Einer für alle und alle für «Los Ticos»

Costa Rica ist dritter WM-Gegner der Schweiz und verrückt nach Real-Goalie Keylor Navas.

Der Empfang des Helden nach der WM 2014: Torhüter Keylor Navas hatte Costa Rica in den Viertelfinal geführt und dem Land rauschende Nächte beschert. Foto: Esteban Felix (Keystone)

Der Empfang des Helden nach der WM 2014: Torhüter Keylor Navas hatte Costa Rica in den Viertelfinal geführt und dem Land rauschende Nächte beschert. Foto: Esteban Felix (Keystone)

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Das Duell zwischen Barcelona und Real Madrid elektrisiert das Land. Zugegeben, es handelt sich um Costa Ricas Barcelona und Real Madrid. So zumindest wurde dem Gast aus der Schweiz der Spitzenkampf zwischen LD Alajuelense und CD Saprissa angepriesen.

Die Leute in Costa Rica stehen an diesem Sonntag Ende April im Bann des Klassikers, und der Besuch der Begegnung wird dringend empfohlen, um in die nationale Fussballkultur einzutauchen. Vor dem Stadion sind Hunderte ­Sicherheitskräfte, viele von ­ihnen auf Pferden, die Spielstätte mit 20'000 Plätzen liegt mitten in einem schäbigen Wohnquartier. Sie ist alt und eng und baufällig; auf den steilen, ausverkauften Tribünen stehen die leidenschaftlichen Supporter und singen bereits eine Stunde vor Spielbeginn. Trotz starkem Regen.

Die Stimmung ist aggressiv im Estadio Alejandro Morera Soto, benannt nach dem bisher legendärsten Fussballer der Geschichte Costa Ricas mit Vergangenheit beim FC Barcelona. Und das Geschehen auf dem Platz ist wild. Tore fallen zunächst keine, aber in der Schweiz wären mindestens vier Spieler des Feldes verwiesen worden. Zweikampf­regeln – in Costa Rica sind das bestenfalls Empfehlungen.

Und nach der Pause brechen alle Dämme. Alajuelense trifft zum 1:0 und sofort zum 2:0 und etwas später auch noch zum 3:0. Und dann dreht auch Saprissa auf, der Gegner. Die 79. Minute: 3:1. Die 83. Minute: 3:2. Die Nachspielzeit: 3:3. Wurfgegenstände fliegen aufs Feld, ein Spieler des Heimteams sieht Rot, später noch ein zweiter. Saprissa vergibt eine Topchance nach der anderen, was vielleicht besser ist, denn so steht es beim Schlusspfiff nach 107 Minuten immer noch Unentschieden – der Schiedsrichter hätte den Schauplatz bei einem Sieg der Gäste wohl nur noch inmitten der Polizeipferde lebend verlassen können. «In Costa Rica», sagt der Journalist nebenan auf der Tribüne, «ist Fussball heiliger als alles andere.»

Der rasante Aufstieg

So ausgeprägt der Hass zwischen den Fangruppen der Spitzenteams ist, so umfassend ist die gemeinsame Hingabe fürs Nationalteam. Alle lieben «Los Ticos», die Costa Ricaner, und alle lieben Keylor Navas. Vor acht Jahren hatte der Torhüter sein Heimatland Richtung Spanien verlassen, für 150'000 Euro ging er zu Leganes. Zwei Saisons später bezahlte Real Madrid 10 Millionen für ihn. Navas ist ein Volksheld, beliebt bei Alt und Jung, irgendwann wird mindestens ein Fussballstadion seinen Namen tragen, bereits heute ist er ein Kinostar.

«Mann des Glaubens» heisst der Film, in dem es um den beinahe biblischen Aufstieg des strenggläubigen Goalies geht. Und Navas schreibt weiter fleissig neue Kapitel seiner märchenhaften Karriere. Eben gewann er mit Real Madrid zum dritten Mal die Champions League, und als er vor wenigen Tagen nach Costa Rica zum Nationalteam stiess, glich der Empfang am Flughafen einem Staatsakt. Navas fand mit viel Pathos die passenden Worte: «Der Erfolg mit Real war grandios. Aber ich hoffe, dass mein Saisonhöhepunkt an der WM noch bevorsteht.»

«Für uns ist alles möglich»

Navas ist in Costa Rica Superstar, Aushängeschild, Hoffnungsträger und alles mehr, was der Wortschatz für Fussballidole bereithält. Der 31-Jährige ist ­Anführer einer talentierten Ansammlung, die als «goldene Generation» bezeichnet wird. Verbandschef Rodolfo Villalobos spricht von der «besten Nationalmannschaft aller Zeiten».

Die Euphorie um die Auswahl liegt im grossartigen Abschneiden an der WM vor vier Jahren begründet. Damals erreichte Costa Rica sensationell den Viertelfinal, Navas hielt und hielt und wurde dreimal zum Spieler des Spiels gewählt. Auch die anderen Eckpfeiler von damals – Abwehrchef Giancarlo Gonzalez (Bologna), Stratege Celso Borges (La Coruña), Freigeist Bryan Ruiz (Sporting Lissabon) oder Angreifer Joel Campbell (Betis Sevilla) – sind immer noch dabei. Und selbst wenn Ruiz auf schwierige Zeiten zurückblickt und das einstige Arsenal-Supertalent Campbell seit Jahren ständig verletzt ist, stört das zu Hause niemanden: Viele Tore hat Costa Rica nie erzielt, und hinten steht ja der Fussballgott höchstpersönlich zwischen den Pfosten. Und der gibt sich gar nicht erst die Mühe, bescheiden zu bleiben. «Für uns ist alles möglich», sagt Navas, «wir sind schwer zu bezwingen.»

Die Begeisterung unter den 5 Millionen Einwohnern wurde am Wochenende durch einen 3:0-Sieg gegen den Schweizer WM-Barrage-Gegner Nord­irland gesteigert. In Europa folgen noch die Testspiele gegen England und Belgien, dann soll in Russland die Fussballwelt erneut im Sturm erobert werden. Wobei: Eher mit einer soliden Defensive. Und mit Kaiser Keylor von den ­Königlichen aus Madrid.

Eine Gruppe mit Weltmeistern

Die zuletzt nicht nur grossartige Form der Auswahl wird derzeit flott ignoriert. Schliesslich hatte das Team auch vor der WM 2014 Probleme. Aber dann: die Gruppe mit den Weltmeistern England, Italien und Uruguay dank Erfolgen gegen England und Italien mit sieben Punkten auf Rang 1 beendet; Sieg im Achtelfinal im Penalty­schiessen gegen Griechenland; Niederlage erst im Elf­meterschiessen des Viertelfinals gegen Holland. «Wir sind nicht schwächer als damals», behauptet Navas. Auch das ­defensive System ist gleich geblieben.

Wenn das Nationalteam spielt, sitzt ganz Costa Rica vor dem TV. Opium fürs Volk. Diesmal steht mit Brasilien nur ein Weltmeister in der Gruppe, und Serbien und die Schweiz mögen zwar aus Europa sein – aber fuhren 2014 nicht die Giganten England und Italien nach der Vorrunde heim? Und Serbien und die Schweiz besitzen keinen Weltklasse­akteur wie Navas! «Es ist schwierig, den Menschen in Costa Rica zu erklären, dass wir auf der ganzen Welt als Aussenseiter in dieser Gruppe betrachtet werden», sagt Oscar Ramirez. Der Nationaltrainer ist für einen Latino erstaunlich ruhig und nüchtern; er ist ein Analytiker und deshalb vielleicht ganz gut geeignet, in einem Haufen Euphoriker den Überblick zu bewahren.

Ramirez war 1990 als Spieler dabei, als sich Costa Rica unter Trainer-Weltenbummler Bora Milutinovic erstmals für die WM qualifizierte und in Italien zum Start gegen Schottland siegte. «Das war ein sehr wichtiger Moment für unseren Fussball», sagt der 53-Jährige. «Da realisierten wir, dass wir mithalten können.» 1990 schlug Costa Rica auch Schweden und verlor gegen Brasilien knapp (0:1), ehe die Tschechoslowakei im Achtelfinal Endstation bedeutete. 2002 und 2006 bestritt Costa Rica ebenfalls die WM-Endrunde, nun folgt bereits die fünfte Teilnahme. «Wir sind kein Exot mehr», trotzt Ramirez, «schliesslich haben wir in der Qualifikation die USA hinter uns gelassen. Aber unterschätzen dürfen unsere Fans Serbien und die Schweiz nicht.»

Es ist halt auch im Fussball vieles eine Frage der Wahrnehmung. Ramirez wird die Bodenhaftung nicht verlieren, er ist ein Kämpfer und trägt den Spitznamen «Machillo». Der nur 165 Zentimeter grosse Fussballlehrer ist aber gar oft unterschätzt ­worden. Und im Prinzip ist er nur durch Zufall zum Selektionär aufgestiegen. Nach der WM 2014 konnte man sich mit Jorge Luis Pinto nicht über eine Vertragsverlängerung einigen. Nachfolger Paulo Wanchope, in Costa Rica eine Stürmerlegende, lieferte sich an einem Spiel der U-23-Auswahl Costa Ricas eine üble Schlägerei mit einem Ordner, die dummerweise über die sozialen Medien verbreitet wurde.

Ausscheiden? Unverzeihlich!

Wanchopes Auftritt ging um die Welt, nach seinem Rücktritt rückte Diplomat Ramirez auf. In einem Interview vor ein paar Monaten sagte Ramirez am TV, er wisse genau, dass er kaum noch Nationaltrainer sein werde, sollte Costa Rica in Russland früh ausscheiden. «Das würde mir niemals verziehen werden.»

Die Viertelfinalqualifikation vor vier Jahren war der vorläufige Höhepunkt einer erfreulichen Fussballentwicklung in Costa Rica. 2010 wurde für rund 11 Millionen Dollar und dank Fifa-Fördergeldern eine beeindruckende Trainingsanlage ausserhalb der Hauptstadt San José gebaut, in der die Talente der U-15 bis U-23 fast das ganze Jahr über ausgebildet werden. Die Verbandsangestellte Joselyn Hernandes zeigt die Räumlichkeiten und Spielfelder auf einem Rundgang voller Stolz; es hat auch eine Halle, Kunstrasenplätze und Beachsoccer-Felder, ein modernes Fitnesszentrum und jede Menge Wohnungen für die Spieler.

Die Nachwuchsauswahlen sind im Vormarsch, sogar der Frauenfussball wird gefördert (2014 fand die U-17-WM in Costa Rica statt). Aber die grössten Talente verlassen das Land auch hier früh, sie gehen nach Mexiko und in die USA, die besten gleich direkt nach Europa. Dort sind Entwicklungsmöglichkeiten und Verdienst besser. Im WM-Kader Costa Ricas stehen nur sechs Spieler, die in der Heimat engagiert sind, dafür spielen zehn in Europa – unter ihnen mit dem Lausanner Yeltsin Tejeda einer von nur vier Super-League-Vertretern an der WM. Als Schweizer hätte er es eher nicht ins WM-Aufgebot geschafft.

«Wir dürfen die Relationen nicht verlieren», sagt Trainer Ramirez, «die Leistungsdichte in Serbien und in der Schweiz ist deutlich höher als bei uns. Aber unsere Spieler haben bereits einmal Grosses geleistet.» Den Viertelfinal an einem grossen Turnier möchte bekanntlich auch die Schweiz endlich einmal erreichen.

In Costa Rica blickt man der WM-Vorrunde also ungefähr mit den gleichen Ambitionen entgegen wie in der Schweiz. Rang 2 ist das Ziel; schlechter zu sein, wäre eine Enttäuschung, in Costa Rica sogar eine Katastrophe. Cristian Williams, der Medienchef des Verbands, sagt beim Besuch Ende April, es bringe wenig, den Menschen zu Hause zu erklären, dass 22 von 23 Schweizer WM-Akteuren in grossen Ligen engagiert seien: «Es ist und bleibt für sie die kleine Schweiz.»

China investierte grosszügig

Costa Rica wird ja gerne als «die Schweiz Zentralamerikas» bezeichnet, was an der reizenden Landschaft liegt, vor ­allem aber an der strikten Neutralität. Vor bald 70 Jahren schaffte der Kleinstaat sogar seine Armee ab. Das Land ist deutlich sicherer als die umliegenden Nationen, aber natürlich ist es lauter und dreckiger, ärmlicher und gefährlicher als in der Schweiz. Und politische Winkelzüge beherrschen die Entscheidungsträger auch in Costa Rica. So beendete das Land vor etwas mehr als zehn Jahren abrupt seine Beziehungen zum chinesischen Feind Taiwan. Prompt ­investierte in der Folge China auch in Costa Rica kräftig. Unter anderem stellte der asiatische Wirtschaftsriese 2011 eine prächtige 35'000-Plätze-Arena für knapp 100 Millionen Franken Baukosten in San José hin.

Fussballdiplomatie nennt sich das, und auf ihr Nationalstadion sind die Menschen in Costa Rica schon auch stolz. Selbst wenn im ersten multifunktionalen Stadion Zentralamerikas kaum einmal Ligaspiele ausgetragen werden. Nach der WM 2018 soll das Nationalteam nach einem erneut triumphalen Umzug durch die Hauptstadt im Estadio Nacional de Costa Rica gefeiert werden. Vor vier Jahren bereitete über eine halbe Million Menschen den Helden von Brasilien einen rauschenden Empfang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 00:12 Uhr

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