«Die Bilanz ist hervorragend»

Einmal mehr hat Thun in der Vorrunde die Fachleute verblüfft. Trainer Urs Fischer spricht im Interview über die Zwischenbilanz, das «Wunder von Thun» und seine persönliche Entwicklung in der letzten Saison.

Urs Fischer hat gut lachen: Sein FC Thun hat sich in der Vorrunde einmal mehr in der Spitzengruppe der Super League etabliert.

Urs Fischer hat gut lachen: Sein FC Thun hat sich in der Vorrunde einmal mehr in der Spitzengruppe der Super League etabliert.

(Bild: Andreas Blatter)

Haben Sie den schönsten Trainerjob der Liga? Urs Fischer: Den schönsten? Wieso meinen Sie?

Nun, während an anderen Orten der Trainer schon nach wenigen Niederlagen infrage gestellt wird, können Sie ruhig arbeiten. Sogar in Basel war es dieses Jahr trotz Erfolgen lange unruhig. Wir haben ja auch 29 Punkte (lacht). Es wäre schon komisch, wenn es jetzt bei uns nicht ruhig wäre. Wir müssten schauen, wie es wäre, wenn wir erst 12, 13 Punkte auf dem Konto hätten. Nehmen wir das Beispiel Basel. Natürlich ist da der sportliche Druck ein anderer. Sie müssen Meister werden und Cupsieger und in der Champions League weit kommen oder mindestens in der Europa League. Aber auch wir haben sportlichen Druck, dazu kommt der finanzielle. Ob ich den schönsten Job habe, sollen andere beurteilen. Mir macht der Job Spass, und einen gewissen Druck hat man immer. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht.

Viele sagen, den grössten Druck könne man sich nur selber machen. Teilen Sie diese Ansicht? Wenn man sich reinsteigert, ja, in gesundem Mass braucht es ihn aber. Und gerade in Führungspositionen gehört er dazu, und dazu zählt der Trainerjob nun einmal. 25 Spieler unter sich zu haben, ist nicht so einfach, wie es aussieht. Für 11 bist du der Freund, für die 14, die nicht anfangen oder gar nicht im Aufgebot sind, der «Tubel». Und das jedes Wochenende. Mir hat aber sicher die erste Station in Zürich geholfen, heute gehe ich mit gewissen Situationen lockerer um. Diese Erfahrungswerte muss man aber zuerst sammeln.

Thun hat sich erneut in der Spitzengruppe etabliert. Die Vorrundenbilanz muss positiv ausfallen. Sie ist hervorragend, äxgüsi. Wir waren die Mannschaft mit den bedeutendsten Abgängen, kein Team hat mehr Potenzial an Skorerpunkten verloren als wir. Lotem Zino, der dies etwas auffangen sollte, haben wir dann nach drei Trainings mit einem Kreuzbandriss verloren. Das Team ist mit der Situation hervorragend zurechtgekommen. Man muss aber alle loben, die das Ihrige dazu beigetragen haben, nicht nur das Team und den Staff. Alle im FC Thun haben einen Riesenjob gemacht. Kompliment.

Ganz zufrieden können Sie aber nicht sein? Das bin ich auch nicht. Unser Ziel Cupfinal haben wir nicht erreicht. Es war ein schwieriges Los, auswärts in St.Gallen, wir hatten einen guten Tag, aber es hat doch nicht gereicht. Das Ausscheiden tat weh, es war nicht zwingend. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass wir schon gegen Breitenrain hätten ausscheiden können. Und wenn man unsere Ausgangslage in der Meisterschaft vor fünf, sechs Runden anschaut, können wir auch nicht ganz zufrieden sein. Gemessen an unseren Ansprüchen, wäre mehr möglich gewesen. Das wurmt, soll aber die Leistung nicht schmälern.

In den letzten Wochen mutierte Thun vom Spektakelteam mit defensiven Schwächen zum Team mit der zweitbesten Defensive, aber offensiver Ladehemmung. Wären Sie überrascht gewesen, wenn Ihnen das jemand vor zwei Monaten prophezeit hätte? Man muss aufpassen. Wenn man nur die nackten Resultate anschaut, stimmt das, wenn man das Spiel auseinandernimmt, sieht es etwas anders aus. Wir hatten schon vorher eine solide Verteidigung, jetzt ist sie gemäss der Statistik noch etwas solider. Vorne hatten wir auch vorher viele Chancen kreiert, waren einfach im Abschluss viel effizienter. Ausser im Meisterschaftsspiel in St.Gallen und vielleicht noch in Luzern haben wir uns immer 6,7, 8 oder 10 Chancen herausgespielt. Wir haben weder das Team umgestellt noch anders eingestellt. Vielleicht spielen nun auch die Gegner nicht mehr so offensiv gegen uns wie Anfang Saison. Sie sagen sich eher, zuerst einmal wollen wir gegen Thun punkten. Das spricht ja auch für unsere Arbeit. Ich denke, diese Konstellation hat sich so ergeben, es löst jedenfalls nichts aus, weswegen wir über die Bücher müssten.

Sie haben nun das zweite volle Kalenderjahr in Thun gearbeitet. In total 72 Ligapartien haben Sie beispielsweise nur gerade 4 Punkte weniger geholt als YB. Was entgegnen Sie, wenn Leute sagen, das sei ein Wunder? Ich sage, es ist schön und auch schön, dies einmal zu lesen und es spricht für den FC Thun, vor allem für die Arbeit im ganzen Verein und ist nicht abhängig von meiner Person. Als Trainer alleine hast du null Chance. Ich sage das auch meinen Spielern. Ohne die Mitspieler kann man gar nichts ausrichten, wird man sich keinen Schritt weiterentwickeln.

Wie nahe kommt die aktuelle Mannschaft Ihrer Wunschvorstellung eines Teams? Ich denke, wenn es vielleicht irgendwann so weit sein wird, kommt sofort die nächste Herausforderung, und es geht wieder von vorne los. Mein Motto ist: Beweg dich in der Gegenwart, irgendwo auch ein wenig in der Zukunft, aber halte dich nie in der Vergangenheit auf. So ist der Fussball. So ganz zufrieden werde ich nie sein, denn wenn man anfängt, zufrieden zu sein, dann fehlt irgendetwas.

Inwiefern hat sich Urs Fischer seit seinem ersten Tag als Trainer verändert? Es ist schwierig, selber in den Spiegel zu schauen, aber natürlich gehört es zum Trainerdasein, sich selber zu hinterfragen. Ich denke nicht, dass ich mich gross verändert habe, ich konnte immer noch mich sein, mit all meinen Vorzügen und negativen Seiten. Das hat wohl aber auch damit zu tun, dass es insgesamt eher positiv gelaufen ist. Wir sind nie in einen negativen Strudel geraten, und das sage ich gerne und will es auch nie erleben, und waren so auch noch nie extrem gefordert. Wir sind zwar täglich gefordert, einen Schritt weiterzukommen, aber wir waren noch nie unter extremem Druck.

Welchen Einfluss hätte das? Menschen verändern sich auch, und in einer Negativspirale würde man dünnhäutiger, das hatte ich auch ein wenig in Zürich erlebt, als es im zweiten Jahr nicht wie gewünscht lief. Dann verhält man sich einfach anders. Ich muss aber auch sagen, irgendwie darf man beim FC Thun auch sein, wie man ist. Da spielen die Leute mit und die Mentalität in der Region, und das passt. Dieses Geradlinige und Bodenständige, obwohl ich heute manchmal das Gefühl habe, der Begriff «bodenständig» töne fast negativ. Dieses Attribut wird manchmal belächelt, und wenn dies so ist, dann bewegen wir uns in eine Richtung, die gar nicht gut ist.

Sehen Sie irgendwo einen ähnlichen Spieler im Team, wie es Urs Fischer früher war? Ja, schon, aber nicht eins zu eins. Jeder Spieler hat seine eigenen Qualitäten und Schwächen wie jeder Mensch. Aber ich habe schon das eine oder andere Mal in diesen zwei Jahren Urs Fischer kennen gelernt, als Spieler des FC Thun, wo ich sagen musste: Wie wärst du selber mit Urs Fischer umgegangen, eigentlich warst du ja damals ein ziemlich unangenehmer Kerl. Das hat aber auch Vorzüge, obwohl es für den Trainer nicht immer einfach zu handhaben ist, da es das Ganze betrifft und auch die Mitspieler. Ich dachte schon oft: Am Spieler Urs Fischer hättest du dir manchmal die Zähne ausgebissen.

Präsident Markus Lüthi sagt, er wisse, seit er in Thun sei, Ende Monat nie, wo der FC Thun in sechs Monaten stehen werde. Einerseits versucht ihr, langfristig zu arbeiten, andererseits schwebt irgendwo immer das Damoklesschwert über euch. Welchen Arbeit auf Ihre Arbeit hat das? Wir können nur helfen, wenn ein gewisser sportlicher Erfolg da ist. Das steht im Vordergrund, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das Thema lasse mich kalt. Es ist auch wichtig, dass man mit solchen Sachen konfrontiert wird und weiss, wie man damit umgehen muss. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Thun vor dieser Schwierigkeit steht und in der Vergangenheit ging man immer sehr gut damit um. Wieso soll dies nun anders sein? Wir müssen einen guten Job machen und die Leute damit begeistern und das gelingt uns eigentlich nicht schlecht. Es hat ja auch ein paar Zuschauer mehr, aber wir sind noch nicht fertig. Wir müssen noch mehr Leute überzeugen.

Dennoch: Ruhig, solid, erfolgreich, seit Jahren. Aber ganz honoriert wird das nicht, sonst wäre auch mehr Geld vorhanden. Das nervt schon, oder? Natürlich wäre es schön, wenn es etwas anders wäre. Aber wir sind in dieser Situation und wollen uns nicht beklagen über das, was wir nicht haben, sondern das pflegen, was wir haben, und dranbleiben. Vielleicht kehrt es ja. Der Verein ist aktiv dran, versucht viel, aber einfach mit den Möglichkeiten, die wir haben. Wir haben nun einfach im Vergleich mit anderen Klubs weniger potenzielle Geldgeber und Sponsoren. Aber eben, wir dürfen uns nicht beklagen. Wenn man immer wieder vom Gleichen redet, wird es mit der Zeit auch langweilig.

Bald ist Weihnachten. Was wünscht sich Urs Fischer? Gesundheit. Gesundheit für alle. Ohne Gesundheit geht gar nichts, und da wünsche ich niemandem etwas Schlechtes. Gesundheit ist ein Gut, das du nicht kontrollieren kannst. Man kann zwar etwas dafür tun, aber vieles liegt ausser Kontrolle, und schon die Gesündesten sind plötzlich von einer Hiobsbotschaft ereilt worden. Wenn du die Gesundheit hast, stimmen die Voraussetzungen. Ich hatte das Glück, aus meinem Hobby den Beruf machen zu können, und wenn man dann nicht aufstehen und das Maximum herausholen will, dann wird es sowieso schwierig.

Berner Zeitung

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