Erneutes Glück in der Nachspielzeit

Die Schweiz gewinnt das letzte Spiel in der EM-Qualifikation in Estland dank eines Eigentores in der 94. Minute mit 1:0. Ihr Auftritt in Tallinn war lange Zeit von bescheidener Qualität.

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Ein bisschen Fahrt hat das Geschehen nun endlich aufgenommen, nach der Pause beteiligen sich auch die Schweizer mit Engagement am Treiben, ein Leckerbissen ist die letzte EM-Qualifikationspartie in Estland aber immer noch nicht. Und so deutet vieles auf ein 0:0 hin, zumal bald die Nachspielzeit anbricht.

Diese aber meint es in diesen Wochen gut mit der Schweiz. Wie beim wegweisenden 3:2-Erfolg gegen Slowenien im September gelingt ihr praktisch mit der letzten Aktion in der 94. Minute das Siegtor. Wobei es zu diesem tristen Abend in Tallinn passt, erzielt Estlands Captain Ragnar Klavan von Augsburg ein Eigentor.

Miserable erste Halbzeit

Der Start in die Begegnung verlief für die Schweizer noch äusserst zäh. Und das ist noch freundlich formuliert, denn bereit waren die Gäste für diese Kehrauspartie in der EM-Qualifikation nicht. Sie produzierten in der Startphase jede Menge Fehlpässe, verloren die meisten Zweikämpfe und mussten froh sein, nicht früh in Rückstand geraten zu sein.

Der auffällige, trickreiche Konstantin Vassiljev vergab in den ersten Spielminuten zweimal die Führung für ein kampfstarkes Estland, das aufsässig agierte und erneut bewies, ein unbequemer Gegner zu sein.

Die Schweizer formierten sich diesmal im 4-2-3-1-System und nicht im 4-3-3, mit Blerim Dzemaili als Spielmacher – und mit Granit Xhaka neben Gökhan Inler im Zentrum des Aufbaus. Noch in der ersten Halbzeit tauschten Dzemaili und Xhaka die Positionen, was immerhin eine leicht bessere Leistung des Teams zur Folge hatte.

Kurz vor der Pause schoss mit dem ansonsten wenig aktiven Xherdan Shaqiri erstmals ein Schweizer aufs gegnerische Tor. Zuvor hatte es zweimal Xhaka mit Distanzschüssen probiert, insgesamt jedoch enttäuschten die Gäste schwer. Ihrem Auftritt fehlte die Leichtigkeit, zu erkennen war auch nicht der unbedingte Wille, in Tallinn wenigstens ein bisschen Kampfeslust und Enthusiasmus zu zeigen.

Sie spulten vor allem vor der Pause ihr Pensum ab, freudlos und uninspiriert und damit genau so, wie Fussballprofis oft ein Spiel bestreiten, indem sich der sportliche Wert im überschaubaren Bereich hält.

Shaqiris schwacher Auftritt

Es ist zwar nachvollziehbar, traten die Schweizer gestern Abend im relativ kalten Tallinn (3 Grad) ab 21.45 Uhr Ortszeit lange Zeit mit begrenztem Fleiss auf, ein bisschen mehr Spieltrieb hätte man sich aber schon gewünscht.

Heute fliegen die Nationalspieler zurück zu ihren Vereinen, spätestens morgen interessiert der gestrige Kick in Estland kaum noch jemanden, und in Bestform muss die Mannschaft von Vladimir Petkovic auch nicht übermorgen, sondern in ziemlich genau acht Monaten sein, wenn die Euro 2016 in Frankreich beginnt.

Der Nationaltrainer besitzt also genügend Zeit, um Lösungen zu finden, wie seine Schlüsselspieler wirkungsvoll zur Geltung kommen. Nicht nur Petkovic dürfte sich dabei vor allem von Shaqiri eine klare Leistungssteigerung erhoffen. Nach turbulenten Monaten wirkt der kräftige Dribbler, auf dem in der Offensive viele Hoffnungen lasten, eher nicht topfit.

Für Shaqiri geht es beim neuen Arbeitgeber Stoke darum, seine Form endlich wiederzugewinnen – mit relativ unmotivierten Vorstellungen wie gestern zementiert der 24-Jährige ein unvorteilhaftes Bild, das viele von ihm bekommen haben.

Estlands Riesenchance

In der zweiten Halbzeit rückte jedenfalls Sturmtalent Breel Embolo für Shaqiri ins Team, die Schweizer traten nun wieder im bei Petkovic gewohnten 4-3-3 auf, mit Inler als Chef und Xhaka als Adjutant auf einer Halbposition im Mittelfeld. Das kann sich bis zur EM noch ändern.

Am Montagabend gingen die Schweizer nach der Pause entschlossener zu Werk, Admir Mehmedi und Eren Derdioyk verpassten gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit gute Möglichkeiten. Nun zeigten die Gäste, warum sie sich für die Europameisterschaft qualifiziert haben und nicht Estland, sie spielten ihre höhere individuelle Qualität ab und zu aus, ein Tor gelang aber auch dem wirbligen Embolo nicht.

Immerhin bereitete das 18-jährige Basler Juwel das sehr späte 1:0 mit einem herrlichen Dribbling vor. Kurz zuvor hatten die Esten in der 92. Minute eine Riesenchance vergeben, als Ats Purje aus drei Metern übers verlassene Tor schoss. Auch dank des Glücks in den Nachspielzeiten fährt die Schweiz an die Euro 2016.

Berner Zeitung

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