Ein guter Streich

Der SC Freiburg könnte sensationell den Europacup erreichen. Der Erfolg des Kleinklubs aus dem Breisgau hängt stark mit Christian Streich zusammen. Mit emphatischen Voten sorgt der Trainer für Schlagzeilen.

Die besten Aussagen von Christian Streich im vergangenen Jahr. Quelle: Youtube


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Es ist ein typischer Streich. Am späten Samstagnachmittag, als die Fans des SC Freiburg nach dem letzten Saisonheimspiel gegen Ingolstadt (1:1) im Stadion die vorzügliche Saison zusammen mit den Spielern feiern, sitzt Christian Streich mit trauriger Miene drinnen an der Pressekonferenz.

Er schluckt leer, kann die Tränen kaum unterdrücken, spricht minutenlang über den Abstieg des Gegners mit dem früheren YB-Spieler Florent Hadergjonaj, der seit wenigen Minuten perfekt ist. Und was das für einen Verein bedeutet. «Es ist die Hölle», sagt Streich, der 2015 aus der Bundesliga abstieg. «Es tut mir wahnsinnig leid für die Menschen in Ingolstadt, die tolle und seriöse Arbeit abliefern.»

Christian Streich an der Pressekonferenz nach dem Ingolstadt-Spiel. Quelle: Youtube

Kritik an der Gesellschaft

Mal wieder hat Christian Streich einen Auftritt voller Mitgefühl hingelegt. Er tut das kaum aus Kalkül, seine emphatische Art fällt in diesem kühlen, auf Leistung und Erfolg getrimmten ­Geschäft bloss extrem auf. Man könnte sich den nachdenklichen 51-Jährigen als Sozialarbeiter vorstellen, er macht sich nichts aus Statussymbolen, lebt bescheiden, fährt meistens mit dem Velo zur Arbeit, passt irgendwie nicht in die Glitzerwelt Bundesliga.

Und regelmässig sorgt Streich mit klugen Worten zu gesellschaftlichen Themen für Schlagzeilen und Furore. Er scheut sich nicht, Stellung zu beziehen. Sei es bei fussballerischen Themen wie dem medialen Druck und der Trainerentlassungshysterie oder bei politischen Debatten wie der Ausländerfeindlichkeit und der Flüchtlingskrise.

Einmal sagte er, angesprochen auf den Hass auf Flüchtlinge in Deutschland: «Jetzt geht es darum, dass man sich den Menschen öffnet, dass man sie empfängt, dass man Ängste abbaut. Es geht oft um die Angst vor dem anderen und die Angst vor dem Fremden.» Dabei griff er die sehr rechte Partei AfD (Alternative für Deutschland) wegen Populismus scharf an.


Christian Streich: «Fremdenfeindliche Entwicklung macht mir Angst».

Menschen, nicht Maschinen

Längst geniesst Streich Kultstatus weit über die Stadtgrenzen hinaus. Medien lancierten wöchentliche Videorubriken und Kolumnen («Streich der Woche»). Man kann nun sagen, ein Fussballtrainer habe sich nicht zu solchen Themen zu äussern. An vielen Orten ginge das nicht, im kleinen und feinen, grünen und aufgeklärten Freiburg ist das kein Problem.

Schon gar nicht für einen wie Streich, gelernter Industriekaufmann, der später Germanistik, Sport und Geschichte für das Lehramt studierte, ein passabler 2.-Bundesliga-Fussballer war, vorzügliche Trainerarbeit im Nachwuchsbereich von Freiburg leistete – und sogar deutscher ­A-Jugend-Meister wurde.

Christian Streich meidet das Scheinwerferlicht, landet aber wegen seiner besonderen Art immer wieder im Schaufenster. Vor allem aber ist der Sohn eines Metzgers ein ausgezeichneter Fussballlehrer, der in den Spielern Menschen sieht und keine Maschinen.

Kurz vor Silvester 2011 liess sich Streich endlich erweichen, das Profiteam zu übernehmen. In der Rückrunde vor fünf Jahren gelang ihm der spektakuläre Ligaerhalt, eine Saison später führte er den SC in die Europa League, stieg dann ab und letzte Saison vor RB Leipzig gleich wieder auf. Und nun dürfte Freiburg unerwartet als Aufsteiger erneut den Europacup erreichen.

Der Verein mit dem drittkleinsten Budget der Liga spielt der prominenten Konkurrenz einen Streich. Es ist vielleicht die grössere Leistung, als mit Leipzig Rang 2 zu erreichen. «Ich habe es gerade nicht so mit Europa», sagt der Coach am Samstag, «und ehrlich gesagt weiss ich auch nicht genau, wie es in der Tabelle für uns aussieht.»

Fluch des Erfolges

Es ist keine Koketterie. Der Abstieg Ingolstadts beschäftigt Streich sehr. Mit einem Heimsieg gegen den Absteiger hätte sein Team Rang 5 verteidigt und die Teilnahme am Europacup auf sicher gehabt. Nun ist Freiburg einen Spieltag vor Saisonende Sechster, das reicht gerade noch, zwei Punkte vor Köln, drei Punkte vor Bremen – aber der SC dürfte in der letzten Runde bei Meister Bayern verlieren. Köln empfängt Mainz, während Bremen bei Dortmund ebenfalls ein schwieriges Spiel zu bestreiten hat.

Aber selbst wenn Freiburg auf Rang 7 abrutscht, könnte das genügen, falls Dortmund den Pokalfinal gegen Frankfurt gewinnt. «Es wäre Wahnsinn, würden wir den Europacup erreichen», sagt Streich in seiner eigentümlichen Art, «das würde uns viele Probleme bereiten. Ich habe das vor vier Jahren selber erlebt. Die Zusatzbelastung trifft uns als kleinen Klub enorm.»

Talente ziehen weiter

Christian Streich wäre nicht Christian Streich, hätte er nicht eine spezielle Meinung zu den Begleiterscheinungen des Höhenfluges. Am liebsten würde er einfach mit jungen Fussballern (und Menschen) arbeiten, sie taktisch und technisch formen und ausbilden.

Nun sagt er: «Ich weiss nicht, ob es gesund für uns wäre, würden wir in der Europa League dabei sein. Dann hätten wir am Donnerstagabend irgendwo in Europa ein schwieriges Spiel, und am Sonntag treten wir bei den Topklubs Wolfsburg, Leverkusen, Gladbach oder Schalke an, die sich die ganze Woche auf das kleine Freiburg vorbereiten konnten.»

So ist Christian Streich. Natürlich weiss er genau, dass sein Arbeitgeber aus dem Breisgau seit dem ersten Aufstieg in die Bundesliga 1993 dreimal überraschend am Europacup teilnahm – und dreimal spätestens zwei Jahre später abstieg. Stets verlor der SC nach starken Spielzeiten auch seine besten Kräfte.

Freiburg besitzt eine der besten Nachwuchsschmieden des Landes, auch im aktuellen Kader stehen einige sehr begabte Kicker, die eher früher als später zu reicheren Klubs wechseln werden. Manche wie Verteidiger Caglar Söyüncu, Techniker Vincenzo Grifo und Stürmer Maximilian Philipp wohl schon diesen Sommer.

Christian Streich wird bleiben. Und die Motivation finden, um neue junge Menschen zu führen. Dabei wäre es ein sehr interessantes Experiment, ob und wie der Gutmensch aus Freiburg an einem bedeutenden, aber auch rustikalen Fussballstandort funktionieren würde. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2017, 15:40 Uhr

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34. Runde

20.05.Borussia Dortmund - Werder Bremen4 : 3
20.05.M'gladbach - Darmstadt2 : 2
20.05.Hertha BSC - Bayer Leverkusen2 : 6
20.05.1. FC Köln - Mainz 052 : 0
20.05.Hamburger SV - VfL Wolfsburg2 : 1
20.05.Ingolstadt - Schalke 041 : 1
20.05.Hoffenheim - Augsburg0 : 0
20.05.Eintracht Frankfurt - RasenBallsport Leipzig2 : 2
20.05.Bayern München - SC Freiburg4 : 1
Stand: 20.05.2017 17:30

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.Bayern München34257289:2282
2.RasenBallsport Leipzig34207766:3967
3.Borussia Dortmund341810672:4064
4.Hoffenheim341614464:3762
5.1. FC Köln341213951:4249
6.Hertha BSC341541543:4749
7.SC Freiburg341461442:6048
8.Werder Bremen341361561:6445
9.M'gladbach341291345:4945
10.Schalke 043411101345:4043
11.Eintracht Frankfurt341191436:4342
12.Bayer Leverkusen341181553:5541
13.Augsburg349111435:5138
14.Hamburger SV341081633:6138
15.Mainz 05341071744:5537
16.VfL Wolfsburg341071734:5237
17.Ingolstadt34881836:5732
18.Darmstadt34742328:6325
Stand: 20.05.2017 17:30

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