«Das ist ein Riesenkompliment für den Schweizer Fussball»

Günter Netzer nennt vor dem Bundesligastart Topfavoriten, Abstiegskandidaten und spricht über Shaqiris Bayern-Perspektiven. Und er sagt, weshalb im Land des Weltmeisters so viele Schweizer spielen.

  • loading indicator
Thomas Niggl@tagesanzeiger

Günter Netzer, heute Abend startet Titelverteidiger Bayern München gegen Wolfsburg in die neue Bundesligasaison. Was trauen Sie dem Team von Pep Guardiola diesmal zu? Natürlich sind die Bayern auch in dieser Saison für mich der absolute Topfavorit.

Weshalb? Es hat sich ja nicht viel geändert. Die Bayern haben nach wie vor ein riesiges Potenzial und sind auch in der Breite mit einem Kader von einer unglaublich hohen Qualität abgestützt. Zudem haben die Bayern mit der Verpflichtung von Torjäger Robert Lewandowski, dem Torschützenkönig mit Dortmund in der letzten Saison, erneut einen Supertransfer getätigt, der sie in ihrer Entwicklung noch einmal einen Tick weiterbringen wird.

Die Bayern hatten aber keine ideale Vorbereitung. Die sechs Weltmeister Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Götze und Müller stiegen wegen der WM erst verspätet ins Training ein. Auch der Holländer Robben, der Brasilianer Dante und der Schweizer Shaqiri waren in Brasilien dabei. Zudem ist Bastian Schweinsteiger seit der WM erneut verletzt und konnte bisher nicht einmal ein richtiges Lauftraining absolvieren. Müssen die Bayern jetzt nicht die Zeche für die WM bezahlen? Es gibt in der Vorbereitung einer Mannschaft zwei wichtige Phasen. Zum einen ist das jene nach der Winterpause vor der Rückrunde. Und zum anderen ist das jene Zeitspanne, in der es nach der Sommerpause gilt, die neue Saison vorzubereiten mit vielfach neuen Spielern, die integriert werden müssen. Deshalb ist die Vorbereitung auf eine neue Spielzeit im Sommer eigentlich noch viel wichtiger und von grösserer Bedeutung. Es ist für die Bayern in der Tat zurzeit keine gute Konstellation, dass viele Spieler an der WM dabei waren und deshalb nach ihren verdienten Ferien, die es zur Regeneration nun mal benötigt, erst viel später ins Training eingestiegen sind. Für einen Trainer wie Pep Guardiola, der auch taktisch jedes Detail pflegt und grossen Wert auf die funktionierenden Automatismen legt, ist das tatsächlich sehr problematisch.

Was bedeutet das für den Titelverteidiger?
Ich vermute, dass er Anfangsschwierigkeiten bekunden wird. Möglicherweise bleiben vorerst auch die gewünschten Resultate aus. Doch allfällige Anfangsschwierigkeiten werden die Bayern mit der Zeit souverän wegstecken. Sie werden bestimmt nicht in Panik verfallen. Pep Guardiola und der ganze FC Bayern bringen so viel Erfahrung mit und wissen sehr wohl, wie man mit schwierigen Situationen umgeht. Die Bayern würden ziemlich schnell wieder in die Spur finden. Es würde sie in ihrer Entwicklung nicht entscheidend zurückwerfen.

Der Schweizer Nationalspieler Xherdan Shaqiri wird in seine dritte Saison mit den Bayern steigen. Er war bisher eigentlich nur ein Ergänzungsspieler. Wie schätzen Sie seine Perspektiven diesmal ein?
Er wird auch in dieser Saison nicht an einem Robben oder Ribéry vorbeikommen. Doch Shaqiri ist mit seiner Jokerrolle bisher hoch professionell umgegangen und war deshalb auch mental immer auf den Punkt parat, wenn er eingewechselt wurde oder von Beginn weg spielte.

Lange wurde über einen Abgang Shaqiris in München spekuliert. Er gab den Spekulationen mit eigenen Aussagen Nahrung, indem er sagte, das Transferfenster sei noch bis zum 31. August offen, da könne noch viel passieren.
Anscheinend bleibt er jetzt in München. Und das ist auch gut für ihn. Das hätte ich ihm auch geraten. Er ist erst 22 Jahre alt, ihm gehört die Zukunft, auch bei den Bayern. Doch er muss einfach noch etwas Geduld aufbringen.

Wie meinen Sie das?
Er hat sich bisher stetig verbessert und kommt der Stammelf kontinuierlich immer näher. Er ist in einem grossartigen Verein, kann sich unter einem grossartigen Trainer jeden Tag weiterentwickeln. Es ist gut, dass er diese Möglichkeit weiterhin nutzt. Er wäre in keinem anderen Club so gut aufgehoben wie bei den Bayern. Wenn er sich dessen bewusst ist, dann wird er in München, wie ich eingangs schon sagte, noch eine ganz grosse Zukunft haben.

Zurück zur Bundesliga. Wer wird zum härtesten Konkurrenten der Bayern im Kampf um den Titel?
Der erste Verfolger kann von der Qualität her nur Borussia Dortmund heissen. Die Frage ist nur, wie Dortmund den Abgang von Robert Lewandowski zu den Bayern verkraftet und kompensieren kann. Der BVB hat mit dem italienischen Nationalstürmer Ciro Immobile jedenfalls einen guten Transfer getätigt.

Wer belegt Rang drei, der ebenfalls die direkte Qualifikation zur Champions League garantiert, und Rang vier, der einem Verein die Möglichkeit gibt, in den Playoffs zur Königsklasse zu spielen?
Ich denke, dass man auf diesen Positionen wieder Schalke und Leverkusen antreffen wird, auch wenn sich Schalke im deutschen Pokal bei Drittligist Dynamo Dresden zuletzt blamiert hat und ausgeschieden ist. Doch so ein Schuss vor den Bug kann auch schon mal eine heilsame Wirkung haben, wenn man daraus die richtigen Lehren zieht.

Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten von Borussia Mönchengladbach unter dem Schweizer Trainer Lucien Favre?
Gladbach hat die letzte Saison auf dem sechsten Tabellenrang abgeschlossen und die Europa League erreicht. Ich denke nicht, dass es da noch mehr Luft nach oben gibt.

Sprechen wir über die Abstiegszone. Wen erwarten Sie dort?
Paderborn hat mit dem Aufstieg in die erste Bundesliga eine Grosstat vollbracht. Ein Ligaerhalt wäre für diesen Club noch eine grössere Leistung. Doch ich kann es mir fast nicht vorstellen, dass sich Paderborn in der ersten Liga hält. Das wird äusserst schwierig.

Sie waren einst Manager beim HSV, als der Club die grössten Erfolge der Vereinsgeschichte feierte. Doch die Hanseaten wären in der vergangenen Saison fast abgestiegen. Wird es auch diesmal wieder knapp?
Das hoffe ich in der Tat nicht. Aber man kann die Probleme, die sich über Jahre angehäuft haben, nicht einfach so mit einem Schlag aus der Welt schaffen. Ich denke zwar nicht, dass der HSV auch diesmal wieder in akute Abstiegsnot gerät. Aber er wird auch in dieser Saison keine grossen Stricke zerreissen und höchstens Mittelmass bleiben.

In der kommenden Saison sind nicht weniger als 19 Schweizer in der obersten Profiliga Deutschlands engagiert. Es handelt sich dabei um 14 Feldspieler, vier Torhüter und mit Lucien Favre um einen Trainer. Wie ist das überhaupt möglich?
Das ist die logische Folge und Anerkennung der glänzenden Arbeit, die in der Schweiz auch beim Nachwuchs seit Jahrzehnten verrichtet wird. Dass so viele Schweizer im Land des Weltmeisters engagiert sind, ist ein Riesenkompliment für den ganzen Schweizer Fussball. Darauf kann er auch stolz sein. Auch in der Trainerausbildung gehört die Schweiz zu den führenden Nationen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt