Die Krux mit dem Fair Play

Strafpunkte sind im Berner Regionalfussball ein kontrovers diskutiertes Thema. Während Verbandsmitglieder argumentieren, dass sie zu mehr Fairness führen, beklagen Klubs eine Verzerrung des Wettbewerbs.

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Wochenende für Wochenende spielen die Fussballer um Punkte. Es gibt jedoch solche, die will niemand haben – Strafpunkte nämlich. Seit der Saison 2011/2012 werden unsportliches Verhalten und Vergehen aller Art im Fussballverband Bern/Jura mit Strafpunkten geahndet.

Das reicht von einem Punkt für eine Gelbe Karte bis hin zu 50 Zählern im Falle eines Spielabbruchs. Relevant ist bei der Verteilung von Strafpunkten indes nicht nur das Geschehen auf dem Platz und das Verhalten der Spieler, sondern auch dasjenige der Trainer und Zuschauer. «Wir wollen das Fair Play fördern», sagt Reto Rutschi, Leiter der Schiedsrichterkommission des Verbandes.

Noch mehr Druck

Bei der Beurteilung der Fälle kommt die Disziplinarkommission (DK) zum Zug, und diese muss sich auf den Rapport des Schiedsrichters verlassen. Dieser sei bisweilen schwierig zu beurteilen, sagt Rudolf von Gunten. Und zudem bleibe für die DK wenig Spielraum. «Wenn im Rapport eine Gelbe Karte vermerkt ist, ist das so. Daran können wir nichts mehr ändern.»

Von Gunten ist sich der Subjektivität der Schiedsrichterrapporte bewusst, sagt, dass nicht alle Schiedsrichter gleich handeln würden. «Während ein Schiedsrichter die Gelbe Karte zückt, sucht ein anderer vielleicht noch einmal das Gespräch mit dem Spieler.»

Sowohl von Gunten als auch Rutschi wissen um den Einfluss, den die Schiedsrichter mit Strafpunkten unter Umständen auf den Ausgang der Meisterschaft haben können und seit Einführung der Regelung auch schon gehabt haben (siehe Text rechts). «Die Schiedsrichter stehen noch mehr unter Druck», sagt Reto Rutschi. «Aber sie sollen nicht auf die Strafpunkte eines Teams schauen.» Dies sei eine Nebenerscheinung der Regelung, die nur unterbunden werden könnte, wenn die Strafpunkte wieder aus den Ranglisten verschwinden würden. «Aber da bin ich dagegen. Ich finde Strafpunkte eine gute Sache.»

Nicht so positiv eingestellt gegenüber Strafpunkten ist Hans Andreas Brechbühler. Der Trainer des FC Kirchberg hat mit seinem Team in dieser Saison bisher am drittmeisten Strafpunkte aufgebrummt bekommen (siehe Tabelle). Bemerkenswert dabei ist, dass alleine 69 der 82 Strafpunkte in einer einzigen Partie gegen den Emmentaler Zweitligisten ausgesprochen wurden. Und zwar am 20. August gegen Muri-Gümligen, als der FCK in der Nachspielzeit per Penalty das entscheidende Gegentor hinnehmen musste.

Es sei alles ein bisschen aus dem Ruder gelaufen, sagt Brechbühler rückblickend und zählt auf, wofür seine Mannschaft damals alles gebüsst wurde. Das reicht vom In-die-Ecke-schmeissen eines Schienbeinschoners (2 Punkte) über aufgebrachte Zuschauer (10 Punkte) bis hin zur Roten Karte gegen Marc Hostettler, der wegen Schiedsrichterbeleidigung des Feldes verwiesen und für 12 Partien gesperrt wurde (24 Punkte). Das sei alles ein bisschen willkürlich, findet Brechbühler.

Doch Willkür hin oder her, die Emmentaler tragen nun eine Hypothek mit sich, die sie bei Punktgleichheit in eine missliche Lage bringen könnte. «Wir müssen nun einfach einen Punkt mehr holen», sagt Brechbühler.

Der fehlende Anreiz

Viel mehr als über dieses eine Spiel nervt sich Brechbühler aber über die Regelung an sich. «Dieses Reglement ist wider jegliche sportliche Logik», sagt er und schildert ein mögliches Szenario: Seine Mannschaft liegt in der zweiten Halbzeit 0:3 zurück. Die Chancen, zurück in diese Partie zu finden, sind gering. Mit der Strafpunkteregel im Hinterkopf sei es nun durchaus denkbar, dass seine Mannschaft lieber noch ein viertes oder gar fünftes Gegentor kassiere, solange nur keine Gelbe oder Rote Karte eingefangen werde.

Das sei freilich der Ex­tremfall, meint Brechbühler. Möglich ist dieser aber allemal, denn das Torverhältnis fällt erst nach den Strafpunkten ins Gewicht. «Es fehlt der Anreiz, in einem solchen Spiel noch etwas zu probieren.» Brechbühler ist nicht der Einzige, der diesen Kritikpunkt erwähnt, und auch Rudolf von Gunten kennt ihn. «Da kann ich nicht widersprechen, das ist halt so», sagt er.

Im letzten Jahr wurde der SC Grafenried mit dem Fairnesspreis ausgezeichnet. Der SCG erhielt dafür in Form von 7000 Franken einen Zustupf in die Vereinskasse. Für Hans Andreas Brechbühler sind jedoch Geldpreise nicht die beste Lösung dafür, fair spielende Mannschaften zu belohnen. Viel lieber würde er es sehen, dass die fairsten Equipen einen Platz in der ersten Hauptrunde des Schweizer Cups erhalten würden.

«Das wäre für alle sehr motivierend», meint Brechbühler. «Das existiert bereits», kontert Rudolf von Gunten, der neben seiner Tätigkeit in der Disziplinarkommission auch noch Leiter der Wettspielkommission ist. Er erwähnt die landesweite Fair-Play-Trophy des Schweizerischen Fussballverbandes, deren Sieger einen Startplatz im Cup erhält. Ähnliches auf regionaler Ebene zu machen, sei nicht möglich. «Es gibt 13 Regionalverbände, und da jeweils das fairste Team in den Cup aufzunehmen, ist nicht umsetzbar.»

Strafpunkte werden auch in den nächsten Jahren kontrovers diskutiert werden. Für Reto Rutschi ist indes klar: Die Einführung dieser habe sich gelohnt, Fair Play habe heute einen höheren Stellenwert. «Die Regelung ist akzeptiert, und die Vereine schätzen sie.»

Die unfairsten Teams der Saison

Team Strafpunkte
3. FC Kirchberg (2. Liga) 82
4. SC Bümpliz (2) (3.Liga) 79
5. HNK Zagreb (3. Liga)  72
13. FC Jedinstvo (5.Liga) 41
15. FC Bosporus (3. Liga) 40
Stand per 19.10.2016 (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.10.2016, 10:55 Uhr

Wenn eine Gelbe Karte den Abstieg besiegelt

In den meisten Fällen haben die Strafpunkte keine oder nur marginale Auswirkungen auf die Rangierung. In den letzten fünf Saisons war das aber auch schon ganz anders.

Sind Ende Saison zwei Teams punktgleich, entscheiden die Strafpunkte über die definitive Rangierung. In den fünf Saisons seit der Einführung der Strafpunkteregelung gab es 27 Fälle, in denen Strafpunkte sogar über Auf- oder Abstieg entschieden. Dies indes meistens klar zugunsten einer Equipe. Es gab jedoch auch Fälle, wo selbst bei den Strafpunkten nur wenig zwischen zwei Mannschaften lag.

Eine Auswahl

Letzte Saison trennten Bümpliz und Allmendingen nur 9 Strafpunkte. Der SCB promovierte in die interregionale 2. Liga, Allmendingen tut sich derweil in der 2. Liga schwer. Und auch eine andere Oberländer Equipe hatte wegen der Strafpunkte schon das Nachsehen, der FC Frutigen nämlich. 2012 hatte er sich in der 3. Liga ebenso 40 Punkte erspielt wie der FC Biglen. Die Emmentaler und die Oberländer trennten am Ende 7 Strafpunkte.

Vor drei Jahren hatten Courgenay und Fontenais in derselben Liga nach 22 Spielen beide 54 Punkte gesammelt, doch nur erstere qualifizierten sich für die Aufstiegsspiele. Die beiden Jurassier trennten mickrige 3 Strafpunkte. Doch es geht noch enger. Der FC Wohlensee rettete sich im letzten Jahr gegen den FC Bern und verblieb in der 3. Liga. Die Mannschaften trennten gerade mal 2 Straf­punkte. Ein Strafpunkt ist gleichbedeutend mit einer Gelben Karte – so viel stand nach 22 Spielen zwischen La Neuveville-Lam­boing und Besa Biel. Die Seeländer stiegen ab, die Jurassier blieben in der 4. Liga.

Zwei jurassische Teams waren es auch, die für den bisher kuriosesten Fall besorgt waren: Der FC Olympic Fahy und der FC Courtedoux sind zwei Kleinklubs, die für gewöhnlich nicht für Schlagzeilen sorgen. In der Saison 2013/2014 schafften sie jedoch etwas, das bis heute nie wieder vorgekommen ist: Nach 18 Spielen in der 5. Liga hatten sie nicht nur gleich viele Punkte gesammelt, sondern waren auch mit gleich vielen Strafpunkten belegt worden. In so einem Fall entscheidet das Torverhältnis, und dieses sprach mit +67 zu +56 für Fahy. Während diese mittlerweile in der 3. Liga spielen, ist Courtedoux in der 4. Liga aktiv. sis

Hatte die Strafpunkte auf seiner Seite: Der SC Bümpliz. (Bild: Walter Dietrich)

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