«Das reicht nicht»

Nach dem 0:1 in Slowenien und vor der Pflichtübung in San Marino – Nationalverteidiger Stephan Lichtsteiner weiss, dass sich die Schweiz nichts mehr erlauben kann.

Kritische Standortbestimmung: Stephan Lichtsteiner (r.) sagt, dass sich die Schweiz in ihrer Gruppe nichts mehr erlauben kann.

Kritische Standortbestimmung: Stephan Lichtsteiner (r.) sagt, dass sich die Schweiz in ihrer Gruppe nichts mehr erlauben kann.

(Bild: Reuters)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Die Schweizer Fussballer haben sich daran gewöhnt, an grossen Turnieren vertreten zu sein. Seit 2004 fehlten sie nur noch einmal. Auch darum kann es für die EM 2016 nur die Teilnahme als Ziel geben. Der Start zur Qualifikation ist mit 0:6 Punkten und 0:3 Toren allerdings missraten. Gerade die Niederlage am Donnerstag in Slowenien tut weh. Und macht für Verteidiger Stephan Lichtsteiner deutlich: Eine Qualifikation ist «kein Selbstläufer». Am Dienstag folgt Spiel Nummer 3 gegen die Nummer 208 der Welt. Lichtsteiner warnt, sie dürften nicht nonchalant ins Spiel geben.

Kann die Schweiz in San Marino überhaupt verlieren? Wir wissen, wir können uns nichts mehr erlauben. Von daher besteht bei uns nicht die Gefahr, dass wir San Marino unterschätzen.

Diese Mannschaft ist die Nummer 208 der Welt, hat 121 von 125 Spielen verloren, die letzten 60 mit 8:283 Toren. Kann man als Schweizer so etwas wirklich ausblenden? Wir bereiteten die Spiele gegen England und Slowenien sehr gut vor. Das wird diesmal nicht anders sein. Wir wissen, dass wir die Fehler der ersten beiden Spiele nicht mehr machen dürfen. Und das waren vor allem mentale Fehler. Wir waren vor dem gegnerischen Tor zu wenig konzentriert, zu wenig aggressiv. In dieser Beziehung müssen wir noch eine Schippe drauflegen.

Coach Vladimir Petkovic hat nach dem Spiel in Maribor festgehalten, dass ihm der unbändige Wille, das Tor erzielen zu wollen, gefehlt habe. Der Wille ist sicher da…

…er meint, etwas einfach erzwingen zu wollen… …das haben wir doch, wir hatten viele Chancen, bereits gegen England. Aber auf dem Level braucht es für eine Niederlage manchmal nur wenig. Diese Erfahrung haben wir in Slowenien wieder gemacht: 70, 75 Prozent Ballbesitz, Torchancen erarbeitet, in der Abwehr fast nichts zugelassen… Von daher war es eine reife Leistung.

Aber… …was im Fussball zählt, sind die Tore. Wenn man so lange so viele Chancen nicht nutzt, kann immer etwas passieren. Wie dann das Tor zustande kam… ja gut, Penalty war es auch nicht. Und weil so etwas immer passieren kann, ist es gegen San Marino wichtig, dass wir das Spiel mit der gebührenden Einstellung in die von uns gewünschten Bahnen lenken.

Yann Sommer sagte, die Frage, ob es Elfmeter gewesen sei oder nicht, sei uninteressant. Die Schweiz müsse den Match 3:1 oder 4:1 gewinnen. Auf jeden Fall. Auf einen stehenden Ball, auf einen Konter, auf eine solche Aktion kann es immer ein Tor geben. Darum muss man eines wissen: Wenn man so viele Chancen hat wie wir, muss man sie nutzen. Dann gehen wir mit mindestens einem Punkt nach Hause. Das wäre gegen Slowenien zwar noch immer ein Grund gewesen, um unzufrieden zu sein, aber noch immer besser als nichts.

Zwei Spiele, 0 Punkte, 0 Tore. Was heisst das für Sie? Das heisst, dass es schlecht ist, dass es nicht reicht. Wer an eine EM will, muss Tore machen und Punkte holen. Klar, wenn man die ersten Spiele sieht, ist viel sehr gut.

Also für Sie noch nicht die grosse Krise? Natürlich nicht. Aber nachdem wir in die letzte Qualifikation endlich einmal mit zwei Siegen gestartet waren, sind wir jetzt wieder so weit wie zuvor. 2008 begannen wir die WM-Qualifikation unter Ottmar Hitzfeld mit einem Punkt aus zwei Spielen, vor der EM 2012 waren es zwei Spiele null Punkte, dann eben zwei Spiele sechs Punkte, und jetzt sind es wieder null Punkte. Das heisst vielleicht, dass wir nach einem grossen Turnier noch nicht gleich wieder in dem Wettkampfmodus sind, in dem wir sein müssten. Das bringt uns automatisch in Rücklage, und das ist unnötig.

Waren Sie und Ihre Kollegen gegen Slowenien nach einer überzeugenden Startphase zu sicher und bekamen darum das Gefühl, dass nichts schief geht? Das glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass wir nach zwei, drei vergebenen Chancen zu zweifeln begannen, dass wir merkten: Oh, jetzt kann es eng werden. Weil jeder von uns weiss, wie es manchmal ist: Wenn man seine Chancen vergibt, macht dafür der Gegner das Tor. So war es auch.

Sie rennen die Seitenlinie rauf und runter, aber sehen, wie die Stürmer die Chancen vergeben. Wie machtlos fühlen Sie da als Verteidiger? Man kann nicht nur den Stürmern die Schuld dafür geben. Auch ich hatte die eine oder andere Aktion, in der ich ungenau war. Das heisst, da muss jeder zuerst vor seiner Haustüre wischen. Wir müssen ein Team sein, und das sind wir auch. Jeder weiss, dass er 15, 20 Prozent zulegen kann, wir haben enorme Qualitäten, unsere Stürmer sind hervorragend. Wir haben vielleicht nicht die Stürmer, die serienmässig mit dem Kopf ein Tor nach einer Flanke machen, das gehört nicht zu ihren Charakteristiken. Aber sie zeigten auch gegen Slowenien, wie gut sie sind.

Die Schweiz ist die Nummer 10 der Fifa-Weltrangliste. Verleitet so etwas nicht dazu, sich besser zu sehen, als man vielleicht ist, sich weniger zu hinterfragen, als wenn man auf Platz 40 wäre? Ich kann nur für mich reden. Und ich bereite mich auf jedes Spiel gleich vor, ob das jetzt gegen San Marino ist, Slowenien oder England. Schliesslich weiss ich, was es braucht, um Spiele, um Titel zu gewinnen. Ich weiss darum auch, wie schnell es gehen kann und man wieder in der Bredouille ist. Das ist die Erfahrung, die ich in meinem Alter, mit meinen 30 Jahren, schon gemacht habe und die den Jüngeren vielleicht fehlt. Und das meine ich, wenn ich sage, dass sich viele um 15, 20 Prozent steigern können. Ich meine damit die Mentalität, ein Spiel einfach einmal zu entscheiden. Zaubern kann man danach noch immer.

Das Spiel in San Marino ist reine Pflicht, weil da auch die anderen Gruppengegner ihre Punkte eingeplant haben. Sehen Sie darum jenes im November gegen Litauen auch als wesentlicher an? In dieser Gruppe hat man drei Joker…

…man kann sich drei Niederlagen erlauben… …zwei davon haben wir schon gebraucht. Das sind zusammen mit dem Spiel in England jene, die man am ehesten in diese Rechnung einbezieht. Aber: Ob wir nun null oder sechs Punkte haben, in San Marino müssen wir einfach gewinnen. Sonst ist es ein grosser Misserfolg. In der Lage, in der wir uns befinden, können wir uns gar nichts mehr erlauben.

Und das Spiel gegen die Litauer? Die liegen sechs Punkte vor uns. Darum dürfen wir auf sie nicht noch mehr Punkte verlieren. Also müssen wir die Direktbegegnungen klar gewinnen.

Ottmar Hitzfeld war ein Meister, in schwierigen Momenten die Ruhe zu bewahren und sie auf die Mannschaft zu übertragen. Wie nehmen Sie Vladimir Petkovic wahr? Für ihn ist es extrem schwer, ohne Freundschaftsspiel drei Ernstkämpfe auf zwei Monate verteilt vorzubereiten. Das hat er hervorragend gemacht. Natürlich, wenn man jetzt nur die Tabelle anschaut, kann man sagen: Mmmh, ich weiss nicht… Aber wenn man gesehen hat, wie wir gespielt haben, dann sieht man, dass er schon einen sehr guten und grossen Einfluss gehabt hat.

Sie wollen die beiden Trainer nicht vergleichen? Das ist grundsätzlich unfair. Auch unter Hitzfeld sind wir in zwei von drei Kampagnen sehr schlecht gestartet und haben ein Turnier am Schluss nicht erreicht. Jetzt bin ich trotz des punktemässig schlechten Starts überzeugt, dass wir die Qualifikation schaffen.

Wie sehr fehlt Ihnen, vielleicht gerade jetzt, Ihr langjähriger Zimmerpartner Diego Benaglio? Vor allem vor dem Spiel tut er das, weil er stets mithalf, die Mannschaft zu führen. Er ist eine extrem starke Persönlichkeit. Wir waren ziemlich verschieden: er der Ruhige, ich der, der auch einmal deutlich geworden ist. Das ergänzte sich, wie der gute und der böse Polizist. Jetzt ist nur noch der Böse da (lacht).

Wie sehr fehlt er als Persönlichkeit im Tor? Diego brachte immer hervorragende Leistungen, das eine oder andere Mal rettete er uns Siege und Punkte. Er ist ein herber Verlust. Aber Yann (Sommer) hat zwei hervorragende Spiele gemacht, er ist ein ausgezeichneter Goalie, er hat sich in Deutschland schnell durchgesetzt. Von daher sind wir gut aufgehoben.

Nun noch ein Tipp: Wie hoch siegt die Schweiz in San Marino? Genau darüber haben wir am Anfang geredet. Es ist wichtig, dass wir den Gegner nicht unterschätzen. Und dass wir das Spiel schnell entscheiden. Denn je länger es sonst dauert, desto schwieriger wird es.

Das Ziel ist einfach ein überzeugender Sieg? Vor allem ein Sieg. Ob er überzeugend ist, ja… (bricht ab) In Slowenien war es gewissermassen eine überzeugende Niederlage. Davon aber können wir uns nichts kaufen. Also lieber schlecht spielen und gewinnen als gut spielen und verlieren.

SonntagsZeitung

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