Das atypische Derby

Im Spitzenkampf der 28.Super-League-Runde treffen am Sonntag zum letzten Mal in dieser Saison die Young Boys und der FC Thun aufeinander (13.45 Uhr, Stade de Suisse). Das Duell ist ein in mancherlei Hinsicht ungewöhnliches Derby.

Voller Einsatz gegen den Ex-Klub: Renato Steffen (l.) und Enrico Schirinzi (am Boden) haben wie viele andere Akteure von YB und Thun auch schon beim Gegner gespielt.

Voller Einsatz gegen den Ex-Klub: Renato Steffen (l.) und Enrico Schirinzi (am Boden) haben wie viele andere Akteure von YB und Thun auch schon beim Gegner gespielt.

(Bild: Andreas Blatter)

Tagelange Diskussionen vor dem Spiel, Emotionen auf dem Rasen und lang währende Nachbetrachtungen. Ingredienzien, die eigentlich Grundvoraussetzungen für ein Derby sind, bei dem gemäss Definition «meistens zwei rivalisierende Sportvereine einer Region aufeinandertreffen».

Der Raum Bern erfüllt die geografische Grundvoraussetzung, allerdings sieht man den Partien zwischen YB und Thun unaufgeregter entgegen als anderswo. Spezielle Bedeutung hat das Kräftemessen vor allem für den Underdog, der Favorit definiert sich eher über andere Partien. YB-Trainer Uli Forte sieht das aber anders: «Es geht um enorm viel, nämlich um die Vormachtstellung im Kanton Bern.»

Von Zuständen wie in anderen Ländern, wo solche Duelle weit über die sportliche Komponente hinausgehen, ist man weit entfernt. Wenn beispielsweise die AS Roma ihre Vormachtstellung mit einem Triumph über die verhasste Lazio bestätigt, wird den Giallorossi auch die notorische Erfolglosigkeit auf höchstem Niveau leichter verziehen.

Wenn aber das Unvorstellbare geschehen und Francesco Totti oder Daniele De Rossi für die Laziali auflaufen würden, wäre wohl ein Flächenbrand die Folge, von dem Kaiser Nero nur hätte träumen können. Und auch in Mailand, wo sich morgen Inter und Milan in der Scala des Fussballs treffen, gibt es seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr.

Judas und Cashley

Vielen Spielern wurden die so verpönten Transfers zum Erzrivalen nie verziehen. Andreas Möller war 2000 nach seinem Wechsel von Dortmund zu Schalke als Judas beschimpft und ebenso mit Drohungen eingedeckt worden wie später Ashley Cole.

Als der Arsenal-Verteidiger 2006 den Verlockungen der Chelsea-Millionen erlag, wurde er fortan Cashley gerufen, bei seiner Rückkehr ins Highbury wedelten seine früheren Anhänger mit Pfundscheinen. Transfers zwischen den protestantischen Glasgow Rangers und dem katholischen Celtic galten bis vor kurzem als undenkbar.

Die gegenseitige Abneigung bei Derbys zieht sich mehrheitlich durch alle Ebenen. Auch in Zürich, derzeit dem einzigen anderen Schweizer Super-League-Ort mit Derby, beginnt sie schon auf Juniorenstufe, wo man sich gegenseitig die Perlen abwerben will, setzt sich fort bis zu den Spielern – FCZ-Klublegende Köbi Kuhn wurde einst der Wechsel zum Rekordmeister verweigert – und in die Führungsetage.

«Kleiner Grenzverkehr»

Das Verhältnis der wichtigsten Berner Exponenten ist für Derbys fussballweit eine Ausnahme: Uli Forte und Urs Fischer teilten sich bei den Trainerkursen in Magglingen ein karges Zimmer, die Sportchefs Fredy Bickel und Andres Gerber haben über die Jahre ein Verhältnis entwickelt, das über gegenseitigen Respekt hinausgeht.

Wenn die Spieler des FC Thun morgen im Stade de Suisse ankommen, könnten viele problemlos Führungen veranstalten. 7 Spieler aus dem aktuellen Team haben schon bei YB die Schuhe geschnürt (Francesco Ruberto, Kevin Bigler, Thomas Reinmann, Andreas Wittwer, Enrico Schirinzi, Dennis Hediger, Adrien Rawyler).

Bei YB stehen mit Marco Wölfli, Sékou Sanogo und Renato Steffen drei Spieler mit Thun-Vergangenheit im Kader, Florent Hadergjonaj hat zudem in der Jugend von 2006 bis 2010 im Oberland gespielt.

Ein Blick auf die Kaderlisten der letzten vier Jahre beider Vereine verdeutlicht, dass bei vielen Blut beider Klubs durch die Adern fliesst. 21 Spieler liefen in dieser Zeit für YB oder Thun auf, die auch schon für den anderen Klub gespielt haben, eine mögliche Idealformation aus dieser Zeit würde Träume erlauben (siehe Grafik).

Leute wie Michael Frey oder Marco Schneuwly müssten in dieser virtuellen «Berner Auswahl» vorerst auf der Bank Platz nehmen. Der «kleine Grenzverkehr» existierte aber schon vorher, auch Heinz Moser, Peter Kobel, Alain Baumann, Johan Berisha, Roman Friedli, Roman Bürki, Patrick Bettoni oder Andres Gerber haben beide Klubs vertreten, der Austausch funktionierte stets rege.

Und dürfte auch weiter anhalten, denn beide Teams können von der Konstellation profitieren. «Es ist für beide Klubs positiv», sagt Gerber. Der Thun-Sportchef fügt an: «Es ist ein grosser Vorteil, dass die Hierarchie auf dem Papier klar ist und die Klubs nicht aus der gleichen Stadt kommen.»

Die Abläufe sind oft gleich: Entweder wechselt ein Spieler von sich aus nach Thun, weil er bei YB als zu leicht befunden wurde, oder YB leiht einen Spieler aus, damit dieser in der relativen Beschaulichkeit der Stockhorn-Arena Spielpraxis sammeln und auf höhere Aufgaben vorbereitet werden kann. In letzterem Fall wird dieser bei entsprechenden Fortschritten oder Bedürfnissen von YB zurückgeholt, nächstes Beispiel dürfte im Sommer Alexander Gonzalez sein.

Wenn Thun nicht in der gleichen Liga und auf Augenhöhe mit den Stadtbernern spielen würde, käme wohl sogar das Wort Farmteam auf. Ein Begriff, den Bickel nicht schätzt. «Ich würde Thun nie als Farmteam bezeichnen, ich habe viel zu viel Respekt vor dem, was es jedes Jahr leistet.»

Natürlich werden morgen auf beiden Seiten freundschaftliche Gefühle für 90 Minuten ad acta gelegt, ein Derbysieg schmeckt doppelt süss. Gerade wenn er nicht gegen einen Erzfeind, sondern den eigenen Bruder errungen wird.

Berner Zeitung

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