Wie die Zürcher mit dem Basler Erfolg umgehen

Der FCZ und GC gehörten einst zu den Grossen im Schweizer Fussball. Heute spielen sie gegen den Abstieg und der Erzrivale Basel in der Champions League. Das wirft in der Zürcher Szene Fragen auf.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Während die Zürcher Vereine nicht zuletzt wegen des Letzigrundstadions zurzeit mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, scheffeln die Basler in der Champions League Millionen. Die Qualifikation für die Achtelfinals und der Sieg über Englands Rekordmeister Manchester United bringen dem FC Basel einen Eintrag in die Geschichtsbücher ein. Doch Neid ist für die Zürcher Klubs ein Fremdwort. Im Gegenteil.

«Wir können alle stolz sein auf diesen grandiosen FC Basel», sagt FCZ-Sportchef Fredy Bickel gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz. Er habe sich während eines Meetings mit Sponsoren fast minütlich über den Spielstand orientieren lassen. «Ich habe mitgefiebert und mich riesig gefreut», sagt Bickel. Der Einzug Basels in den Achtelfinal der Champions League spreche auch für das Niveau des Schweizer Fussballs. «Der FCB hat für unser Image in Europa Unglaubliches geleistet», sagt Bickel. Er habe den Basler Verantwortlichen per SMS zu diesem grossartigen Erfolg gratuliert.

«Wir Schweizer sollten uns nicht selber immer so kleinmachen»

GC-Trainer Ciri Sforza ist mit Stéphane Chapuisat der erfolgreichste Schweizer Fussballer aller Zeiten. Er gewann mit Kaiserslautern und den Bayern die deutsche Meisterschaft und holte mit den Münchnern auch die Champions League und den Weltpokal. «Zumindest im Fussball wird die Welt nicht nur durch Geld regiert», sagt der ehemalige Nationalspieler. Manchester United habe ein zigfach höheres Budget als der FC Basel und die zigfach teurere Mannschaft. «Wenn du Herzblut und Leidenschaft in deinen Beruf investiert, dann ist alles möglich», so Sforza. Das habe die Mannschaft des FC Basel vorbildlich vorgelebt und umgesetzt. «Der FCB hat Imagewerbung für den ganzen Schweizer Fussball gemacht», freut sich der Aargauer.

Der Sieg sei auch kein Zufallsprodukt gewesen. «Aufgrund der gezeigten Leistungen war er absolut verdient», sagt Sforza, der einst seine Weltkarriere bei den Grasshoppers lanciert hatte. Das Team von Heiko Vogel habe technisch und taktisch überzeugt und sei dem Starensemble von Alex Ferguson nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen gewesen. Basel habe auch eine unglaubliche Nervenstärke an den Tag gelegt. «Nach dem Anschlusstreffer der Engländer ist keine Hektik ausgebrochen», so Sforza. Die Mannschaft hätte konsequent an ihrer taktischen Marschroute festgehalten.

«In Europa spricht man wieder über uns»

«Dieser Sieg hat mir wieder einmal gezeigt, dass wir Schweizer uns nicht immer so kleinmachen sollten», sagt Sforza. Der Schweizer Fussball weise auch international viel Qualität auf. «Und das spricht auch für unsere Liga», so Sforza. Die Ausbildung der Spieler und Trainer sei in der Schweiz hervorragend. Man könne die Komplexe auch gegenüber den ganz Grossen getrost in der Kabine lassen. «Diesen Beweis hat der FC Basel gegen Manchester angetreten», lobt Sforza. Die Schweizer Mentalität sei ihm generell zu negativ, sagt der Schweizer mit italienischen Wurzeln. Der FC Basel habe auch eine unglaubliche Nervenstärke an den Tag gelegt.

Chiassos Trainer Raimondo Ponte feierte mit GC Titel um Titel. Er war beim FCZ Trainer und Manager. Den Sieg von Basel über Manchester United vergleicht Ponte mit dem Sieg von GC vor über 30 Jahren gegen das grosse Real Madrid. «Wir haben Real nach einer 1:3-Niederlage in Madrid mit einem 2:0-Sieg aus dem Europacup der Meisterklubs eliminiert», erinnert sich der ehemalige Nationalspieler, der auch noch für Bastia und Nottingham Forrest spielte.

«Frei und Streller wie einst Sulser gegen Real»

Damals sei auch ein Stürmer der Protagonist der Qualifikation für die nächste Runde gewesen. «Claudio Sulser hatte mit seinen zwei Toren im ausverkauften Hardturm den Unterschied ausgemacht», sagt Ponte. So wie das Marco Streller und Alex Frei gegen Manchester United gemacht hätten. Auch Ponte ist überzeugt, dass durch den Sieg Basels über ManU der Stellenwert des Schweizer Fussballs im Ausland noch mehr gestiegen ist. «Man spricht wieder von uns, es hätte nichts Besseres passieren können als dieser Sieg des FC Basel», sagt der 34-fache ehemalige Internationale. Basel habe psychisch, physisch und taktisch beeindruckt.

Beim historischen Sieg über Real Madrid war auch der ehemalige Internationale Roger Wehrli dabei. «Basel hat den Schweizer Fussball nach dem peinlichen Ausscheiden der Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation glücklicherweise wieder aufgewertet», das Team von Heiko Vogel habe den Sieg überhaupt nicht gestohlen. «Sie haben sich auch vor den grossen Namen nicht versteckt und sind rotzfrech und mit Mut aufgetreten», so Wehrli. Er bedauert, dass der Fussball in Zürich völlig stagniere. «Die beiden Klubs brauchen dringend ein eigenes und richtiges Fussballstadion», sagt Wehrli. Ansonsten könnten GC und der FCZ budgetmässig nicht mehr mit Klubs wie Basel, YB, Sion oder Luzern mithalten.

«Der Basler Erfolg heisst Gigi Oeri»

Der Basler Erfolg heisse aber auch Gigi Oeri. «Man darf nicht vergessen, dass Basel einst auch während vier oder fünf Jahren in der NLB dümpelte», sagt Wehrli. Dann sei Gigi Oeri gekommen, habe selber jährlich etwa 10 Millionen in den Klub investiert und Sponsoren gebracht. «Dank Oeri ist Basel auch der Vorzeigeklub bei der Ausbildung von jungen Talenten», sagt Wehrli. Der FC Basel sei für den Schweizer Fussball ein einziger Glücksfall.

Heinz Hermann, mit 117 Länderspielen immer noch Schweizer Rekordinternationaler, ist über den Basler Erfolg begeistert. «Es war schon extrem überraschend, dass Basel Manchester United eliminieren konnte», sagt Hermann. Die Mannschaft habe die taktischen Vorgaben von Heiko Vogel hervorragend umgesetzt und viel für das Image des Schweizer Fussballs getan. «Der FCB hat eine Handschrift und die war klar zu erkennen», sagt Hermann. Dass Basel zurzeit im Fussball den Ton angibt, kommt für Hermann nicht unbedingt überraschend.

«Es hat im Schweizer Fussball immer wieder verschiedene Epochen gegeben», sagt der Zürcher. Basel habe auch schon unten durch gehen müssen und sei in der NLB verschwunden. Den Zürcher Fussball dürfe man aber deshalb nicht abschreiben. «Wenn die beiden Vereine ein eigenes und fussballtaugliches Stadion hätten, würde vieles anders aussehen», glaubt Hermann. Zurzeit habe Basel einfach die grösseren Möglichkeiten. «Wenn man in Zürich die richtigen Lehren zieht, dann wird man auch wieder konkurrenzfähig.»

Hermann schulte in Basel Talente wie Inler oder Derdiyok

Hermann hat auch eine Basler Vergangenheit. Der Zürcher war unter dem damaligen Präsidenten René C. Jäggi Sportchef beim FCB. Dann schulte er während sechs Jahren die Basler Talente. Durch seine Schmiede gingen unter anderen keine geringeren Spieler wie Sommer, Kuzmanovic, Rakitic, Derdiyok, Ferati, Stocker, Fabian Frei oder Inler.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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