Der Fall Dzemaili/Inler

Hintergrund

Blerim Dzemaili forderte in Genf einen Platz in der Startelf – doch Ottmar Hitzfeld zog ihm Gökhan Inler vor. Der Captain konnte gegen Zypern das Vertrauen des Trainers aber nicht rechtfertigen und wurde ausgepfiffen.

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Sebastian Rieder@RiederSebastian

Natürlich freute er sich über das Tor. Natürlich feierte auch er das 1:0 gegen Zypern. Aber irgendwie, so schien es, konnte er die vollkommene Glückseligkeit, die das ganze Stadion erfasst hatte, nicht teilen. Haris Seferovic hatte mit seinem Tor in letzter Minute die ganze Schweiz erlöst und die Mannschaft wie ein Magnet zum grossen Freudentanz vereinigt.

Nur zum Tanzen war Blerim Dzemaili gar nicht zumute. Zu gross war sein persönlicher Frust über die späte Einwechslung rund 20 Minuten vor Schluss. Sagen wollte er sowieso nichts mehr, seine Ansage vor dem Spiel war aber eindeutig. «Wenn nicht jetzt, wann dann?», fragte er am Donnerstag zurück, als er zu seinen Chancen über einen Platz in der Startelf Auskunft gab.

In der Serie A hatte er bei der SSC Napoli seinen Clubkollegen Gökhan Inler im Kampf um die Position im zentralen Mittelfeld mit starken Leistungen und schönen Toren aus der Stammformation verdrängt. Der Erfolg weckte bei Dzemaili Begehrlichkeiten, die Ottmar Hitzfeld nicht erfüllen konnte – obwohl er den 27-jährigen Zürcher in der Woche vor dem Zypern-Spiel als Alternative zu Inler testete. «Wir haben auch im Training ausprobiert, wie es ist, wenn Blerim statt Gökhan spielt», sagte Hitzfeld am Sonntag.

Hitzfeld äussert Verständnis

Am Ende fehlte Hitzfeld der Mut, neben den noch relativ unerfahrenen Nationalspielern Stocker, Gavranovic und Drmic einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor einzubauen: «Ich habe mich dann so entschieden, dass ich nicht zu viele Umstellungen innerhalb der Mannschaft will. Zu viele Umstellungen bergen auch gewisse Risiken.» Hitzfeld weihte Dzemaili am Freitagmorgen in seine Pläne ein und musste mit ansehen, wie für jenen eine Welt zusammenbrach. «Ich habe grosses Verständnis, dass Blerim sehr enttäuscht ist.» Dzemaili soll, so hörte man, im Affekt eine vorzeitige Abreise aus dem Nati-Camp in Erwägung gezogen haben, ehe er sich wieder beruhigen liess.

Dzemailis Reaktion ist verständlich. Bei der Präsentation des Kaders vor über einer Woche schien eine Entmachtung von Inler als Captain durchaus wahrscheinlich, als Hitzfeld betonte, dass sich auch Inler in Zukunft neu beweisen müsse und Dzemaili gute Chancen auf einen Startplatz gegen Zypern habe. Hinter diesen Worten steckte aber mehr Kalkül als eine strategische Neuausrichtung. Überrascht von Hitzfelds medialem Seitenhieb zeigte sich Inler in den Trainings wesentlich aggressiver. «Gökhan hat sehr gut trainiert, sehr energisch. Das war für mich sehr wichtig. Er war sehr konsequent in seinem Zweikampfverhalten.»

«Ein wenig nervös»

Hitzfeld reizte Inler, indem er Dzemaili neue Hoffnungen machte. Die Massnahme hat für Hitzfeld voll eingeschlagen: «Gökhan hat auf meine Worte eine gute Reaktion gezeigt, er ist als Captain voranmarschiert.» Gegen Zypern liess Inlers Auftritt dann aber zu wünschen übrig. Als Ballstaubsauger hatte er zwar die gewohnte Saugkraft, das Spiel nach vorne misslang ihm aber. «Im Laufe des Spiels ist er ein wenig nervös geworden», gab Hitzfeld nach dem Spiel zu, attestierte seinem Captain jedoch eine gute erste Hälfte. Kurz vor der Pause wurde Inler nach einem missratenen Freistoss erstmals mit Pfiffen eingedeckt.

Akustische Anfeindungen musste Inler schon im Januar von den Napoli-Fans über sich ergehen lassen. Dass er aber im Dress der Nationalmannschaft direkt angegriffen wird, ist neu. Am Samstag liessen die Zuschauer im Stade de Genève auch in der zweiten Halbzeit nicht von ihm ab und spitzten gegen Ende des Spiels erneut die Lippen. Ob Hitzfeld seinen Anführer für das anstehende Testspiel gegen Brasilien vom Feld pfeift, liess er nicht durchblicken. Der Nationaltrainer machte aber klar, dass die Leistung von Inler intern weiter diskutiert werde.

Inler gegen Island gesperrt

Die Konsequenzen daraus sind heute noch nicht absehbar. Brisant ist aber, dass Inler wegen der gelben Karte in Genf im kommenden WM-Qualifikationsspiel gegen Island gesperrt ist. Für Dzemaili die vielleicht letzte Chance, sich vor der WM in Brasilien zu beweisen. Hitzfeld sagt dazu nur so viel: «Er gehört zum engsten Kreis der Mannschaft.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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