Der Tessiner Paradesturm

Morgen Samstag wollen die Schweizer Fussballer gegen Polen die Viertelsfinals der Europameisterschaft erreichen. Von den Schweizer TV-Kommentatoren-Teams sind nur die Tessiner reif für diesen Coup.

Recherchiert am Spielfeldrand: Nicolò Casolini, der dritte Mann (links). Zaubert am Mikrofon: Armando Ceroni, Kultkommentator (Mitte). Leidet mit den Spielern: Toni Esposito, Experte (rechts).

Recherchiert am Spielfeldrand: Nicolò Casolini, der dritte Mann (links). Zaubert am Mikrofon: Armando Ceroni, Kultkommentator (Mitte). Leidet mit den Spielern: Toni Esposito, Experte (rechts).

(Bild: RSI)

Jürg Steiner@Guegi

Ragazzi, es ist die Wahrheit: Ohne Tessiner wären wir Schweizer im Fernsehen eine traurige Truppe, die es in Frankreich wohl nicht einmal in die Achtelsfinals geschafft hätte. Nichts gegen Sascha Ruefer, der sich auf dem Deutschschweizer Kanal tapsig und brav durch die Spiele der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft palavert.

Nichts gegen Philippe von Burg, der für die Romands die Auftritte der Nati strebsam und mitunter streng begleitet. Aber in einem Direktvergleich gegen den Tessiner Kultkommentator Armando Ceroni (56) würden sie beide sang- und klanglos ausscheiden.

Als Xherdan Shaqiri im EM-Match gegen Rumänien den Ball per Fallrückzieher in der Luft abnehmen will, ihn aber leider nicht trifft, breitet Ceroni nach ein paar Sekunden Denkpause ein vielsagendes Sprachbild aus. Der bullige Shaqiri habe sich in die Luft geschraubt «mit der Eleganz eines Walrosses, das sich aus dem Wasser wälzt». Treffender bringt man die klägliche Performance des selbstgefälligen Stars nicht auf den Punkt.

Wie ein Walross: Shaqiris Fallrückzieher, laut Ceroni. Bild: Keystone

Schwitzend im TV-Sessel

Ragazzi, es ist die Wahrheit: Ar­mando Ceroni verdichtet banale Fussballszenen in Serie zu Kultmomenten, und häufig machen seine jüngsten Spracherfindungen umgehend auf den sozialen Medien die Runde. Wenn der atemberaubende Schnellsprecher Ceroni am Mikrofon aufdreht, wird Fussball auch dann zum Ganzkörpererlebnis, wenn man sich gerade zu Hause im TV-Sessel verkrümelt hat.

Man muss nicht einmal Italienisch verstehen: Ceronis Live­performance beim von Valon Behrami (Ragazzi, un Ticinese!) mit einer unfassbaren Grätsche eingeleiteten Angriff, der an der WM 2014 zum 2:1 gegen Ecuador führte, ruft einen Schweissausbruch hervor, auch wenn man sie sich zwei Jahre später wieder anhört.

Schweiz-Ecuador an der WM 2014: Armando Ceroni spürt sich nicht mehr nach dem Solo von Valon Behrami und dem Tor von Haris Seferovic. Video: Youtube/ManuCH.

Wenn man Ceronis Wirken verfolgt, erstaunt es nicht, dass er von Zuschauern immer wieder aufgefordert wird, aufwühlende Phasen bei Schweizer Spielen stehend zu kommentieren – weil das Schweizer Spiel dadurch positiv beeinflusst werde. Aberglaube? Ragazzi! Als die Schweiz im kapitalen EM-Ausscheidungsspiel gegen Slowenien einen 0:2-Rückstand aufholte, katapultierte die Euphorie seines eigenen Kommentars Ceroni vom Stuhl auf die Füsse – und prompt traf Josip Drmic zum 3:2-Sieg.

Service public!

Was die Tessiner an der EM in Frankreich leisten, ist der beste Werbespot für den Service public, den es je gab. Die Schweiz leistet sich den Luxus, für die vier Prozent Italienischsprachigen in ihrer Bevölkerung einen Full-Board-Fussballservice inklusive Vertiefungssendungen mit Studiogästen zu finanzieren, als würde man ein Millionenpublikum bedienen. Vermutlich ein Weltrekord.

Im Schnitt schauen aber kaum 200 000 Personen die Sendungen des italienischsprachigen Fernsehens. Doch für diese Nischenproduktion legt sich die Tessiner Crew mit einer Verve ins Zeug, die den Deutschschweizern gut anstehen würde.

Ganz nah bei Vlado

Spitzenklasse ist nicht nur Ar­mando Ceroni. Sondern auch der frühere Topfussballer Antonio Esposito, der ihn bei Schweizer Spielen als Experte sekundiert und am Mikrofon mit den schwitzenden Spielern leidet, als würde er selber auf dem Feld stehen. Herausragend ist aber vor allem der dritte Mann, Nicolò Casolini.

Er tut, was am Deutschschweizer TV völlig unbekannt ist: Casolini, ausgestattet mit einer Frisur wie ein Fussballer, steht unten am Spielfeldrand und rapportiert live, was auf der Spielerbank abgeht. Oder ob Vlado schon im roten Bereich dreht. Vlado? Ist Nationaltrainer Vladimir Petkovic – un Ticinese! Ragazzi!

«Was uns Tessiner Reporter wohl von anderen unterscheidet, ist die Passion für den Fussball», sagt Armando Ceroni auf Anfrage. Eine Passion, die er allerdings nie verwechsle mit billigem Chauvinismus: «Uns ist bewusst, dass wir stets Gefahr laufen, zu Fans zu werden. Deshalb tun wir alles, um unabhängige Journalisten zu bleiben», sagt Ceroni, dem 2010 für die Weltmeisterschaften in Südafrika die Akkreditierung verweigert wurde, weil er ein unautorisiertes Interview mit dem damaligen Trainer Ottmar Hitzfeld trotzdem sendete.

Wer am Tessiner TV die EM verfolgt, weiss, dass die Freundin von Haris Seferovic in Montpellier ihre Uni-Abschlussarbeit schreibt, weil sie ihren Partner eh nicht treffen darf. Die Tessiner recherchieren fussballerische Systemfragen mit demselben Rigorismus wie familiäre Angelegenheiten. Finalreif bis in die Zehenspitzen. Es ist die Wahrheit, ragazzi!

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