Emotionslos zu drei Punkten

4:0 in San Marino – die Schweizer erfüllen an einem surrealen Abend in der EM-Qualifikation ihre Pflicht.

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Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als Vladimir Petkovic vor dem Spiel zum Interview beim Tessiner Fernsehen ging, übersah er einen kleinen Absatz und geriet kurz ins Stolpern. Es war der schwierigste Moment für einen Schweizer an diesem ganzen Abend in San Marino.

1:0 stand es nach 10 Minuten, 3:0 nach einer halben Stunde, 4:0 am Ende, nur 4:0. Die Schweizer hatten Chancen genug, um vier, fünf Spiele zu entscheiden. Das sprach für ihre Überlegenheit, die krass war, und nicht weniger für Überforderung des Gegners. Wobei das in diesem Fall als Wertung nicht passte: Die San Marinesen gaben keinen Gegner ab, sie standen einfach nur gleichzeitig mit den Schweizern auf dem Platz.

Hinterher war nicht die Zeit für grundsätzliche Erkenntnisse. Gewonnen war gewonnen. Damit war die Übung erledigt. Und der Rückstand zu Slowenien und Litauen bis auf drei Punkte reduziert. Damit sieht die Rangliste für die Schweizer erwartungsgemäss wieder etwas freundlicher aus. Wesentlicher für den weiteren Verlauf der Qualifikation wird nun jedoch sein, was sie am 15. November zustande bringen. Dann kommt Litauen nach St. Gallen.

Der Lustlosigkeit hingegeben

Solche Spiele, wie es gestern eines war, will die Uefa und die Fifa auch. Auch die Präsidenten der grossen Verbände wehren sich nicht dagegen. Sie verweisen auf die Verantwortung, die sie gegenüber den kleinen und kleinsten Nationen haben, reden von Solidarität und lassen es so geschehen, dass es selbst in einer Qualifikation zu einer WM oder wie jetzt zu einer EM Freundschaftsspiele gibt.

Die Schweizer brauchte das in Serravalle nicht weiter zu beschäftigen, sie machten, was sie tun mussten, und spielten ihr Pensum zumindest anfänglich mit ausreichender Ernsthaftigkeit ab. Wahrscheinlich wären sie bei einem internen Trainingsspiel auf dem Freienbacher Chrummen härter oder besser: zumindest etwas gefordert gewesen. Ein 13:0 hatte Deutschland vor acht Jahren im Stadio Olimpico herausgeschossen, es ist bis heute der höchste Sieg einer Mannschaft, die es zur Pflicht gehabt hat, gegen San Marino antreten zu müssen. Hätten die Schweizer vor der Pause ein wenig besser getroffen und sich nachher nicht der offensichtlichen Lustlosigkeit hingegeben, wären sie diesem Resultat vermutlich noch recht nahe gekommen.

Allein in der ersten Halbzeit vergab Josip Drmic drei beste Möglichkeiten, zweimal scheiterte er nach massgeschneiderter Vorarbeit von Xherdan Shaqiri allein vor Goalie Aldo Simoncini, das dritte Mal rutschte er auf dem Weg zum Tor weg. Mehr Chancen vergab er nicht, konnte er nicht vergeben, weil er zur Pause durch Admir Mehmedi ersetzt wurde. Mehmedis erster auffälliger Beitrag danach war ein Offsidetor, mit seinem zweiten holte er kurz Schluss den Elfmeter heraus, den Ricardo Rodriguez nachher im Stil einer Rückgabe schoss und vergab.

2289 Leute schauten dem surrealen Treiben zu, wovon die Hälfte aus der Schweiz angereist war. San Marinos Verband meldete Einnahmen von 54 690 Euro. Aussenverteidiger Bonini hatte sein Erfolgserlebnis, als er mit einer missratenen Flanke Yann Sommer dazu zwang, einen Eckball zu verschulden. Captain Della Valla sicherte sich den Applaus mit einem Kopfball, der weit nebens Tor flog. Torhüter Simoncini wiederum hatte diverse persönliche Erfolgserlebnisse, weil wiederholt erfolgreiche Paraden glückten. Das grösste war der gehaltene Penalty, den die Zuschauer wie ein Tor feierten. Am Ende kam Simoncini auch noch zu dem, was er so unbedingt gewollt hatte: Sommers Leibchen, in knalligen Orange gehalten.

Nicht zu bewerten

Die Tore erzielten Haris Seferovic, Blerim Dzemaili und Shaqiri – Seferovic nach einer Flanke von Pajtim Kasami zum 1:0 und mit einem Flachschuss zum 2:0, Dzemaili mit einem Kopfball nach Corner von Rodriguez zum 3:0 und Shaqiri in der 79. Minute nach Xhakas Vorarbeit.

Dzemaili und Kasami waren zwei von drei Spielern, die im Vergleich zur Niederlage in Slowenien neu im Team waren. Sie kamen, weil sich Captain Gökhan Inler leicht verletzt abgemeldet und Valon Behrami kurz vor dem Spiel Petkovic gebeten hatte, ihn wegen leichter Kniebeschwerden zu dispensieren. Gestern waren Behramis Qualitäten als Abräumer überhaupt nicht gefragt, ganz anders am Sonntag mit dem Hamburger SV gegen Hoffenheim.

Der dritte Neue in der Startaufstellung war Steve von Bergen, letzten Donnerstag noch der Einwechselspieler, dessen Fehler dem Elfmeter vorausgegangen war. Gestern vertrat er den angeschlagenen Philippe Senderos. Und für ihn galt, was in erster Linie für die Defensivspieler galt: Sie waren in ihrer Leistung nicht zu bewerten. Weil sie gar nicht gefordert waren.

Als das Spiel vorbei war, reihten sich Spieler und Coach aus der Schweiz kurz vor ihren Fans auf. Und hoben zwei-, dreimal so zur Welle an, wie zuvor ihre Arbeit versehen hatten. Emotionslos.

San Marino - Schweiz 0:4 (0:3).

Olimpico, Serravalle. - 2289 Zuschauer. - SR Chapron (Fr). - Tore: 10. Seferovic (Kasami) 0:1. 24. Seferovic 0:2. 30. Dzemaili (Corner Rodriguez) 0:3. 79. Shaqiri (Xhaka) 0:4.

San Marino: Simoncini; Bonini, Fabio Vitaioli (17. Cervellini), Della Valle, Brolli, Battistini; Palazzi, Alex Gasperoni (70. Lorenzo Gasperoni), Chiaruzzi, Matteo Vitaioli (62. Hirsch); Stefanelli.

Schweiz: Sommer; Lichtsteiner (59. Widmer), Djourou, Von Bergen, Rodriguez; Kasami (73. Barnetta), Xhaka, Dzemaili; Seferovic, Shaqiri, Drmic (46. Mehmedi).

Bemerkungen: Schweiz ohne Inler, Senderos und Schär (alle verletzt). Verwarnung: 27. Dzemaili (Foul). 90. Rodriguez scheitert mit Foulpenalty an Simoncini.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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