Eine Standortbestimmung für die neue YB-Kultur

YB-Trainer Christian Gross will den Rückstand auf Basel verkürzen. Das heutige Heimspiel gegen den FCB ist ein wichtiger Test für die neue Leistungskultur bei den Young Boys.

Grosse Macht bei YB: Trainer Christian Gross.

Grosse Macht bei YB: Trainer Christian Gross.

(Bild: Andreas Blatter)

Fabian Ruch

Alles auf Christian Gross! Das ist – um es im Rouletteslang zu sagen – das Motto bei YB. Die Macht im Betrieb konzentriert sich stark auf den Trainer, der dem Verein endlich, endlich den ersten Meistertitel seit 1986 bescheren soll. Gross besitzt einen engen Draht zu den Investoren, und selbst CEO Ilja Kaenzig und der Technische Direktor Hansruedi Hasler stehen in der YB-Hierarchie, auch wenn das auf dem Organigramm anders skizziert ist, hinter Christian Gross. Das zeigen zum Beispiel die Abgänge der Verteidiger François Affolter und Scott Sutter, die unter Gross keine Rolle mehr spielten, bei anderen im Verein aber einen hohen Stellenwert genossen.

Der Coach arbeitet seit letztem Sommer äusserst akribisch (und seit mehreren Tagen sogar mit einer hartnäckigen Bronchitis), er hat vieles verändert, eine neue Mentalität eingeführt und bald die halbe Mannschaft ausgetauscht. Auf Einzelschicksale nimmt der Zürcher keine Rücksicht, er geht fokussiert den Weg, es ist sein Weg, und es ist ein Weg, der sich als erfolgreich erweisen könnte, aber nicht frei von Risiken ist, weil es irgendwann einen nächsten YB-Trainer geben wird.

«Wir müssen gut sein»

Die Richtung nach der neuerlichen, kostspieligen Transferoffensive im Winter stimmt, YB überzeugte zum Rückrundenstart gegen Servette (3:1) und in Sion (1:0). «Mehr Spielfreude, mehr Zug nach vorne und mehr Torgefahr» sah Gross in diesen Spielen. Dummerweise – aus YB-Sicht – gibt es aber den FC Basel, den Branchenleader und Meister, den stolzen Champions-League-Achtelfinalisten und souveränen Leader. Das Saisonziel von Gross ist es ja, den Rückstand auf Basel und Zürich, der letztes Jahr 16 und 15 Punkte betrug, zu verkürzen. Der FCZ zieht eine schwache Spielzeit ein, und wenn YB heute im Heimspiel den FCB bezwingen sollte, würde der Abstand auf Basel noch 3 Punkte (oder genauer: 6 Verlustpunkte) betragen. «Spiele gegen Basel sind immer speziell», sagt der frühere FCB-Titeltrainer Gross.

Aber vor dem Spitzenkampf hält der 57-Jährige den Ball verbal bewusst tief. Er will nichts von einer «kleinen Finalissima» oder einer «Standortbestimmung» oder sogar einem «Spiel der letzten Titelchance für YB» wissen. Gross sagt: «Auch danach wird die Saison noch lange dauern.» Doch es ist heute zumindest eine Standortbestimmung für die neue, viel beschworene Leistungskultur, die mit Gross bei YB eingezogen ist. Es weht ein rauherer Wind im Stade de Suisse, die Zeit der Ehrenplätze und verlorenen Schlüsselspiele soll nach dem titellosen letzten Vierteljahrhundert vorbei sein.

«Dominanz» und «Entschlossenheit» und «Leidenschaft» fordert der Coach der Young Boys ständig von seiner Akteuren. Und je länger die aktuelle Saison dauerte, desto mehr sah man auf dem Spielfeld bei YB mal das eine und mal das andere und manchmal sogar alle drei Tugenden zusammen. «Die Spieler sind selbstbewusster geworden», sagt Gross. «Aber wir müssen am Donnerstag gegen den FC Basel gut sein, um zu gewinnen. Und wir müssen vor allem effizient sein.»

Die grosse Chance für YB

Christian Gross hat nie gesagt, er wolle in dieser Saison Meister werden. «Einen Mentalitätswandel kann man nicht von heute auf morgen vollziehen», erklärte er im letzten Herbst. Und die Young Boys könnten im Sommer vom personellen Umbruch beim FCB profitieren. Die Basler Führungsspieler Alex Frei, Marco Streller und Benjamin Huggel sind alle über 30 Jahre alt – und neben Xherdan Shaqiri, den es zu Bayern München zieht, könnten weitere jüngere Teamstützen wie Granit Xhaka, David Abraham und Aleksandar Dragovic ins Ausland wechseln. Der FC Basel hätte dann ganz viel Geld, um neue Fussballer zu verpflichten. Er hat in den letzten Jahren bewiesen, Abgänge gut ersetzen zu können, aber heikel ist diese Konstellation trotzdem.

Berner Zeitung

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