Der Urschrei nach der Odyssee

Fussball

Mit einem Heimsieg gegen Aarau (Samstag, 17.45 Uhr, Stockhorn-Arena) könnte sich der FC Thun weiter in der Spitzengruppe etablieren. Mit den Aargauern haben die Oberländer noch eine Rechnung offen.

Die Befreiung: Fulvio Sulmonis Jubel nach dem 3:2 gegen Luzern.

Die Befreiung: Fulvio Sulmonis Jubel nach dem 3:2 gegen Luzern.

(Bild: Patric Spahni)

Eine Geste sagt manchmal mehr als tausend Worte. Auch ein Schrei kann eine solche Wirkung erzielen. Erst recht ein Urschrei. Ein Urschrei, so wie ihn Fulvio Sulmoni vor Monatsfrist ausstiess, als er den Siegestreffer zum 3:2 von Thun gegen Luzern erzielt hatte. Es war ein logischer Urschrei, gleichsam das definitive Ende einer Odyssee. «Da galt mein erster Gedanke noch einmal den schwierigen Zeiten, die ich durchgemacht hatte. Es war wie eine Befreiung», blickt Sulmoni zurück.

Operation statt Entzündung

Tatsächlich hatte Sulmoni eine persönliche Odyssee durchlebt, eine Phase, die er als «die schwierigste Phase meiner Karriere» bezeichnet. Ende März hatte er sich verletzt, eine vergleichsweise simple Entzündung im Leistenbereich wurde zuerst vermutet, eine Blessur, die eine baldige Rückkehr erlaubt hätte. Allerdings nur bei normalem Heilungsverlauf. Dieser trat nicht ein. «Jedes Mal, wenn ich wieder mit dem Team trainieren wollte, wurden die Schmerzen stärker, ob bei Sprints oder wenn ich Pässe üben wollte.» Erst nach drei Monaten folgte die endgültige Diagnose: Sulmoni litt an einer sogenannten weichen Leiste und musste operiert werden.

Die Verletzung bildete für ihn das abrupte Ende einer erfolgreichen Premierensaison auf höchster Stufe. Nachdem er eine jahrelange «Tour de Ticino» durch die Challenge-League-Klubs der Sonnenstube absolviert hatte, bereitete ihm der Sprung in die Super League erstaunlich wenig Probleme. Bald avancierte er dank umsichtigem Spiel zu einem unverzichtbaren Teil der Innenverteidigung, ja war einer der Thuner Aufsteiger. «Bis zur Verletzung konnte ich wirklich zufrieden sein», bilanziert Sulmoni, bleibt aber bescheiden, «die Integration wurde mir einfach gemacht, obwohl ich ja am Anfang nicht Deutsch gesprochen habe.»

Deutschunterricht

Das hat sich mittlerweile geändert, Sulmoni hat sich nicht nur, aber besonders während der Zwangspause intensiv Goethes Sprache gewidmet und verständigt sich mittlerweile bei Bedarf ausgezeichnet auf Deutsch. Auf dem Platz hat er nach seiner Rückkehr ohnehin keine Verständigungsprobleme, er tritt schon wieder so abgeklärt auf wie bis im Frühling und hat die letzten fünf Partien durchgespielt.

Und dazu beigetragen, dass der FCT aus den letzten vier Partien acht Punkte holte. In einer doch stärker als in anderen Jahren veränderten Thuner Mannschaft ist er eine Konstante geblieben. Für ihn liegen die Unterschiede zur Vorsaison vor allem darin, dass «wir uns noch mehr auf die defensive Stabilität konzentrieren. Wir sind sehr gut organisiert und versuchen, so wenig Gegentore wie möglich zu kassieren.»

Aarau als besonderer Gegner

Der 13. September brachte den Oberländern kein Glück, am Abend des 1:2 in Aarau hatte immerhin Sulmoni Grund zur Freude. An jenem Samstag gab er im Brügglifeld sein Saisondebüt in der Super League und erhielt die Gewissheit, dass die schlimmste Zeit hinter ihm lag. Heute kann er konstatieren, dass «ich wieder nach vorne schauen und mithelfen kann, dass dem Team gute Resultate gelingen.»

Am liebsten schon am Samstag gegen ein Team, mit dem Thun noch eine Rechnung offen hat. Sulmoni hat klare Vorstellungen, wie die Aargauer auftreten werden: «Wir haben sie genau unter die Lupe genommen. Sie sind sehr zweikampfstark, geben nie auf und haben ihre Stärken vor allem im Mittelfeld.»

Vor der Saison war den Spielern von Sven Christ wenig Kredit eingeräumt worden. Mit Platz 6 und acht Punkten Vorsprung auf den Abstiegsplatz fällt die Zwischenbilanz positiv aus. In Thun soll das Konto nun, so es nach Sulmoni geht, nicht weiter geäufnet werden: «Wir wollen unbedingt gewinnen.» Einem Sieg würde wohl kein weiterer Urschrei des Tessiners folgen. Grund zur Freude wäre er allemal.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt