt Brasilien unter dem neuen, alten Trainer Carlos Dunga mit einer bemerkenswerten Siegesserie. In wenigen Tagen beginnt in Chile zudem die Copa America, Amerikas prestigeträchtiger Kontinentalwettbewerb. Neymar und Messi werden selbstverständlich direkt nach dem Champions-League-Endspiel hinfliegen.

Juan Zuniga übrigens ist auch dabei. Am 17. Juni trifft Brasilien im zweiten Vorrundenspiel in Santiago auf Kolumbien. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.06.2015, 11:20 Uhr

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