Die letzte Chance für Murat Yakin

Der Trainer muss sich ändern, wenn er bei den Grasshoppers eine Zukunft haben will.

Angezählt: GC-Trainer Murat Yakin bei der Niederlage gegen Thun.

Angezählt: GC-Trainer Murat Yakin bei der Niederlage gegen Thun. Bild: Keystone

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Murat Yakin war als Spieler fünfmal Meister und dreimal Cupsieger. Er war als Trainer zweimal Meister, 2013 und 2014. Es sind diese Titel aus früheren Zeiten bei den Grasshoppers und beim FC Basel, die ihn heute sagen lassen: «Am Schluss kann man eine grosse Klappe haben, wenn man etwas gewonnen hat.»

Milan Vilotic hat nicht viel gewonnen, bloss je einmal den Cup mit Roter Stern Belgrad und GC. In Yakins Welt macht ihn das nicht zum verdienstvollen Spieler. Aber genau dieser Vilotic hat sich bei GC auf den Trainer eingeschossen. «Lieber Yakin, du hast den Teamspirit zerstört mit schamlosen Spielchen», schreibt er am Mittwoch in einem teaminternen Chat. «Du versuchst mich zu erniedrigen. Vielleicht solltest du wieder einmal über Respekt nachdenken.»

Vilotic wurde im Winter als Captain abgesetzt, und ihm wurde zugleich mitgeteilt, dass sein Ende Saison auslaufender Vertrag nicht verlängert wird. Ein paar Wochen später ist die Wut darüber aus dem 31-jährigen Serben herausgebrochen. Der Club reagiert, indem er ihn bis Sommer in die U-21 degradiert, ohne vorzusehen, ihn da einzusetzen.

Yakin sagt am Tag vor dem Spiel gegen den FC Thun: «Meine Spieler können das ausblenden. Die eine Hälfte kann nicht lesen. Die andere Hälfte versteht es nicht einmal.»

Böse Worte werden zum Boomerang

Bösartiger kann sich ein Trainer über seine Spieler gar nicht auslassen. Er braucht sich nicht zu wundern, wenn das eines Tages auf ihn zurückfällt und sich einer wieder wehrt – so wie das jetzt Vilotic getan hat oder vor zwei Wochen Runar Mar Sigurjonsson, noch ein Spieler, den Yakin ausgemustert hat. Der Isländer, mittlerweile beim FC St. Gallen, warf Yakin ein «verdammtes Kindergartenspiel» vor.

Yakin hat nicht das Problem, ein schlechter Trainer zu sein. Nein, er versteht sein Fach. Er hat nur das Problem, gerne anderen unter die Nase zu reiben, dass er mehr versteht. Und wenn er seine Spieler schon fast zu Analphabeten degradiert, ist auch das typisch für ihn und seine zuweilen sehr unsensible Seite. Nur bringt das ihn nicht weiter, die Mannschaft nicht und damit auch den ganzen Verein nicht.

Der König schritt so lange voran, bis er sich selbst zu überschätzen begann

Als er im August vom FC Schaffhausen zum Rekordmeister nach Zürich wechselte, da wurde Yakin am neuen Ort von Euphorie getragen. Mehr noch, er wurde auf einen Thron gehoben. Der König schritt künftig voran, stabilisierte die Mannschaft, die unter seinem Vorgänger Carlos Bernegger auf dem zweitletzten Tabellenplatz klebte, und legte in Meisterschaft und Cup eine Serie von elf Spielen hin, von denen nur eines verloren ging. Yakin baute auf das Personal, das Sportchef Mathias Walther im Sommer ohne viel Geld zusammengestellt hatte.

Walther sagte im Herbst in einem Interview: «Yakin gibt der Mannschaft Ruhe. Er gibt dem ganzen Verein Ruhe.»

Am Tag dieser Aussage, am 21. Oktober, besiegte GC den FC Zürich 4:0. Es ist bis heute das letzte wirkliche Ausrufezeichen unter Yakin geblieben. Von den letzten zwölf Spielen hat GC nur gerade zwei gewonnen.

Den Bruch und Einbruch hat Yakin selbst zu verantworten. Er wollte im Winter die Mannschaft neu zusammensetzen, sortierte deshalb sieben Spieler aus, die ihm nicht mehr gefielen, und ersetzte sie durch sieben, die ihm genehm waren. Roland Klein als zuständiger Vizepräsident liess ihn gewähren. Walther als Sportchef blieb nichts anderes übrig, als die Wünsche umzusetzen. Seither ist es bei GC vorbei mit der Ruhe.

Es geht um Machtkämpfe und Einflussnahmen. Es geht um Leute wie Klein, der seine Kompetenzen überschritt und versuchte, die operative Führung um CEO Manuel Huber zur Seite zu drängen; und es geht um den altbekannten Strippenzieher Erich Vogel, der Klein gebrauchte, um sein Gedankengut in den Verein zu tragen. Anliker und sein Verwaltungsrat handelten vor dreieinhalb Wochen und suspendierten Klein. Sie fassten ebenso den Plan, Vogels Einfluss auf null zu kürzen.

Der Vogel-Gipfel mit Anliker, Spross und Stüber

Die Sache mit dem 79-jährigen Vogel gestaltet sich allerdings etwas komplizierter. Denn Vogel ist engstens verbunden mit Heinz Spross und Peter Stüber, jenen Geschäftsleuten, die wie Anliker jeweils 30 Prozent der GC-Aktien halten. Besonders Spross steht im permanenten Verdacht, für Vogels Ideen empfänglich zu sein. Unlängst hat Hauptsponsor Reinhard Fromm ihm wieder vorgehalten: «Er lässt sich von Vogel weiterhin instrumentalisieren.» Spross selbst mag sich vorderhand dazu nicht äussern.

Ende kommender Woche trifft sich Anliker mit Spross und Stüber, um über die Personalie Vogel zu reden. Der Architektur-Unternehmer aus Langenthal, der beruflich mit dem Gartenbauer Spross zu tun hat, ist offenbar Optimist genug, dass er an eine Lösung glaubt, die für alle Beteiligten gut ist.

Die Frage ist nur: Wie will er diesen gordischen Knoten durchschlagen? Und selbst wenn ihm das gelingen sollte, bleibt noch immer eine andere Frage: Wie weiter mit Murat Yakin?

Noch bleiben neun Spiele, um die Saison in Anstand zu Ende zu bringen und um nicht gleich von einem verlorenen Jahr reden zu müssen. Noch wird Yakin die Zeit gewährt, um zu zeigen, dass auch er das ist, was er von seinen Spielern permanent einfordert: ein Teamplayer. Bislang steht er nicht im Verdacht, das zu sein. Vor allem steht er nicht im Verdacht, Walther als Vorgesetzten zu akzeptieren.

Es ist nun an CEO Manuel Huber, den Satelliten Yakin wieder unter Kontrolle zu bringen. Wenn Huber das gelingt, wenn Yakin bereit ist, sich in die gesamte Organisation einzufügen, und wenn er wieder einmal ein Spiel gewinnt, dann kann es gut kommen mit diesem Trainer. Sonst sollte keiner Anliker unterschätzen. Auch Yakin nicht. Selbst ein hoch dotierter Vertrag bis 2019 schützt ihn auf Dauer nicht vor einer Entlassung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.04.2018, 09:30 Uhr

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