Der FC Basel im Meer der Ungewissheit

Die Basler spielen heute gegen Thun um den Cupsieg – und ein wenig Ruhe in finanziell schwierigen Zeiten.

Das Objekt der Begierde: Holt der FC Basel heute den Cup-Pokal, kaschiert das kurzzeitig, wie es um den Club steht.

Das Objekt der Begierde: Holt der FC Basel heute den Cup-Pokal, kaschiert das kurzzeitig, wie es um den Club steht.

(Bild: Keystone Giuseppe Esposito)

Heute Sonntag will ein Teil der Basler Bevölkerung das Meer in die Schweiz bringen. Haie, Rochen, Pinguine oder Tiefseebewohner könnten dereinst zu bestaunen sein, im ersten Ozeanium der Schweiz, das für 100 Millionen Franken neben dem Basler Zoo gebaut werden soll.

Darüber stimmt das Volk ab. Und wie immer, wenn es um öffentliche Güter geht, ist die Diskussionsfreude in der Stadt gross. So auch beim FC Basel, der heute in Bern um den Cupsieg spielt und de facto als öffentliches Gut wahrgenommen wird. Die Menschen in Basel beanspruchen den Verein für sich, sie fühlen ihn, sie hauchen ihm Leben ein, sie feiern und trauern mit ihm, freuen und ärgern sich. Die Berufsfussballer mögen zur FC Basel 1893 AG gehören, aber ohne die Bevölkerung gäbe es diese private Gesellschaft nicht.

Wie der Zoo Basel durchlebt auch der FCB eine Zeit der Veränderung. Jahre des Erfolgs unter der Führung des Präsidenten Bernhard Heusler haben zu Übersättigung geführt, die letzten zwei Saisons unter dem neuen Präsidenten Bernhard Burgener zu Ernüchterung – und zu hohen finanziellen Einbussen. Ein gut besuchter St.-Jakob-Park ist selten geworden, seit der FCB weit hinter den enteilten Young Boys unbedrängt auf dem zweiten Platz durch die Saison spaziert.

52 Millionen Franken für Löhne

Die grosse Euphorie um den FC Basel ist verflogen. Ein Cupsieg gegen Thun würde zwar zu einem Fest auf dem Barfüsserplatz führen. Nur: Sollten die Basler diesen Titel holen, so hätten sie dafür drei Teams aus unteren Ligen und drei aus dem Super-League-Mittelfeld bezwungen. Das darf dem FC Basel auch einmal passieren, einem Club, der 2018 über 52 Millionen Franken für Löhne ausgegeben hat, knapp 16 Millionen mehr als YB.

Die Vereinsführung hat 2017 einen Betrieb mit einer Mannschaft übernommen, der auf nationale Erfolge und Teilnahmen am internationalen Geschäft ausgerichtet war. Auf einen Titel wartet Basel trotzdem seit zwei Jahren. Der Cupsieg würde kurzzeitig kaschieren, wie es um den Club steht. Auf die kritische Analyse der letzten Monate dürfte er nur bedingt Einfluss haben.

Koller ist nicht unumstritten

Die neue Clubleitung hat eine fabelhafte Champions-League-Saison hinter sich und war Ende 2017 nahe an YB dran. Alles schien nach Plan zu laufen, und der Verein glaubte, sein Konzept, das der eigenen Jugend eine grosse Rolle zuschreibt, schneller als geplant umsetzen zu können. Das Resultat waren zu viele Wechsel im Winter; der FCB gewann zwar noch gegen Manchester City, verlor in der Liga aber den Anschluss. Der Meistertitel war weg und Trainer Raphael Wicky nach zwei Spielen in der neuen Saison ebenfalls. Alex Frei übernahm für zwei Partien, und mit Marcel Koller verpasste der FCB schliesslich die europäische Gruppenphase – zum ersten Mal seit 15 Jahren.

Auch Koller scheiterte an YB und lässt einen kaum berauschenden Fussball spielen, er ist trotz zuletzt guter Resultate nicht unumstritten. Und an der Hierarchie in der Super League wird sich kurzfristig kaum etwas ändern. Sportchef Marco Streller, der wie CEO Roland Heri offen von der anfänglichen Unerfahrenheit der Leitungscrew spricht, redet schon gar nicht mehr vom Meistertitel: «Das Ziel ist, nächste Saison näher an YB heranzukommen, um im Sommer 2020 sagen zu können: Jetzt greifen wir wieder an.» Zurückhaltung scheint das Credo zu sein, bloss keine kommunikativen Pannen mehr. Heri sagt: «Wir müssen sensibler überlegen, wie wir kommunizieren.»

Kopfschütteln und der eine Satz

Der Verein hat sich ins Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung begeben und damit mehrfach Unmut ausgelöst, auch bei der Muttenzerkurve. Der FCB engagiert sich im Bereich E-Sport; er hat mit kuriosen Influencern für mehr Vereinsmitglieder geworben; er hat sich zum Unverständnis vieler im indischen Fussball engagiert; und als an der Feier seines 125. Geburtstags die Spieler mit den Gästen speisten, liess er das Frauenteam Lose verteilen – sogar die BBC interessierte sich für dieses Malheur. Der langjährige Hauptsponsor Novartis hat sich anscheinend Gedanken über die Zusammenarbeit mit dem FC Basel gemacht. Eine entsprechende Anfrage will der Weltkonzern nicht kommentieren.

Besitzer Burgener sagt offen, dass er seinen FC Basel als Unternehmen in der Unterhaltungsindustrie versteht, die Zuschauer sind Kunden, der FCB ein Produkt. Das ist sein gutes Recht, und freilich war auch Burgeners Vorgänger Bernhard Heusler in seiner Funktion als Präsident ein Unternehmer. Aber Heusler schaffte es mit seinen rhetorischen Mitteln, die Illusion der Fussballromantik aufrechtzuerhalten. Ein Satz aus seiner Rede nach den Fan-Krawallen 2014 – «Mir wänn das nit!» –hat gar Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden.

2019 droht ein satter finanzieller Verlust

Burgener hat diese Qualitäten als Redner nicht. Aber immerhin ist der Aufschrei um den Präsidenten abgeflacht und das Verständnis für seine Vorstösse ein klein wenig gewachsen. Der FCB hat aus Fehlern gelernt, er kommuniziert zurückhaltender, hat unlängst eine Stelle für unternehmerische Gesellschaftsverantwortunggeschaffen, sein Handeln wird als gefestigter wahrgenommen – und dass er zweimal nicht Meister geworden ist, verzeiht ihm sogar der Anhang.

Nur, wie lange darf der Erfolg in der Liga noch ausbleiben? Streller sagt, er habe für die nächste Saison eine «klare Idee im Kopf», ohne sie zu verraten. Aber seine Möglichkeiten bei Spielerverpflichtungen sind begrenzt, denn der FCB muss sparen. Unbedingt. Trotz der herausragenden Champions-League-Saison 2017/18 und fast 52 Millionen Transfereinnahmen im Jahr 2018 hat Burgener Rückstellungen von 22 Millionen Franken aufgelöst, um keine Verluste schreiben zu müssen. Damit ist dieses Polster, das ihm die alte Vereinsführung überlassen hat, weg. Und wenn das Wunder der Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase nicht eintritt, dann droht 2019 ein satter Verlust. Vor allem wegen der extrem hohen Lohnkosten, die in einigen wenigen, allerdings gewichtigen Fällen noch von der alten Führung verhandelt worden sind.

All diese Sorgen würden heute mit einem Sieg gegen Thun in den Hintergrund rücken. Wenn Captain Marek Suchy auf dem Balkon über dem Barfüsserplatz den Fans einen Pokal präsentiert, zum ersten Mal seit zwei Jahren, dann wäre die rot-blaue Welt für kurze Zeit in Ordnung.

Redaktion Tamedia

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