Der Hyggelige

Marco Wölflis Comeback im Tor ist die schönste Geschichte rund um die erfolgreichen Young Boys. Der 35-Jährige wird gegen Ende einer langen Karriere wohl reich belohnt für seine Treue.

Der gute Mann von YB: Clublegende Marco Wölfli.

Der gute Mann von YB: Clublegende Marco Wölfli. Bild: Alessandro della Valle/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte ist romantisch, sie ist wunderschön, und sie ist derart märchenhaft, dass sie verfilmt werden müsste. Titelvorschlag: «Der Goalie ist wieder er». Wem das zu kitschig klingt, dem sei gesagt: Es geht um einen Menschen, der grossen Wert auf Wärme legt, auf Gefühle und Anstand, der im Prinzip seine ganze Fussballerlaufbahn ein Wölfli geblieben ist.

Das ist keineswegs despektierlich gemeint. Dieser Marco Wölfli, bald 36 Jahre alt, ist keiner für fette Schlagzeilen, am liebsten würde er seinen Namen und sein Gesicht gar nicht in den Zeitungen sehen. Er sagt: «Ich spiele nicht für die Medien.»

Bald 20 Jahre bei YB

Marco Wölfli hat sich rar gemacht in den letzten Wochen. Interviewanfragen lehnte er ab, er wollte sich auf seine Arbeit konzentrieren. Doch nun, Anfang ­April, ist der YB-Torhüter bereit zum längeren Gespräch. Es ist eine kurzweilige Unterhaltung, man hat sich in all den Jahren kennen und auch schätzen gelernt, man hat sich gerieben, aneinander gewöhnt und irgendwie versöhnt. Lange Zeit war Wölfli ja Captain bei den Young Boys und damit erster Ansprechpartner für die Journalisten. «Ich habe die Arbeit mit den Medien nicht vermisst», meint er einmal lachend.

Im Sommer wird es zwanzig Jahre her sein, dass Marco Wölfli mit 15 von Solothurn ins Wankdorf wechselte. Das legendäre Fussballstadion stand damals noch, allein daran lässt sich erkennen, wie lange Wölfli im Club ist. Nach einem kurzen Abstecher zum FC Thun bestritt er weit über vierhundert Pflichtspiele für YB. Er hat all die Stürme und Veränderungen erlebt, im Neufeld wie später im Stade de Suisse, Hunderte von Spielern gesehen, Trainer und Sportchefs, Präsidenten und Einflüsterer, die mal sparen und mal investieren wollen, mal Hochphasen und mal Dreijahrespläne verkünden, at­tackieren und scheitern. Teil­weise kläglich, teilweise tragisch, teilweise bitter.

«Ich spiele nicht für die Medien.»Marco Wölfli

Marco Wölfli meint in seiner trockenen Art: «Es war immer etwas los hier, YB ist ein grosser, lebendiger Club. Natürlich hat mich das geprägt. Aber ich bin deswegen kein anderer Mensch geworden.» Und sowieso, er sei keiner, der in der Vergangenheit lebe. «Derzeit ist der Verein hervor­ragend aufgestellt und hat die beste Mannschaft, seit ich hier bin.»

Das liege auch an Sportchef Christoph Spycher, dem jene Werte wichtig seien, die auch er schätze: Vertrauen, Teamarbeit, Menschlichkeit. Und Trainer Adi Hütter treibe die Spieler an, sei nie zufrieden, wolle immer mehr, auch nach Siegen. «Er ist ein Perfektionist», sagt Wölfli. Für seine Verhältnisse sind das alles überaus spektakuläre Aussagen.

Mentor der Toptalente

Die Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der Wölfli über das wilde Fussballgeschäft spricht, ist gleichermassen irritierend wie be­ruhigend. Da sitzt ein ganz normaler Mensch, ohne Allüren, der am liebsten zu Hause bei seiner Familie in Köniz ist. Einer, der mit sich im Reinen ist und nun un­verhofft mit allergrösster Wahrscheinlichkeit reich belohnt wird für seine aussergewöhnliche Treue. «Selbstverständlich freut es mich, darf ich wieder im Tor stehen», sagt er. Aber man glaubt ihm, wenn er anfügt, es sei ihm immer einzig um YB gegangen und nie um seine Person. «Sonst wäre ich schon lange nicht mehr hier.»

Im Dezember 2013 verletzte sich Marco Wölfli bei einer Partie in Thun schwer an der Achillessehne. Seither war er Reservist bei den Young Boys, von einem Tag auf den anderen stand er nicht mehr im Mittelpunkt. Der elffache Nationalspieler verpasste die WM 2014 in Brasilien, und in Bern setzte man auf die grossen Torhütertalente. Zuerst auf Yvon Mvogo, ab Sommer 2017 auf David von Ballmoos. Wölfli hat die aus seiner Sicht brutale Degradierung klaglos akzeptiert. «Ich versuche immer, die positive Seite zu sehen», sagt er. «Und es hat mir gefallen, den jungen Goalies zu helfen, sich zu verbessern.» Er sei jeden Tag motiviert ins Training gefahren. «Man muss immer parat sein, immer alles geben, immer das Maximum herausholen.»

Das klingt nach plumpen Motivationsreden. Aber wer sich bei YB umhört, der realisiert, wie sehr Marco Wölfli genau nach diesem Motto arbeitet. «Er hat sich immer tadellos verhalten», sagt Trainer Hütter. Und Sportchef Spycher lobt die Mentalität und Professionalität Wölflis. «Mit seiner Erfahrung und seiner Sozialkompetenz ist er enorm wichtig für die Mannschaft.»

Das Angebot von Schalke

Marco Wölfli hat geduldig auf ­seine Chance gewartet und im Hintergrund nie Politik betrieben, was er mit seinem Einfluss hätte tun können. Und dann, im Januar, verletzte sich David von Ballmoos schwer an der Schulter. Des einen Verletzung ist des anderen Glück. Wölfli weiss bestens Bescheid. Aber es gab vor drei Monaten nicht wenige Beobachter, welche die YB-Titelhoffnungen schwinden sahen, weil Wölfli für sie das Sinnbild der bitteren Niederlagen der Young Boys ist, die nun auch schon ein paar Jahre zurückliegen. Die «Basellandschaftliche Zeitung» titelte: «Ausgerechnet mit dem 35-jährigen Veryoungboyser Marco Wölfli im Tor will YB einen Titel gewinnen.»

Wölfli stand zwischen den Pfosten, als die Young Boys zwischen 2006 und 2010 zwei Finalissimas gegen Basel und zwei Cupfinals gegen Sion verloren, er galt als ­zuverlässiger Keeper, aber eben nicht als einer, mit dem man Titel gewinnt. Gut, aber nicht gross.

«Ausgerechnet mit dem 35-jährigen Veryoungboyser Marco Wölfli im Tor will YB einen Titel gewinnen.»Basellandschaftliche Zeitung

Das Bild des genügsamen, lieben Wölfli verfestigte sich für viele, als er seinen Vertrag als Nummer 2 um vier Jahre verlängerte. «Ich hätte gehen können, es gab An­gebote aus der Super League. Und bei Schalke hätte ich als zweiter Torhüter unterschreiben können, das war reizvoll», sagt er. Und fragt: «Aber warum hätte ich gehen sollen, wenn es mir hier so gut gefällt und ich YB so viel zu verdanken habe?» Mit fehlendem Ehrgeiz habe sein Verhalten nichts zu tun. «Mir ist es egal, wenn das jemand denkt», sagt er. «Ich weiss, dass es nicht so ist.»

Starke Psyche, gute Physis

Zwei Punkte lagen die Young Boys in der Winterpause nur noch vor Basel, sie verpflichteten den Franzosen Alexandre Letellier aus der Ligue 1, zur Sicherheit, aber auch, weil niemand genau wusste, wie stark Wölfli nach fünfzig Monaten auf der Ersatzbank und mit nur fünfzehn Pflichtspieleinsätzen in dieser Zeit noch ist. «Mir war klar, dass ich bereit bin», sagt er, «schliesslich sind meine körperlichen Werte noch gleich wie mit 25 und 30 Jahren.» Und sowieso, die Psyche sei für einen Torhüter mindestens so wichtig wie die Physis. «Ich habe so viel erlebt, dass mich nichts mehr überraschen kann.» Wenn YB in der Rückrunde abgestürzt wäre, hätten viele geschrieben, das sei seinetwegen passiert, sagt er. Nun beträgt der Vorsprung auf den FCB vor dem letzten Saisonviertel 13 Verlustpunkte, Wölfli hat von vierzehn Partien inklusive Testspielen dreizehn gewonnen und nie verloren.

Die Frage, ob er heute ein besserer Goalie als vor zehn Jahren sei, kann und will Wölfli nicht beantworten. Reifer sei er geworden und gelassener. Irgendwie ist das auch eine klare Replik.

Die Leistungen Wölflis sind gut, beim 2:1-Sieg in Zürich kürzlich agierte er gar überragend, manchmal wirkt er bei Eckbällen und Flanken nicht besonders stilsicher, aber grobe Schnitzer leistete er sich keine. «Der Fussball hat sich massiv verändert in den letzten fünfzehn Jahren», sagt Wölfli, «er ist schneller, inten­siver, athletischer geworden.» Doch er sei immer einer gewesen, der gern und gut Fussball gespielt habe, bis zu den C-Junioren auch regelmässig im Feld, deshalb komme ihm die Entwicklung auf der Torhüterposition entgegen.

Die Revanche gegen Basel

Mehr Mühe hat Marco Wölfli zuweilen, wie sich das Verhalten der Mitspieler verändert hat. «Die Jungen leben ja heute mit ihrem Handy zusammen», sagt er schmunzelnd. Es sei die Aufgabe von den älteren Akteuren wie Guillaume Hoarau und Captain Steve von Bergen, Sékou Sanogo und ihm, die Social-Media-Ge­neration daran zu erinnern, dass man auch miteinander reden könne. «So ein Fussballteam ist enorm heterogen und spannend, es hat so viele verschiedene Kulturen.»

Wölfli möchte, sofern es die Gesundheit zulässt, auch mit 40 Jahren noch Torhüter sein, am liebsten bei den Young Boys. Und danach wird er als Clublegende und Persönlichkeit vermutlich in irgendeiner Form in den Verein eingebunden werden. «Das ist weit weg», sagt er. Vorerst bis 2019 ist Wölfli an YB gebunden, nach dieser Saison wird er wieder in die zweite Reihe rücken, sobald David von Ballmoos fit ist. «Daran denke ich heute doch nicht», sagt er, «am Sonntag spielen wir in St. Gallen. Nur darum geht es.»

«Warum hätte ich gehen sollen, wenn es mir hier bei YB so gut gefällt?»Marco Wölfli

Vielleicht wird Wölfli im Sommer Meister und Cupsieger sein, es wäre eine späte Befriedigung für ihn. An so etwas denke er nicht: «Es wäre einfach eine grosse Freude, mit YB einen Titel zu gewinnen.» Am Ostermontag, nach dem 2:2 gegen Basel, umarmte er Basels Sportchef Marco Streller in den Katakomben des Stade de Suisse wie auch Valentin Stocker, der zwei Riesenchancen vergeben hatte. In den Finalissimas 2008 und 2010 hatte Stocker noch zweimal gegen Wölfli reüssiert – und Basel zur Meisterschaft geführt.

Die Söhne als grösste Fans

Es wäre menschlich, wenn Wölfli zumindest ein wenig Genugtuung entwickeln würde, wie erfreulich sich die Dinge für ihn entwickelt haben. «Wirklich nicht», sagt er, «ich verschwende meine Zeit nicht mit negativer Energie.» Schön sei, dass seine Söhne, 5 und 3 Jahre alt, ihren Vater nun als YB-Torhüter erleben würden. Sie seien seine grössten Fans.

Am Ende möchte man noch wissen, ob sich im Leben Marco Wölflis irgendetwas verändert habe. «Nein, da gibt es nichts Spektakuläres», antwortet er. «Ich lese einfach mehr.» Und beiläufig erwähnt er seine Faszination für «Hygge». Das ist ein dänisches Wort, es beschreibt eine Lebensart und erklärt, warum die Dänen besonders glücklich sein sollen. «Hygge» steht für eine gemütliche, angenehme und herzliche ­Atmosphäre, in der man das Gute im Leben und die schönen Dinge des Alltags mit netten Leuten zusammen geniesst. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.04.2018, 09:44 Uhr

Artikel zum Thema

Letzte Chance für Wölfli

Nach bald zwei Jahrzehnten im Club kann Marco Wölfli mit YB seinen ersten Titel gewinnen. Man hat das Gefühl, die nächsten Monate werden die Karriere des Goalies für immer definieren. Mehr...

YB schlägt Basel mit dessen Waffen

Die YB-Ausgabe 2017/2018 erinnert stark an die Basler Meistermannschaften der letzten Jahre. Auch deshalb stehen die Young Boys vor dem Titelgewinn. Mehr...

Die Kehrseite des YB-Erfolgs

Der personelle Umbruch bei den Young Boys im Sommer wird massiv ausfallen. Die talentierten Fussballer im Team haben sich für Topligen empfohlen. Mehr...

Paid Post

Schneiden Berner besser ab als Basler?

Ja. Zumindest mit dem PanoramaKnife. Denn es gibt leider noch kein Basler Messer. Die kleine Thurgauer Firma arbeitet aber dran.

Kommentare

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Chinas historische Wende

Mamablog Gespalten zwischen Glück und Trauer

Die Welt in Bildern

Das beste aus der Situation machen: Kinder spielen auf einer überfluteten Autobahn in Manila, Philippinen, nach starkem Regenfall. (25. April 2018)
(Bild: Dondi Tawatao) Mehr...