Die vorzeitige Krönung

Nach einem Jahr Pause spielt Thun wieder international. Durch das 2:2 gegen Zürich stehen die Oberländer drei Runden vor Schluss als Europa-League-Teilnehmer fest.

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Die ganze Anspannung fiel ab. Als Pascal Erlachner abgepfiffen hatte, ballte Urs Fischer die Fäuste, schrie seine Freude in den Nachmittagshimmel, klatschte Staffmitglieder ab und umarmte Sportchef Andres Gerber. Auch für den Erfolgscoach war es ein spezieller Moment, als wegen des gleichzeitigen 0:2 von St. Gallen bei GC Thuns Rückkehr auf die europäische Bühne feststand. An der Medienkonferenz wollte Fischer vor allem danken: «Es war eine fantastische Saison. Ein Riesenkompliment an den ganzen FC Thun, an alle Beteiligten, die täglich dafür sorgen, dass wir uns wohlfühlen.»

Die Dramaturgie hätte vor mehr als 7000 Fans kaum besser sein können. Thun geriet in Rückstand, glich aus, vergab die Führung, bekam via Totomat mit, dass man dank der Schützenhilfe von GC schon im Europacup wäre, und kassierte dann fünf Minuten vor Schluss das 1:2. Mindestens drei Tage Verzögerung beim Projekt «Europa League» drohten, bis zum letzten Angriff. Ridge Munsy zog kraftvoll nach vorne, bediente Marco Rojas und dessen Querpass antizipierte Michael Siegfried perfekt. Ausgerechnet Siegfried, eigentlich der Mann fürs Unauffällige, stand nun im Rampenlicht.

Dass die Thuner nur kurz nach dem durch einen Fehler von Guillaume Faivre begünstigten 1:2 durch Yassine Chikhaoui erneut ausglichen, war kein Zufall, dass Munsy, Rojas und Siegfried daran beteiligt waren, auch nicht. Wie schon oft in dieser Saison bewiesen die Oberländer Stehaufqualitäten, und wie schon so oft skorten Spieler, mit denen man weniger gerechnet hatte. So wie vor der Pause Innenverteidiger Fulvio Sulmoni, der das 0:1 durch Alain Nef mit seinem dritten Treffer in den letzten beiden Heimspielen konterte.

Die Skorer aus dem Mittelfeld

Wie der Tessiner sind auch andere in die Bresche gesprungen, nachdem Berak Sadik nach überragendem Saisonstart in eine Torflaute gefallen war. Der Finne hat seit dem 4. Oktober nur noch zweimal getroffen. Siebenmal durften dafür Verteidiger jubeln, sogar elfmal Mittelfeldspieler. «Es zeichnete uns stets aus, dass wir sehr homogen und solidarisch sind, mit einer guten Organisation», verrät Dennis Hediger das Erfolgsrezept und spricht von «einer reifen Saison. Besonders schön ist, dass wir den ersten Matchball verwertet haben, nachdem wir im Vorjahr drei in Serie vergaben und am Schluss mit leeren Händen dastanden.»

Defensiver ausgerichtet

Nach 33 Runden hat Thun drei Punkte mehr auf dem Konto als im Vorjahr nach 36. Die Tordifferenz ist hingegen mit +4 identisch. Der FCT hat 15 Tore weniger erzielt, aber auch 15 weniger erhalten. Die Anpassung der Spielweise wurde nötig, nachdem im Sommer 2014 mit Marco Schneuwly, Luca Zuffi, Sékou Sanogo und Benjamin Lüthi gleich 70 Skorerpunkte verloren gingen. «Die kann man nicht einfach so ersetzen. Wir waren aber nie gross im Tief, haben eine sehr ausgeglichene Saison gespielt und immer ein hohes Grundniveau beibehalten», zog Fischer eine erste Zwischenbilanz.

Auf den Lorbeeren ausruhen will man sich indes nicht. Der Vorsprung auf den FCZ beträgt nach wie vor fünf Punkte. Ein Podestplatz wäre ein Prestigeerfolg, und die zweitbeste Klassierung nach der Traumsaison 2004/2005 hätte auch praktische Vorteile: Der Dritte steigt eine Runde später in die Europa-League-Qualifikation ein. «Wir wollen den dritten Platz zementieren», gibt Fischer die Losung für die verbleibenden Partien aus, «wir wollen jetzt gut regenerieren und wieder parat für den Match in St. Gallen sein.»

Dem Erfolg zum Trotz: Ganz zufrieden war der Coach mit der gestrigen Leistung nicht. Nicht gefallen hat ihm in erster Linie, dass Thun die Druckphase nach der Halbzeit mit zwei Grosschancen durch Hediger und Alexander Gonzalez nicht in die erstmalige und verdiente Führung ummünzen konnte: «Da hätten wir konsequenter sein müssen.»

In der Vorbereitung auf das Spiel in St. Gallen wird er auch auf die beiden Gegentore nach Standards zu sprechen kommen. «Wir wussten um ihre Gefährlichkeit in diesen Situationen, das darf nicht passieren.» Zumindest am Sonntag waren diese Versäumnisse allerdings kein Thema mehr.

Berner Zeitung

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