Der FCB brilliert – die Konkurrenz versagt

Die ganze Super League wartet bereits auf die nächste Saison. Zwischenbilanz einer Schweizer Meisterschaft, die langweilig ist wie lange nicht mehr.

Charakteristisch für die Super League 2011/12: der FCB locker vorneweg, die Konkurrenz am Boden.

Charakteristisch für die Super League 2011/12: der FCB locker vorneweg, die Konkurrenz am Boden.

(Bild: Keystone)

Marcel Rohr

Als spannendste und spektakulärste Saison überhaupt wurde sie im letzten Sommer angekündigt, die Spielzeit 2011/2012 in der Super League. Ein vermeintlich starker FC Zürich, der nach dem zweiten Schlussrang der Vorsaison noch eins draufsetzen wollte. Mit Rückkehrer Christian Gross in Bern ein Trainerschwergewicht, das dem schlafenden Riesen YB das Siegen beibringen sollte. Neue Stadien in Thun und Luzern. Mit Servette und Lausanne-Sport zwei Traditionsclubs, auferstanden aus der Asche ihrer Konkursmasse – so viel Anfang und Euphorie standen noch nie vor einem Saisonstart.

Nun, nach der 26. von insgesamt 34 Runden, ist landauf, landab Ernüchterung eingekehrt. Noch nie seit ihrer Reform 2003 – Abschaffung der Finalrunde, Reduktion von zwölf auf zehn Teams – ist die Super League aus sportlicher Sicht so langweilig gewesen, wie sie jetzt ist. Viele Clubs sehnen bereits die neue Saison herbei. Und das Ende März.

An der Tabellenspitze zieht der FC Basel einsam seine Kreise, obwohl er im Oktober eine Trainerrochade in einem höchst ungünstigen Moment bewältigen musste. Die Rotblauen haben das grösste Budget, den besten Präsidenten (Bernhard Heusler), den besten Sportchef (Georg Heitz), den besten Goalie (Yann Sommer), die besten Innenverteidiger (David Abraham, Aleksandar Dragovic), die grössten Mittelfeldtalente (Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka) und die besten Stürmer (Marco Streller, Alex Frei) des Landes und mit Heiko Vogel einen Trainer, der dank seiner Intelligenz und Emphatie vor einer grossen Karriere stehen könnte.

Im Sauseschritt zum Titel

Ende April, spätestens Anfang Mai, werden die Basler den 15. Meistertitel ihrer Geschichte eingefahren haben. Mit dieser beeindruckenden Mannschaft ist das nur logisch. Das freut auch die rotblauen Fans, welche die verbleibenden Auftritte dieser Jahrhundert-Elf noch geniessen können. Aber was keiner vergessen sollte: Der FCB braucht auf Dauer eine starke Konkurrenz. Nur dann entwickelt er sich weiter, nur dann werden Schweizer Vereine auch künftig eine gute Rolle im europäischen Clubfussball spielen. Das packende 2:2 Mitte Mai 2011 im Titelrennen zwischen dem FC Zürich und dem FCB beispielsweise war Wochen später noch ein Thema. Ein 5:0-Sieg der Basler gegen Servette wie am letzten Samstag war 24 Stunden später schon fast vergessen.

Schlagzeilen liefert die Liga mehr als genug, aber sie haben wenig mit sportlichen Höchstleistungen zu tun. In Sion wütet ein selbstherrlicher Präsident, der mit seiner Prozesswut und seiner Absicht, alle Gerichtsbarkeiten von Liga und Verband ins Offside laufen zu lassen, den Club Richtung Abgrund treibt. Statt um den Meistertitel kämpfen die Walliser gegen den Abstieg, und das ist Christian Constantins Schuld. In Lausanne beweist die Elf von Martin Rueda Woche für Woche, dass sie in der höchsten Liga nichts verloren hat; das Kader ist zu schmalbrüstig. Der Verein hat die Euphorie, die am Lac Léman nach dem Aufstieg herrschte, nicht genutzt. In Genf hat der FC Servette kürzlich seine Bilanz deponiert. Wieder einmal muss eine neue Kraft, diesmal Hugh Quennec, den Scherbenhaufen zusammenkehren, der ein windiger Investor und Präsident hinterlassen hat, diesmal Mahyhid Pishyar. Neuchâtel Xamax ist von der Landkarte verschwunden, Bulat Tschagajew hat den Karren mit voller Wucht gegen die Wand gefahren. Weil dem Club die Lizenz entzogen wurde, wird es im Mai keinen direkten Absteiger in die Challenge League geben. In der Romandie liegt der Spitzenfussball am Boden, er scheint nicht mehr finanzierbar zu sein – ein Tummelplatz für Möchtegernpräsidenten und Hochstapler.

Bickel entmachtet, GC in der Krise

Auch in der Deutschschweiz geben die Clubs ein miserables Bild ab. Der FC Zürich wurstelte sich durch den Herbst und scheiterte – nicht zum ersten Mal – an der Doppelbelastung Liga/Europacup. Dem Trainer Urs Fischer wurde in der Winterpause das Vertrauen ausgesprochen, Präsident Ancillo Canepa nutzte den Moment, um die leere Kasse zu füllen, er verkaufte die halbe Mannschaft. Fischer blieb, um am 12. März dann doch entlassen zu werden – nach einem 1:0 über Lausanne. Das Hauptproblem beim FCZ: Fredy Bickel, einen fleissigen und fähigen Sportchef, lässt man nicht mehr machen. Er wird von Canepa und einem mitdiskutierenden Verwaltungsrat beschnitten. In Sachen besonnenes Krisenmanagement, beispielsweise in der Pyro-Problematik der Südkurve, hat sich Canepa keinen Namen gemacht. Erstmals in der Geschichte musste im Oktober 2011 ein Derby gegen die Grasshoppers abgebrochen werden, weil sich auf den Tribünen die beiden Fan-Lager provoziert und verprügelt hatten. Auch das passt ins Bild einer verpfuschten Saison.

Ähnlich desaströs wie beim FCZ ist die Personal- und Clubpolitik bei GC. Allein ein Blick auf die Neuzugänge des letzten Sommers entlarvt die Zürcher: Bertucci, La Rocca, Lang, Landeka, Paiva – alles Fehlgriffe oder im besten Fall Mitläufer. Monatelang konnte Trainer Ciriaco Sforza kaufen und verkaufen, wie er wollte. Gerne bezeichnen die Verantwortlichen den 27-fachen Rekordmeister als Ausbildungsverein. Welchen jungen Spieler hat Sforza in dieser Saison weitergebracht? Ein Konzept lässt sich nicht mal erahnen. Präsident Roland Leutwiler, ein Unternehmer ohne Profil im Fussball, gerät nur dann in die Schlagzeilen, wenn er sich mit den eigenen Fans anlegt – geschehen im Spätherbst in Lausanne. Als die mitgereisten Supporter Pyros zündeten, kündigte Leutwiler via Stadionmikrofon die Schliessung der eigenen Fankurve im Letzigrund an. Später krebste er zurück, im ersten Rückrundenspiel war die Rampe offen.

Gross erreicht die Jungen nicht

Noch schlimmer ist sein Zickzackkurs in der Trainerfrage. Vor zehn Tagen enthüllte der «Tages-Anzeiger», dass Sforza im Sommer 2012 mit grösster Wahrscheinlichkeit gehen muss. Der GC-Verwaltungsrat hatte im stillen Kämmerlein einen Plan B entworfen: Sforza darf nur bleiben, wenn er eine Siegesserie hinlegt und den Cup gewinnt. Was für ein Blödsinn. Entweder ist Sforza der Richtige, dann braucht es keinen zweiten Lösungsweg. Oder er ist der Falsche, dann muss ein Neuanfang her – es wäre der gefühlt 20. in den letzten fünf Jahren. In das Chaos passt die Geschichte mit Johann Vogel. Der alt Nationalspieler kündigte im Februar an, dass er nach drei Jahren Pause sein Comeback im Mittelfeld geben wolle. Nach fünf Spielen war das Projekt schon wieder gescheitert. Dass Vogel seit Jahren den zweifelhaften Ruf eines Intriganten geniesst, wissen in der Branche alle, nur die GC-Bosse nicht.

In Bern leiten mit Ilja Kaenzig und Hansruedi Hasler kompetentere Kräfte den Club. Trotzdem kommt YB keinen Schritt weiter, auch im Stade de Suisse hat längst das Warten auf die neue Saison begonnen. Das Verhältnis zwischen Kaenzig und Christian Gross ist, wen wunderts, nicht das beste. Das teure und aufgeblähte Kader bringts nicht. Der einstige Basler Meistermacher Gross hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Sein Führungsstil ist veraltet. Mit seinen lauten und immer gleichen Ansprachen scheint er vor allem die jüngeren Spieler nicht mehr zu erreichen. Auch die Berner haben viel Luft nach oben. Damit 2012/2013 wieder in allen Tabellenbereichen die Spannung zurückkehrt.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt