Die Verwandlung des Rastas

Energisch, schnell und kraftvoll: YBs rechter Verteidiger Kevin Mbabu befindet sich bei YB auf der Überholspur. Auch, weil er sich verändert hat.

Wird Kevin Mbabu bald ein Kandidat für die Schweizer Nationalmannschaft?
Video: Michael Bucher

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Ein Raunen geht durchs Stade de Suisse. Kevin Mbabu ist in seinem Element. Den Ball hat er am Gegner vorbeigelegt, nach blitzschnellem Antritt ist er davon­gezogen, die Rastas grooven im Wind. Mit purer Power wie ein wilder Hengst stampft er jetzt die Seite entlang, 30, 50, manchmal sogar 70 Meter weit, fünf bis zehn Sekunden lang. Es sind Momente, die in ihren Bann ziehen, die weit über das Spiel hinaus bleiben. Mit seinen unverkennbaren Läufen hat Mbabu die Herzen der YB-Fans im Sturm erobert. Er ist als rechter Verteidiger zu einer Attraktion der Liga geworden.

In der englischen Sprache gibt es den Begriff «Signature Move». Damit ist eine Bewegung im Sport oder Showgeschäft gemeint, die zum Markenzeichen eines Protagonisten wird. Michael Jackson hatte den Moonwalk, Muhammad Ali den «Ali Shuffle», bei dem er die Beine unglaublich schell hin- und zurückbewegte, sodass er zu schweben schien.

Und alle wissen, was folgt, wenn Arjen Robben am rechten Flügel angespielt wird: Er zieht nach innen, den Ball eng am ­linken Fuss. Mbabus «Signature Move» sind die energischen Sturmläufe. «Sie zeichnen mich von klein auf aus», sagt der 22-Jährige. Er findet, sie seien das Sahnehäubchen auf seinem Spiel.

Die zwei Gesichter

Anfang dieser Woche im Stade de Suisse. Nach einem freien Wochenende besammeln sich die Spieler zur ersten Einheit vor dem Match am Samstag in Lau­sanne. Kevin Mbabu ist schon umgezogen, mit den Trainingsutensilien posiert er für den Fotografen. Sein Lächeln ist mild, die Gesichtszüge sind weich, er ist freundlich und zuvorkommend. Wie verwandelt.

Auf dem Platz ist Kevin Mbabu ein unangenehmer Gegenspieler, eine Maschine. Hart und aggressiv, bewegt er sich zuweilen am Limit. In vierzig Partien für YB hat er vierzehn Gelbe und eine Rote Karte geholt, vor bald einem Jahr in der Europa League bei Apoel Nikosia, zwei Minuten nach seiner Einwechslung.

Betritt Mbabu das Spielfeld, legt er den Schalter um, von null auf hundert. Mbabu sagt, seine Mutter meine jeweils, sie erkenne ihn nicht wieder. Gérard Castella, langjähriger Begleiter und seit dem Sommer bei YB Ausbildungschef, sagt es so: «Auf dem Feld ist er ein Krieger, daneben ein relaxter Typ.»

Der Mentor

Der 64-jährige Genfer lernt Kevin Mbabu als 14-Jährigen bei Servette kennen. Später betreut er ihn im Projekt Futuro, in dem die besten Talente vom Fussballverband besonders gefördert werden. Und als Trainer der Schweizer U-18 macht er ihn 2012 zu seinem Captain. Castella ist Mbabus Mentor, er kennt die Familie, die Mutter, die zwei jüngeren Schwestern, die den grossen Bruder anhimmeln. Er verliert Mbabu auch nicht aus den Augen, als dieser im Januar 2013 als ­17-Jähriger nach England zu Newcastle wechselt. Castella telefoniert regelmässig mit ihm, schreibt SMS.

Castella hält nicht viel von diesem Transfer. Er ist der Ansicht, dass es für einen jungen Spieler sinnvoller sei, sich erst in der Super League durchzusetzen, bevor er den Schritt ins Ausland wage. Und er sieht sich rasch be­stätigt: Mbabu kann mehr als einmal den Aufgeboten fürs Nationalteam nicht Folge leisten, weil er verletzt ist oder nicht in Form.

In den gut drei Jahren in England ist er kaum beschwerdefrei. Als er im Herbst 2015 in der Premier League zu Einsätzen gegen Chelsea und Manchester City kommt, entschädigt das für schwere Stunden. Castella sagt, die Partien seien gut für Mbabus Lebenslauf.

Dennoch betrachtet er dessen Zeit auf der Insel als verloren. «Taktisch und technisch hat er keine Fortschritte erzielt.» Doch da sind Momente, die Gérard Castella vor Augen führen, warum er Mbabu fördert. Der Fussballlehrer erzählt lebhaft von einem Länderspiel mit der U-18 in Frankreich, als Mbabu seinem Gegner Anthony Martial keine Chance lässt.

Martial trainiert da bereits mit den Profis von Lyon, im Sommer 2015 wechselt er für 60 Millionen Euro von Monaco zu Manchester United. «Es war ein Signal, dass er trotz allem das Zeug zum Topspieler hat», sagt Castella. Was Mbabu brauchte, war die richtige Umgebung.

«Ich habe ihm gesagt: Nimm den erstmöglichen Flug. Das ist die Chance.»Gérard Castellas Rat an Kevin Mbabu

Letzten August beklagen die Berner viele Verletzte, und strenge Monate mit Dreifachbelastung stehen bevor. YB-Chefscout Stephane Chapuisat erkundigt sich bei Castella zu Mbabu. Wenig später ruft der junge Romand seinen Mentor an, berichtet, er habe ein Angebot von YB vorliegen. «Ich habe ihm gesagt: Nimm den erstmöglichen Flug. Das ist die Chance.» So kommt Mbabu zurück in die Schweiz, dreieinhalb Jahre nachdem er in grosser Erwartung ausgezogen war.

Der Reifeprozess

Es ist ein Neubeginn. Und Kevin Mbabu ist bestrebt, das Beste daraus zu machen. In Newcastle teilte er sich noch mit zwei Mitspielern eine Wohnung, bei YB sucht er sich eine Unterkunft auf dem Land, im freiburgischen Bösingen, abseits der Verlockungen der Stadt. «Wir haben so viele Spiele, da kann ich keine Unruhe gebrauchen», sagt Mbabu. Er hat sich einen Hund gekauft, schaut Serien wie «Narcos» und «Game of Thrones». Castella sagt, als Profi müsse man seriös leben. «Das hat Kevin verstanden.»

Im Winter nimmt Mbabu vier Kilo ab, auf dem Platz legt er zu, wird nicht mehr von Verletzungen gebremst. Er arbeitet an den Schwächen, nutzt das Log-in von Nationalspieler Gelson Fernandes (er nennt ihn «grossen Bruder»), um sich auf einer Scoutingplattform Videos von Dani Alves, Daniel Carvajal und Stephan Lichtsteiner anzuschauen, übt zu flanken. Nur die Haare bleiben unverändert, die Rastas trägt er seit bald zwanzig Jahren.

Ein Hingucker: Kevin Mbabu fällt mit seiner Haarpracht auf. Die Rastas trägt er seit bald zwanzig Jahren. Bild: Raphael Moser

«Er hat grosse Fortschritte gemacht», sagt Castella. Er findet, Mbabu sei mit Basels Michael Lang der beste Aussenverteidiger in der Schweiz, ein Kandidat für das Nationalteam. Noch hat sich Trainer Vladimir Petkovic nicht bei Mbabu gemeldet.

Der mögliche Abgang

Im Sommer liebäugelt Kevin Mbabu mit einem Abgang aus Bern, er spielt mit dem Gedanken, wie sein Copain Denis Zakaria den Schritt in eine grosse Liga zu vollziehen. Gérard Castella und Sportchef Christoph Spycher müssen viel Überzeugungszeit leisten, schliesslich gelingt es YB, den 22-Jährigen definitiv zu übernehmen. Er sei sehr glücklich, in Bern geblieben zu sein, sagt Kevin Mbabu. Er hat die Gewissheit, seine Chance gepackt zu haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2017, 12:24 Uhr

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