Der Reisende schwört auf Nestwärme

Der Profifussball hat Alain Rochat bis nach Übersee verschlagen. Trotzdem hält sich der YB-Verteidiger immer gerne an alte Weggefährten – bei seinen Engagements in Bern war und ist das nicht anders.

«Wieder und wieder»: Alain Rochat baut auf Vertrautheit.

«Wieder und wieder»: Alain Rochat baut auf Vertrautheit.

(Bild: Urs Baumann)

Es ist ja nicht so, dass Alain Rochat das prächtige Wetter nicht zu schätzen wüsste. Auch er blinzelt an diesem Mittwochmittag auf der Allmendwiese in die Sonne und gönnt sich ein paar Minuten Ruhe. Doch bei YB wird eifrig gearbeitet und trainiert, nach wie vor liegt der Klub weiter zurück, als ihm lieb ist. «Bei uns hat nie jemand von der Spitze gesprochen», hält Rochat dem entgegen und erklärt, wie schwierig es im Fussball sei, sich nicht von der Aussenwelt beeinflussen zu lassen.

«Genauso wenig, wie wir jetzt hoffnungslos zurückliegen, waren wir zur Winterpause ein Meisterkandidat.» Es sind die Worte eines erfahrenen Profis. Der Romand ist ein zurückhaltender Mensch mit einer gewissen Noblesse, die Haltung aufrecht, der Blick abwartend. Doch er kommt in Fahrt, wenn er von seinen Erlebnissen erzählt, vom Ausland, wo er vieles über das Fussballgeschäft erfahren hat.

Unbehagen in Frankreich

Rochats Reise durch die Fussballwelt war stets auch geprägt von der Suche nach Nestwärme. «Wenn man mit jemandem gut arbeiten kann, spricht nichts dagegen, es wieder und wieder zu tun», sagt der 31-Jährige. Nach dem Heranwachsen bei Yverdon-Sport war YB die erste Station in der Karriere des Verteidigers. Ein YB, das mit der heutigen Dimension des Vereins nicht mehr viel gemeinsam hat. «Die Ambitionen waren andere, es war alles ein ‹Dürfen›, kein ‹Müssen›», erklärt Rochat die Situation bei den Young Boys kurz nach dem Wiederaufstieg in die NLA.

Wirtschaftlich bewegte man sich in deutlich kleineren Dimensionen als heute, Sportchef war aber bereits damals Fredy Bickel, was für die Zukunft Rochats wegweisend sein sollte. «Wir hatten ein starkes Team und holten in dieser Saison 72 Punkte», meint Rochat, die Statistik aus dem Gedächtnis zitierend. YB spielte gar europäisch, solide Leistungen machten den Linksverteidiger auch im Ausland begehrt. Und so kam es, dass Alain Rochat sein Glück 2005 bei Rennes versuchte – wo ihm der zur Entfaltung nötige Rückhalt im Verein fehlte. Mit Unbehagen hangelte er sich in Frankreich durch die Saison, schnell war die Brücke zurück in die Schweiz wieder geschlagen: Beim FCZ machten sich wiederum Bickel und ein gewisser Lucien Favre für ihn stark – der heutige Gladbach-Coach war bei Yverdon sozusagen Rochats erster Förderer gewesen.

Erstaunlicher Ausflug

Geschichte, gemeinsame Vergangenheit, das bedeutet dem vierfachen Familienvater etwas. Als Materialwart Hans Imboden, seit 1999 bei YB, vorbeikommt, schwelgen sie in Erinnerungen ans vordere Jahrzehnt. Umso erstaunlicher mutet deshalb Rochats Ausflug nach Kanada an. «Die nordamerikanische Profiliga MLS, insbesondere ein kanadisches Team, gehörte immer ein wenig zu meinen persönlichen Zielen», erklärt er. Deswegen habe er die Gelegenheit genutzt, als 2011 in Vancouver die Whitecaps ins Leben gerufen wurden.

Rochats Karrierehighlight ist also mit den 77 Spielen in Nordamerika vorbei, könnte man meinen. Er ist zurück in der Heimat, der Anspruch auf Vertrautheit führte ihn wieder nach Bern, zum alten Weggefährten Bickel. «Ich habe noch Ambitionen, wir haben noch Ambitionen», hält Rochat fest und akzeptiert die Kritik an seinen jüngsten Leistungen im YB-Dress. «Doch wenn wir mehr als zwei Gegentore pro Spiel erhalten, brauche ich keine Zeitung zu lesen, um zu wissen, dass ich mich steigern muss.» Der Reisende schwört auf Nestwärme, mit Genügsamkeit einhergehen muss das aber nicht.

Berner Zeitung

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