Eine Familienangelegenheit

Heute empfangen die Young Boys den FC Thun (17.45 Uhr). Für zwei Akteure ist es eine ganz besondere Partie. Und eine Premiere.

Duell der Cousins: YB-Verteidiger Linus Obexer (links) und Thuns Christian Fassnacht messen sich für den Fotografen im Armdrücken. Heute stehen sie sich beim Derby gegenüber.

Duell der Cousins: YB-Verteidiger Linus Obexer (links) und Thuns Christian Fassnacht messen sich für den Fotografen im Armdrücken. Heute stehen sie sich beim Derby gegenüber.

(Bild: Andreas Blatter)

Dominic Wuillemin

Linus Obexer gibt den Gastgeber. Der YB-Spieler öffnet die Türen zum Stade de Suisse. Zu Besuch Cousin Christian Fassnacht, der beim FC Thun unter Vertrag ist. Für den Fotografen legen sich die beiden auf den Kunstrasen, für ein erstes Duell, im Armdrücken. Noch stehen sie sich nicht in der Super League gegenüber.

Es ist Donnerstagmittag. Im Stadion ist die Ruhe eingekehrt. Gut zwölf Stunden zuvor war hier noch der Schauplatz grosser Gefühle. Es herrschte Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die Young Boys drehten in der Champions-League-Qualifikation gegen Schachtar Donezk völlig überraschend den Zweitorerückstand aus dem Hinspiel.

Mittendrin Linus Obexer, der in der Verlängerung eingewechselt worden war. «Beim Einwärmen», erzählt der 19-Jährige, «hatte ich schlottrige Beine.» Es war Obexers erster europäischer Match. Eine Sternstunde seiner noch jungen Karriere. «Ich bin jetzt noch überwältigt», sagt er.

Ein Direktduell

Es geht rasch voran, Höhepunkt folgt auf Höhepunkt. So ist das derzeit bei den Cousins. Fassnacht hatte noch vor drei Jahren bei Thalwil in der 2. Liga interregional gespielt. Über Tuggen und Winterthur ist der 22-Jährige diesen Sommer nach Thun gekommen, wo er sich sogleich einen Stammplatz erobert und vor zwei Wochen seine erste Partie in der Super League bestritten hat.

Nun steht das Derby bevor, das Duell mit dem vier Jahre jüngeren Cousin, der sein Debüt in der höchsten Liga vor nicht mal drei Monaten gab, mittlerweile bei YB aber schon etabliert ist. «Das wir einmal gegeneinander spielen würden, das hätte niemand in der Familie für möglich gehalten», sagt Fassnacht. Jedenfalls nicht auf dieser Bühne, bei Familientreffen konnte es schon mal vorkommen, zum Spass, mit den anderen Cousins, die auch fussballaffin sind.

Obexer, der Linksverteidiger, und Fassnacht, der rechte Flügel, womöglich sind sie heute gar direkte Gegenspieler. «Ein Cousin hat mir zehn Franken geboten, wenn ich ihn tunnele», sagt Fassnacht. Der Gedanke bereitet ihm Freude.

Ein kleiner Seitenhieb

Obexers und Fassnachts Mütter sind Schwestern. In Zürich aufgewachsen kam Obexers Mutter vor 25 Jahren der Liebe wegen nach Bern. «Zum Glück», sagt der YB-Spieler, seinem Cousin einen kleinen Seitenhieb gebend. Der Gymnasiast wuchs im Länggasse-Quartier auf, gleich neben dem Neufeld, wo er die freien Stunden auf den Fussballplätzen verbrachte. Seine Wurzeln allerdings hat Obexer nicht vergessen, spricht er mit seiner Mutter oder dem Cousin, wechselt er unbewusst in den Zürcher Dialekt.

Die Herkunft war immer mal wieder Thema bei den Familientreffen. Obexer fühlte sich als Berner den Young Boys verpflichtet, ein anderer Cousin ist grosser GC-Fan. Fassnacht selbst besuchte oft die Partien des FC Zürich. Auch auswärts, im Gästesektor des Stade de Suisse war er schon.

Nun steht er auf dem Kunstrasen, als Protagonist, nicht als Zuschauer. Heute Abend (17.45 Uhr) wird er hier spielen, vor noch ungewohnt grosser Kulisse. Fassnacht zückt das Handy, macht ein paar Fotos. Es sind Bilder wie Bestätigungen: Wille und der Glaube an sich selbst lohnen sich.

Ein Ziel, zwei Wege

Fassnacht war 14, als er beim FC Zürich aussortiert wurde. Zu klein, lautete die Begründung. Als er später in der 2. Liga interregional spielte, behielt er seine Ambition, Profi zu werden, für sich. «Ich wäre sonst ausgelacht worden», sagt er. Zu klein ist er heute auch nicht mehr, mit 185 Zentimetern überragt er seinen Cousin deutlich. «Ich habe sicherlich den einfacheren Weg gehabt», sagt Obexer.

Beim Linksfuss war der Werdegang vorgezeichnet. Er galt früh als grosses Talent, ist Juniorennationalspieler. Allerdings, den letzte Schritt, vom Nachwuchs in den Profifussball, es ist der grösste. Viele Talente vermögen ihn nicht zu nehmen. Obexer hat ihn gemacht. Er sagt: «Jetzt muss ich mich beweisen.»

Bei den Young Boys schätzen sie den unbekümmerten Emporkömmling, der die Liste der eigenen Nachwuchsspieler im Kader verlängert hat. Er gilt als bescheiden, bodenständig, fokussiert. «Sein Wille», sagt Christian Fassnacht, «ist unglaublich. Er gibt nie auf. Auch auf dem Fussballplatz.» Und Obexer, um was beneidet er den Thuner? «Um die Haare», sagt er. Die Cousins lachen.

Obexer und Fassnacht verstehen sich. Bis letzte Woche wohnten sie gar zusammen, Fassnacht fand bei der Familie Obexer in Bern Unterschlupf, bis er in eine eigene Wohnung ziehen konnte. «Früher war er der kleine Cousin», sagt Fassnacht. «Heute haben wir die gleichen Interessen.» Natürlich auch der Fussball selbst. «Unsere Familie ist verrückt nach Fussball», sagt Fassnacht. Das Derby, ihr Duell, ist dementsprechend eine grosse Sache. «Es werden viele Bekannte im Stadion sein», sagt Obexer.

Und wer gewinnt? «Wir wollen nicht mit leeren Händen nach Hause fahren», sagt Fassnacht. Am Donnerstag bleibt ihm dies erspart. Obexer geht in die Kabine. Shampoo für seinen Cousin holen.

Berner Zeitung

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