Ein Gesicht der Nationalmannschaft

Yann Sommer setzt auf die reinigende Wirkung der Aussprache nach den Turbulenzen der letzten zwei Monate – und fordert eine positive Ausstrahlung beim Start zur Nations League gegen Island.

Ein Gesicht der Nationalmannschaft: Yann Sommer, die Nummer 1 der Schweiz. Foto: Toto Marti (Blick, Freshfocus)

Ein Gesicht der Nationalmannschaft: Yann Sommer, die Nummer 1 der Schweiz. Foto: Toto Marti (Blick, Freshfocus)

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Wie froh sind Sie, dass der Dienstag mit der öffentlichen Aussprache vorbei ist?
Es war eine positive Veranstaltung und das einzig Richtige. Es war wichtig, dass wir nach all dem, was gewesen und was geschrieben worden ist, zusammensitzen, darüber reden und uns dazu erklären konnten. Ich bin froh, dass wir wieder vermehrt über Fussball reden können.

Denken Sie, dass das Thema jetzt bereits vom Tisch ist, vor allem in der Öffentlichkeit, dass nicht mehr über Doppeladler und Doppelbürger geredet wird?
Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Wir müssen einfach als Mannschaft schauen, wie wir in Zukunft in der Öffentlichkeit auftreten. Und wenn wir das gut machen, wird es auch da vom Tisch sein.

Wie erleichternd war die ­Aussprache für die Spieler?
Natürlich ist es für eine Mannschaft nicht einfach, wenn sie, wie ich finde, eine gute Weltmeisterschaft spielt, dann aber relativ viele Negativschlagzeilen über sie geschrieben werden. Wir sehen uns immer als Ganzes. Die ersten zwei, drei Tage des Zusammenzugs in Feusisberg waren auch dafür da, die WM aufarbeiten zu können. Es war ja so gewesen: Wir schieden aus, waren noch einen Tag in Toljatti, die Enttäuschung war gross, wir stiegen in den Flieger, waren daheim, sagten uns Tschüss und gingen in die Ferien. Dann begannen die Saisonvorbereitungen in den Clubs, die Meisterschaften. Jetzt konnten wir unter alles, was gewesen war, einen Strich machen.

«Wieso schaffen wir es noch nicht, auf den Punkt unser Potenzial voll abzurufen?»

Ging es bei diesen Gesprächen ums Sportliche oder vor allem auch um Themen wie Doppeladler, Doppelbürger oder Teamgeist?
Um alles.

War denn etwas schlecht aus Ihrer Sicht?
Wir spielten eine sehr gute Gruppenphase. Wir kamen gegen Brasilien, Serbien und Costa Rica ungeschlagen in den Achtelfinal, und das ist, man muss sich das immer wieder vor Augen halten, nicht selbstverständlich für die Schweiz. Natürlich hatten wir das Ziel, in den Viertelfinal zu kommen, natürlich waren wir mit der Leistung gegen Schweden nicht zufrieden, weil wir uns sehr viel vorgenommen hatten, weil wir einen anderen Anspruch haben, Fussball zu spielen. Das müssen wir anschauen: Wieso reicht es in einem solch entscheidenden Moment noch nicht, einen Schritt weiter zu kommen? Wieso schaffen wir es noch nicht, auf den Punkt unser Potenzial voll abzurufen?

Was ist die Erkenntnis?
Vielleicht hatten wir uns zu viel vorgenommen. Genau weiss ich das nicht. Aber was ich weiss: Man hat als Mannschaft gewisse Tage, an denen es nicht gelingt, gut zu sein.

Was ist mit dem Doppeladler von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri gegen Serbien? Schliessen Sie aus, dass er eine Wirkung auf das Schweden-Spiel hatte, dass es deshalb einen Bruch im Team gab?
Es war in der Mannschaft nicht so, dass wir sagten: Was macht ihr denn? Das geht doch gar nicht. Für uns waren ihre Tore viel wichtiger als der Torjubel. Sie waren ein grosser Schritt in den Achtelfinal. Dann ging es schnell weiter, wie das an einem Turnier der Fall ist. Vorbereitung auf das nächste Spiel, Reise, Abschlusstraining, Spiel ...

Was halten Sie von der Geste Xhakas und Shaqiris?
Ich kann nachvollziehen, dass die Geste in der Schweiz nicht überall gut ankommt. Es passierte aus den Emotionen heraus, nach vielen Provokationen. Darum hatten wir diesen Dienstag, dass die Spieler sich erklären konnten. Das war gut. Und Punkt.

Wurden Sie von der Heftigkeit der Reaktionen in der Schweiz überrascht?
Während der WM war mir gar nicht bewusst, welche Wellen dieses Thema schlägt. Wir hatten alle viel in dieses Turnier investiert, wir schieden aus, die Enttäuschung war riesig, aber ab diesem Zeitpunkt hat man nicht einmal mehr über die WM geredet, sondern nur über anderes. Irgendwann war ich in den Ferien und dachte: Das ist unglaublich. Es macht peng, und es ist so, als wären wir gar nicht in Russland gewesen.


Bildstrecke: Die Chronologie der Doppeladler-Affäre


Mit welchen Gedanken kamen Sie jetzt nach Feusisberg?
Ganz easy. Ich wusste, okay, die ersten Tage werden intensiv, weil wir alles aufarbeiten müssen. Aber ich kam mit sehr viel Freude. Ich hatte mir in den Ferien auch gesagt: So, schalt jetzt einmal ab. Du kannst es im Moment nicht ändern. Behalte die schönen Erinnerungen, die du von der WM hast, und das sind viele. Für mich war es eine tolle WM.

Wieso soll man diese Nationalmannschaft mögen?
Oh, da gibt es viele Gründe. Mögen Sie sie nicht? (lacht)

«Die Medien sind auf uns angewiesen, und wir sind auf sie angewiesen.»

Nach den letzten Wochen ist doch ganz vieles belastet.
Diese Mannschaft hat in der Schweiz für sehr viel Euphorie gesorgt, sie hat, zusammen mit dem Land, viele Highlights erlebt. Jeder, der hier ist, spielt mit Stolz für die Schweiz und repräsentiert sie. Natürlich können einmal Fehler passieren, aber im Grossen und Ganzen hat diese Mannschaft dem Land sehr viel Freude bereitet. Im Ausland redet man sehr positiv von ihr. Man nimmt sie ernst. Das ist das Resultat toller Arbeit. Also ich finde, das reicht, um sie zu mögen.

Am Dienstag betonten Sie, dass Sie grössten Respekt hätten für die Leistungen von Xhaka und Shaqiri ...
... definitiv ...

... zusammen kommen sie auf 140 Länderspiele. Aber genau an ihnen haben sich die Diskussionen um Identifikation entzündet. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass ihre Leistungen vergessen gehen?
Wenn wir in Freienbach trainieren, wird ihnen zugejubelt. Niemand muss mehr Autogramme geben oder für Selfies posieren als sie. Ich denke, dass sie viel Anerkennung erhalten. Wir spüren allgemein grosse Unterstützung, sei es bei Spielen im Stadion oder bei Trainings wie diese Woche.


Bildstrecke: Die 13 wichtigsten Schweizer WM-Szenen


Was in den sozialen Netz­werken jetzt erneut zum Thema geworden ist, ist das Singen der Nationalhymne. So nach dem Motto: Sollen sie endlich ­einmal singen.
Meine Meinung ist klar: Das sollte jeder Spieler für sich entscheiden, wie er eben vor dem Spiel mit den Emotionen umgeht.

Es gibt ja auch Bilder von älteren Mannschaften, von 1994 zum Beispiel, da schwiegen alle zur Hymne, und das kümmerte damals keinen.
Ein früherer Spieler sagte mir gestern noch, dass er sie auch nicht sang. Wieso also soll man jemanden dazu zwingen? Oder aus einem Nichtsingen fehlende Identifikation ableiten?

In Russland redeten Sie noch von den guten «Vibes» in der Mannschaft. Spüren Sie diese Schwingungen weiterhin?
Ja. Ich glaube, eine solche Geschichte schweisst eine Mannschaft noch ein Stück mehr zusammen. Intern hatten wir nie Probleme miteinander. Seit ich in der Nationalmannschaft spiele, haben wir eine gute Stimmung.

Aber Valon Behrami redete in seinem Rücktritts-Interview von einer Spaltung, Fabian Schär forderte, es brauche zum Thema Doppeladler eine ­Aussprache.
Wenn so etwas passiert wie in diesem Spiel gegen Serbien, wenn daraus ein so grosses Thema gemacht wird, dann ist logisch, dass wir darüber reden, dass wir auch darüber reden müssen. Wie gehen wir damit als Team um? Wie handhaben wir das zusammen mit den Medien? Als Mannschaft lebt man. Man redet wie in einer Beziehung über die Sachen, die gut laufen oder nicht gut laufen. Eines wäre am Dienstag noch einen Satz wert gewesen.

Was denn?
Die Medien sind auf uns angewiesen, und wir sind auf sie angewiesen. Es ist ein Zusammenarbeiten. Wir haben in Zukunft wieder viel miteinander zu tun. Es muss wieder so sein, dass es zwischen uns, Mannschaft und Medien, eine bessere Stimmung gibt. Das ist wichtig.

Um was geht es nun am ­Samstag gegen Island? Welche Bedeutung hat dieses Spiel nach den letzten zwei Monaten?
Es ist der erste Schritt in die Zukunft der Nationalmannschaft. Wir freuen uns, dass es wieder mit Fussball losgeht. Wichtig ist, dass wir eine positive Ausstrahlung haben. That’s it.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 22:55 Uhr

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