«Nun wollen wir die Bayern ­fordern»

Adi Hütters Traumjahr geht mit dem Heimspiel gegen Bayern München zu Ende. Der YB-Meistertrainer arbeitet nach schwierigem Start auch bei Eintracht Frankfurt erfolgreich.

Höhenflug auch in Frankfurt: Trainer Adi Hütter. Foto: Keystone

Höhenflug auch in Frankfurt: Trainer Adi Hütter. Foto: Keystone

Fabian Ruch

Auf dem sehr grossen, sehr ­unaufgeräumten Tisch im Büro in der Commerzbank-Arena liegt eine Packung Tabletten. Adi Hütter ist erkältet. Es sind intensive Zeiten, die letzte englische Woche der Vorrunde läuft, bald ist Weihnachten, ein Spiel noch für den Trainer Eintracht Frankfurts, heute Abend gegen Bayern München. Am Freitagmittag empfängt der Österreicher zum Gespräch, er wirkt keineswegs geschwächt, spricht munter über seine Zeit in Bern und den Titel mit YB, den Start in Frankfurt und das Ab und Auf – und zieht irgendwann prägnant Bilanz: «2018 ist das beste Jahr meiner Karriere.» Die Meisterschaft mit den Young Boys sei das schönste Erlebnis gewesen. «YB wartete 32 Jahre darauf – diese Fest­wochen im Frühling in Bern ­werde ich nie mehr vergessen.» 

Am Samstag wartet auf Hütter in der Commerzbank-Arena ein letzter Höhepunkt 2018. Für ihn schliesst sich mit dem Heimspiel gegen die Bayern ein Kreis. ­Etwas mehr als vier Monate ist es erst her, als Frankfurt das erste von bisher 24 Pflichtspielen in dieser Saison gegen den Meister 0:5 verlor. Das war im Supercup, den Frankfurt bestreiten durfte, weil Bayerns Coach Niko Kovac die Eintracht ein paar Wochen ­vorher zum Pokalsieg geführt hatte. «Das waren damals zwei ganz andere Mannschaften», sagt Hütter am Freitag, «wir ­waren überhaupt nicht bereit. Nun wollen wir die Bayern ­fordern.» Das wird er gleich auch an der live am TV übertragenen Pressekonferenz vor über ­zwei Dutzend Medienvertretern ­sagen. In Bern waren am Freitag jeweils zwei, drei Journalisten zum Gespräch mit dem Trainer erschienen. Hütter nimmt sich wie immer vor, eine Botschaft zu platzieren; es wird die Aussage sein, dass Bayern gegen Frankfurt immer Favorit sei. In seinem Büro schmunzelt er, als er meint, es sei schön, ohne Druck ins Spitzenspiel steigen zu können.

Mit Mut und Leidenschaft

Die Entwicklung Frankfurts zum Teilnehmer an einem Bundesliga-Spitzenspiel ist beinahe märchenhaft. Eine Woche nach dem Debakel gegen die Bayern im Supercup schied Hütter mit dem Titelverteidiger im DFB-Pokal beim viertklassigen Ulm 1:2 aus. Das war eine Blamage, und weil nach 5 Runden erst 4 Punkte auf dem Konto lagen, wehte Hütter im Spätsommer ein scharfer Wind entgegen. «Bild» ernannte ihn trotz Vertrag bis 2021 zum am meisten gefährdeten Coach der Liga. Heute sagt Hütter, die Situation sei schon heikel gewesen: «Starke Fussballer wurden verkauft, wir hatten viele Verletzte, das Team spielte vorher viel defensiver und musste sich an mich gewöhnen, zudem waren die Erwartungen nach der tollen letzten Saison sehr hoch.»

Hütter hat den Turnaround spektakulär realisiert, dabei ist er sich und seinen Prinzipien treu geblieben. «Es wäre absurd gewesen, hätte ich auf einmal den Bus am Strafraum parkiert», sagt der 48-Jährige. Er stellte um auf ein forsch interpretiertes 3-5-2-System, das 4:1 gegen Hannover war der Startschuss zu einem bemerkenswerten Herbst, seither fliegt Frankfurt durch die Wochen. Aggressiv und leidenschaftlich, mit hohem Pressing und mutiger Spielweise. Die ­Defensive vor dem starken Torhüter Kevin Trapp, Leihgabe von Paris Saint-Germain, räumt ab, die Aufbauer, zu denen der Schweizer Gelson Fernandes ­gehört, rennen und kämpfen wie verrückt, vorne brilliert ein Trio.

«2018 ist das beste Jahr meiner Karriere – der Titel ist das schönste Erlebnis.»

Sébastien Haller ist einer wie YB-Torjäger Guillaume Hoarau, gross und wuchtig und dennoch spielstark – einer, der die «Bälle festmacht», wie Hütter formuliert. Ante Rebic, der kroatische WM-Finalist, ist der Techniker mit enormer Geschwindigkeit, und mit Luka Jovic steht ein ­herausragender Skorer im Team. Der Serbe ist erst 20, galt früh als Riesentalent, scheiterte aber bei Benfica Lissabon, nun reüssiert er bei der Eintracht aus allen ­Lagen. «Ich habe noch nie einen derart kaltblütigen, präzisen Stürmer gesehen», sagt Hütter, «Luka trifft mit dem Kopf, mit rechts, mit links, er kann alles.» 12 Tore in 14 Bundesligaspielen sind es diese Saison, zuletzt erzielte Jovic am Mittwoch beide Treffer beim 2:2 in Mainz, fünfmal hat er in sechs Europa-League-Einsätzen getroffen.

Auf Rang 5 ist Frankfurt angelangt, ein Punkt vom Vierten Leipzig und der Champions-League-Qualifikation entfernt, in der Europa League gewann das Team in der schwierigen Gruppe mit Lazio Rom, Marseille und Limassol alle sechs Partien, total schoss die Eintracht 52 Pflichtspieltore. Hütter sagt, es sei schön, zu sehen, wie begeistert und stolz die Menschen in Frankfurt auf den Club seien. Er ist in der Bundesliga angekommen, kürzlich war er Gast im «Aktuellen Sportstudio» im ZDF, seine fein konzipierte Laufbahn wird kaum bei der Eintracht zu Ende gehen. Morgen reist Hütter vorerst in die kurzen Winterferien zu Frau und Tochter nach Salzburg, Anfang 2019 kehrt er zurück nach Frankfurt, Mitte Januar schon startet die Rückrunde.

Traum Champions League

Und was muss passieren, damit Hütter in 12 Monaten sagen wird, 2019 sei das beste Jahr seiner Karriere gewesen? «Das wird sehr schwierig. Es wäre ein ­riesiger Erfolg, Eintracht in die Champions League zu führen, dann hätten wir als Mittelfeldteam einige Clubs mit deutlich besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten hinter uns gelassen. Und in der Europa League wollen wir unseren Lauf fortsetzen.»

In den Sechzehntelfinals trifft Frankfurt auf Schachtar Donezk, dieses Team kennt Hütter, mit YB setzte er sich 2016 in der 3. Qualifikationsrunde zur Champions League nach Elfmeterschiessen gegen den ukrainischen Spitzenclub durch. In der Königsklasse aber war er als Trainer noch nie.

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