Ein Pfiff, zwei Penaltys und ein Protest

Der FC Thun festigt durch einen 2:1-Sieg gegen Sion den 3. Tabellenrang. Dies das nüchterne Fazit eines verrückten Fussballabends in der Stockhorn-Arena.

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Christian Constantin gab erste Interviews. Aber nur, bis er Veroljub Salatic sah. Sions Überpräsident krallte sich seinen Captain und stapfte mit ihm zielsicher Richtung Schiedsrichterkabine. «Wir werden den Protest bestätigen und wollen ein Wiederholungsspiel, der Schiedsrichter hat mit seinem Entscheid das Resultat verändert», hatte «CC» wenige Minuten nach Matchende, äusserlich die Ruhe selbst, angekündigt.

Aus seiner Sicht war der Ärger diesmal durchaus verständlich. Er ging zurück auf eine Szene aus der 75.Minute. Guillaume Faivre hatte beim Stand von 2:1 einen Eckball sicher gepflückt, daraufhin ertönte, für alle hörbar, ein Pfiff. In der Meinung, dieser sei vom Schiedsrichter erfolgt, legte Thuns Keeper den Ball zum Freistoss vor sich hin, Moussa Konaté schob den Ball über die Linie. Als Fedayi San zur Mitte zeigte, jubelten der Senegalese und seine Teamkollegen.

Kurz darauf annullierte San den Treffer nach Konsultation des vierten Schiedsrichters wieder, worauf Constantin seinen Platz auf der Tribüne verliess und an den Spielfeldrand kam.

Es folgten rudelähnliche Szenen mit Constantins immer dominanterem Sohn Barthélémy als Wortführer und minutenlange animierte Diskussionen, Sion deponierte Spielfeldprotest.

«Ich war auch überrascht»

Verständlich war der Ref nach Spielende so gefragt wie die Protagonisten. «Solche Szenen passieren nicht jedes Wochenende», entschuldigte sich San, «ich war zuerst auch überrascht und musste die Szene Revue passieren lassen. Im Team kamen wir dann zum Schluss, dass Faivre durch den Pfiff, der von der Tribüne gekommen war, entscheidend gestört worden ist, und deshalb haben wir dem Fifa-Reglement entsprechend entschieden.» Offenbar war der Passus auch den Wallisern bekannt, sie zogen den Protest zurück.

Die Gäste durften die Schuld für die Niederlage auch nicht bei Dritten suchen. «Wenn man 45 Minuten nicht spielt und noch zwei Penaltys verschiesst, kann man im Prinzip nicht gewinnen», zog Didier Tholot ein logisches Fazit. In der Nachspielzeit erhielten sie noch eine Chance zum Ausgleich geschenkt, in Form eines Elfmeters.

Dennis Hediger hatte Konaté umgerissen, allerdings hatte dieser vorher den Ball klar mit der Hand mitgenommen. Sions Topskorer, wegen «Müdigkeit» (Zitat Tholot) erst nach der Pause eingewechselt, setzte den Ball in den Nachthimmel. «Der Fussballgott war heute am Schluss doch ein Thun-Fan», sagte Urs Fischer erleichtert.

Faivres doppelte Premiere

Faivre hatte in seiner Laufbahn noch nichts Vergleichbares erlebt. Weder ein solches (Nicht-) Tor noch zwei verschossene Penaltys in einem Spiel. Beim Stande von 1:0 hatte er einen auch sehr strengen Elfmeter glänzend gegen Carlitos abgewehrt. «Beim ersten habe ich gut reagiert, beim zweiten hatten wir Glück», bilanzierte Faivre. Mit Ausnahme dieser Chance waren die Thuner vor der Pause klar überlegen und nützten schon in der 2.Minute ein erstes Missverständnis aus.

Marco Rojas bediente Alexander Gonzalez, der Venezolaner vollstreckte solo. Nach einer halben Stunde gab es Szenenapplaus für Nelson Ferreira: Das Urgestein degradierte Léo Lacroix mit einer Körpertäuschung zur Slalomstange und hämmerte den Ball aus kurzer Distanz unter die Latte. «Die 2:0-Pausenführung war verdient», sagte Fischer, «ich habe ein sehr gutes Team gesehen, das die richtige Antwort auf das Derby gegeben hat. Leider waren wir nach dem Wechsel wie ein umgekehrter Handschuh.»

Tatsächlich wähnte man sich in einer weiteren Oberländer Reprise von «Ewig grüsst das Murmeltier» – speziell nach dem Anschlusstreffer von Daniel Follonier. Einmal mehr wirkte sich die Führung lähmend statt belebend aus. «Wir hatten nicht mehr die gleiche Überzeugung und Dynamik», weiss Fischer, wo er den Hebel ansetzen muss. Am späten Samstagabend war diese Erkenntnis allerdings sekundär.

Berner Zeitung

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