Eine Legende auf der Anklagebank

Fussballmanager Erich Vogel und ein befreundeter Spielervermittler sollen versucht haben, YB-Sportchef Fredy Bickel zu erpressen. Heute stehen die beiden vor Gericht.

Muss sich wegen versuchter Erpressung vor Gericht verantworten: Fussballmanager Erich Vogel. Foto: Reto Oeschger

Muss sich wegen versuchter Erpressung vor Gericht verantworten: Fussballmanager Erich Vogel. Foto: Reto Oeschger

Mario Stäuble@mario_staeuble

Polizisten installieren in einer Anwaltskanzlei versteckte Kameras und Mikrofone. Der «Blick» jagt Informationen, die in einem Safe liegen. Und ein glückloser Geschäftsmann will zurück in sein Business, um jeden Preis.

Wer bei diesem Drehbuch an eine ­Milieugeschichte denkt, liegt falsch. Der Erpressungsfall, der heute am Bezirks­gericht Zürich verhandelt wird, dreht sich um Fussball. Die Protagonisten sind aus zahllosen Spielfeldrand-Interviews bekannt. Auf der einen Seite steht Alfred «Fredy» Bickel, Sportchef bei YB. Auf der anderen Seite Erich Vogel, legendärer Fussballmanager. Der 75-Jährige dribbelt sich nach wie vor durchs Geschäft.

Auf Vogels Seite spielt ein Zögling ­namens Peter Bozzetti die zweite Hauptrolle. Der Staatsanwalt wirft dem Spielervermittler vor, er habe versucht, Bickel um 131'000 Franken zu erpressen. Erich Vogel soll als Gehilfe mitgewirkt haben. Beantragt sind für Bozzetti 30  Monate Freiheitsstrafe, wovon er 10 Monate absitzen soll. Vogel soll 14 Monate bedingt bekommen.

Zwölf Jahre Streit

Die Wurzeln des Falls reichen weit ­zurück. 2002 stecken die Berner Young Boys in Schwierigkeiten. Fredy Bickel, damals ein erstes Mal Sportchef des Vereins, sucht Geld – und hofft, es beim Schwiegervater von Peter Bozzetti zu finden. Im Gegenzug würden Bickel und der damalige YB-Präsident Bozzetti ein «Vorkaufsrecht» auf alle YB-Spieler einräumen. Der Spielervermittler könnte dadurch jeden Sportler, der den Club verlässt, zu einem 20 Prozent tieferen Preis übernehmen. Der für YB unvorteilhafte Deal wird publik, Bickel muss den Verein verlassen. Ein Strafverfahren ­gegen ihn wird aber eingestellt.

Der «Blick» wärmt die Affäre später mehrmals auf. Als die Geschichte 2013 einmal mehr hochkocht, verklagen ­Bickel (der Sportchef ist inzwischen zum Berner Club zurückgekehrt) und YB-Investor Andy Rihs das «Blick»-Haus Ringier. Laut Bickel war das Vorkaufsrecht zwar unterschrieben, trat aber nie in Kraft. Bozzetti habe das Dokument aus seinem Büro entwendet.

Während der Konflikt vor sich hin schwelt, bewahrt Erich Vogel ein Couvert in seinem Tresor auf, das die umstrittenen Dokumente enthält. Bozzetti hatte es ihm übergeben. Der Spielervermittler steht unter Druck, Schulden ­belasten ihn, 61'000 Franken bei Vogel, 70'000 Franken bei seinem Schwiegervater. Im Spätsommer 2013 beschliesst er, wieder ins Fussballgeschäft einzusteigen. Ein Entscheid mit Folgen:

30. August Bozzetti ruft Bickel an und verlangt ein Treffen. Der «Blick» wolle brisante Dokumente haben, über die er verfüge. Diese würden den Sportchef «schwer belasten».

3. September Bickel und sein Anwalt Daniel Glasl empfangen Bozzetti in Glasls Kanzlei an der Bahnhofstrasse. Der Spielervermittler sagt, er sei im ­Besitz von «heissen Dokumenten», mit welchen der «Blick» Bickel «fertig­machen» wolle. Er, Bozzetti, wolle die Dokumente aber lieber Bickel geben. Noch seien sie in Erich Vogels Tresor.

9. September Anwalt Glasl telefoniert mit Vogel. Der sagt, die Dokumente seien «hochexplosive Ware», die Bickels Karrierenende im Fussballgeschäft bedeuten könnten, sollten sie an den «Blick» gelangen. Dies zu verhindern, müsse Bickel «schon etwas wert sein».

10. September Bozzetti und Bickel treffen sich. Der Vermittler sagt, Erich Vogel und sein Schwiegervater würden ihm bei der Rückkehr ins Geschäft helfen, wenn er seine Schulden begleiche. Bozzetti macht klar, dass er Bickel nochmals treffen will, um Couvert gegen Couvert zu tauschen – wobei in Bickels Umschlag 131'000 Franken stecken sollen.

11. September Vogel sagt Bozzetti am Telefon, er solle mehr fordern.

12. September Vogel instruiert Bozzetti nochmals – 200'000 Franken sollen es sein, 131'000 bar, 69'000 als Zusage für künftige Honorare. Später trifft sich Bozzetti mit Bickel und Glasl zum zweiten Mal in der Kanzlei. Er hat die Papiere dabei und fordert die 131'000 Franken.

19 Tage Haft

Weder Bozzetti noch Vogel ahnen, dass Bickels Anwalt die Polizei eingeschaltet hat. Die Beamten schneiden die Telefonate der beiden mit. Und: Sie nehmen das zweite Treffen in Glasls Kanzlei mit versteckten Kameras und ­Mikrofonen auf. Bickel lehnt die Übergabe der 131'000 Franken ab. Bozzetti verlässt die Kanzlei – und wird verhaftet. Gleichentags wird die Polizei auch bei Erich ­Vogel aktiv. Der Staatsanwalt nimmt auch ihn in Haft, sie wird 19 Tage dauern.

Gemäss ihren Verteidigern weisen Bozzetti und Vogel die Anklage zurück und fordern Freispruch. Sie stellen auch Beweise infrage. Bickels Anwalt Glasl ist inzwischen selbst angeklagt, zusammen mit einem Kollegen aus seiner Kanzlei; Erich Vogel hat sie angezeigt. Laut Anklage hatte Glasl den Lautsprecher seines Telefons eingeschaltet, als er 2013 mit Vogel sprach. Sein Kollege machte sich Notizen und schickte diese dem Staatsanwalt. Glasl hatte Vogel nichts von der Anwesenheit des Kollegen gesagt. Darin sieht die Gegenseite ein strafbares Abhören fremder Gespräche.

Damit schliesst sich ein Kreis. Zwölf Jahre nach Beginn der Affäre streiten die beiden Seiten wieder um die Bedeutung brisanter Dokumente. Mit einem Unterschied: Heute entscheidet der Richter.

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