Flankenexperte aus dem Emmental

Florent Hadergjonaj, kosovarischer Langnauer, ist bei YB durchgestartet. Der 20-Jährige freut sich auf den Europa-League-Auftakt am Donnerstag gegen Slovan Bratislava.

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Fabian Ruch

Für den Städter sind Ausflüge ins Emmental immer wieder ein Vergnügen, und am sonnigen Dienstagnachmittag wirkt die Szenerie noch ein bisschen grüner, saftiger, lieblicher als sonst. Der Sommer ist auch in Langnau zurück, selbst wenn in ein paar Stunden die SCL Tigers zum Heimspiel bitten. Florent Hadergjonaj kennt den Gegner, er informiert sich auch über die Resultate, aber vermutlich gibt es nicht viele Menschen in der Gegend, die weniger Partien der Tigers gesehen haben.

«Ich war einmal an einem Heimspiel», sagt Hadergjonaj, «Langnau siegte gegen Freiburg 8:5.» Er hebt fast entschuldigend die Schultern und erklärt: «Ich war immer vom Fussball fasziniert, als gebürtiger Kosovare ist Eishockey für mich halt nicht so wichtig.» Und immerhin wohne er so nahe an der Eishockeyhalle, dass er den Torjubel vernehme, wenn das Fenster bei ihm geöffnet sei.

Nicht nur Eis und Hürden

Langnau und Sport, das ist ganz viel Eishockey, das ist Hürdenlauf dank Lisa Urech und Noemi Zbären, und das ist seit kurzem: Fussball. Oder präziser: Florent Hadergjonaj, talentiertester Fussballexport des Emmentals. «Ich habe gehört, es habe nicht viele Emmentaler Profis gegeben», sagt Hadergjonaj. Wenn man Oberdiessbach zum Emmental zählen möchte, sind Mario Raimondi und Adrian Kunz zu erwähnen – aber Hadergjonaj, aufgewachsen in Bärau und Langnau, stammt aus dem Herzen der Wald-und-Wiesen-Hügellandschaft.

20 Jahre alt wurde der schmächtige Blondschopf im Sommer, erst 17 Einsätze hat er in der Super League bestritten, und doch ist er aus dem YB-Ensemble kaum mehr wegzudenken. Regelrecht durchgestartet ist er in den letzten Monaten, nachdem er vor einem Jahr eher überraschend und wegen erheblicher Personalsorgen erstmals bei YB eingesetzt worden war. «Er hat seine Chance wie andere Junge bei uns gepackt», sagt Trainer Uli Forte, «und sein Potenzial ist noch lange nicht ausgereizt.»

Strenges Programm

In kurzer Zeit hat sich Hadergjonaj beim Berner Publikum ein ausgezeichnetes Standing erarbeitet. Das hängt mit seiner leidenschaftlichen, erstaunlich reifen, enorm offensiven Spielweise zusammen. Der Rechtsverteidiger ist auf der Überholspur unterwegs, rasant und druckvoll, und er ist einer, der weiss, wie man eine Flanke mit Schnitt, Zug und Präzision schlägt. «Die Qualität seiner Flanken ist sehr, sehr hoch», meint Trainer Forte. Und der Flankenspezialist selber sagt: «Es war immer meine Stärke, aus vollem Lauf genau zu flanken.»

Der freundliche, aufgestellte Hadergjonaj ist ein äusserst selbstbewusster Fussballer. «Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich Profi werde», sagt er während des Gesprächs auf dem Sportplatz Moos in Langnau, wo seine Karriere als F-Junior begann. Mit 12 wechselte er zu Thun, sein Werdegang verlief holprig, er schaffte es vorerst nicht zu YB, ging den Umweg übers Team Luzern-Kriens, wo er mit der U-17 Meister wurde und die Young Boys dreimal schlug. «Natürlich war es bitter, als YB mich nicht wollte», sagt er, «aber ich arbeitete einfach noch härter an mir.»

Seinen Spieltrieb lebt Hadergjonaj an der Tischtennisplatte, der Dartscheibe oder der Playstation aus, regelmässig geht er ins Kino. «Viel Freizeit habe ich aber nicht», sagt Hadergjonaj, «bis nächsten Sommer absolviere ich die Feusi-Sportschule. Es ist mir wichtig, eine KV-Ausbildung abzuschliessen.» Die Schulbank drücken muss er nur noch am Dienstagmorgen, aber das Praktikum auf der Feusi-Geschäftsstelle ist ein 60-Prozent-Pensum.

Nachfolger von Simon Moser?

Hadergjonaj pendelt mit dem Zug nach Bern, die Autoprüfung absolviert er bald. Ohnehin entspricht er nicht dem Klischee, das viele von jungen Fussballern haben. Tattoos beispielsweise würden nicht zu ihm passen, einen Berater habe er auch nicht, die Gespräche mit YB über den Vertrag bis 2017 führte sein Vater.

Selbstverständlich träumt auch Hadergjonaj davon, einmal im Ausland zu spielen. «Aber ich kann bei YB noch viel lernen», sagt er. «Neben Steve von Bergen zu spielen, ist manchmal kinderleicht. Er ist so erfahren und führt mich perfekt. Davon kann ich profitieren.» Am Ende seiner Entwicklung ist der Defensivspieler bestimmt nicht angelangt. Vorerst kommt morgen mit dem ersten Einsatz in der Europa League gegen Slovan Bratislava der «nächste Höhepunkt», wie es Hadergjonaj beim Fototermin hoch über Langnau formuliert.

Überzeugt der Emmentaler im Europacup, könnte er bei der Wahl zu «Langnaus Sportler des Jahres» bald ein Siegkandidat sein. In der Regel triumphieren Eishockeyspieler – wie letztes Jahr der aktuelle SCB-Stürmer Simon Moser.

Berner Zeitung

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