Das YB-Talent trifft auf den Nachfolger

Die beiden talentierten Rechtsverteidiger Florent Hadergjonaj und Sven Joss gehören den Young Boys – und könnten bald weiterziehen. Der YB-Spieler ins Ausland, der Thuner Akteur zurück ins Stade de Suisse.

Florent Hadergjonaj (links) und Sven Joss haben Jahrgang 1994, sind Emmentaler, gehören den Young Boys – und könnten bald weiterziehen.

Florent Hadergjonaj (links) und Sven Joss haben Jahrgang 1994, sind Emmentaler, gehören den Young Boys – und könnten bald weiterziehen.

(Bild: Andreas Blatter/Patric Spahni)

Das Handy von Florent Hader­gjonaj spielte Ende Januar verrückt, nachdem bekannt geworden war, dass der grosse SSC Neapel ein Angebot für ihn abgegeben habe. «Ich erhielt jede Menge Anrufe und SMS», sagt der YB-Verteidiger, «alle gratulierten mir und waren stolz auf mich.» Hadergjonaj wechselte nicht zu Napoli, weil die Young Boys entschieden, ihr Talent nicht frei­zugeben. «Sportchef Fredy Bickel meinte, das würde zu früh kommen», sagt Hadergjonaj. «Für mich passte das. Ich bin ja noch jung.»

Geringer Körperfettanteil

Napoli, der einstige Weltklub mit Superstar Diego Maradona, also muss ein bisschen warten, Florent Hadergjonaj hat noch einiges zu erledigen in Bern. Beim Umziehen für den Fototermin ist der schlanke Körper des Dauerläufers auf der rechten Aussenbahn zu sehen, sechs bis sieben Prozent nur beträgt der Körperfettanteil bei «Flo», wie ihn alle nennen. «Klar ist es ein Ziel von mir, einmal in einer grossen Liga zu spielen», sagt der 21-Jährige. «Napoli wurde letzte Saison in der Europa League, als wir gegeneinander spielten, auf mich aufmerksam.» Vielleicht sei es aber sogar besser, habe der Wechsel noch nicht geklappt. «Im Winter in ein Team zu kommen, ist immer viel schwieriger», sagt Hadergjonaj, «zudem ist Napoli ein absolutes Spitzenteam mit vielen starken Spielern.»

Bei den Young Boys ist der Blondschopf gesetzt, er hat Routinier Scott Sutter längst verdrängt. Zuletzt, beim 1:1 in Vaduz, fehlte Hadergjonaj für einmal. Er war gesperrt und musste den schwachen Berner Auftritt zu Hause vor dem TV verfolgen. «Das war hart, weil man nicht helfen kann», sagt er. «Natürlich können und wollen wir besser spielen. Aber es ist in Vaduz stets kompliziert.» Es sei klar, dass YB konstanter und stärker agieren müsse. «Unser Ziel ist Rang 2», erklärt der Youngster. Und: «Ich bin überzeugt, dass wir dieses Ziel erreichen werden.»

Beraten von Shaqiri

Florent Hadergjonaj ist auf der Überholspur unterwegs. Flankenstark und druckvoll agierte er schon immer, defensiv hat er Fortschritte gemacht. Sein Vertrag läuft bis 2018, aber allzu lange wird er kaum mehr in Bern bleiben. Seit einem Jahr wird er von Erdin Shaqiri, dem Bruder Xherdans, vertreten. «Vorher erledigte mein Vater die Beratung», sagt Hadergjonaj, «und jeden Tag meldeten sich zwei, drei Spielerberater, das war wirklich krass.»

Es ist natürlich kein Zufall, gehört der Rechtsverteidiger zu den Klienten von Erdin Shaqiri. Die gemeinsamen kosovarischen Wurzeln verbinden, Hadergjonaj ist ein ausgeprägter Familienmensch, der immer noch im Elternhaus in Langnau wohnt. Es gab zuletzt die Überlegung, mit Mitspieler Grégory Wüthrich eine WG zu bilden. «Aber zu Hause ist es für mich am besten. Nicht nur, weil Mutter so gut kocht.»

In der Freizeit trifft sich Hadergjonaj ab und zu wie zuletzt am Sonntag mit Xherdan Shaqiri und Breel Embolo, die ebenfalls von Erdin Shaqiri beraten werden. Man spricht dabei auch übers Nationalteam. Noch ist Hadergjonaj in der U-21-Auswahl engagiert, er ist dort Fixkraft und Führungsspieler, Ende März kommt es in Thun zu einem Schlüsselspiel in der EM-Qualifikation gegen England. Hadergjonaj aber ist nicht weit von der grossen Nationalmannschaft entfernt, in der Hierarchie stehen Stephan Lichtsteiner, Michael Lang und vielleicht Silvan Widmer vor ihm. «Lichtsteiner wird nicht mehr ewig dabei sein», sagt Hadergjonaj, «eventuell kommt es nach der EM zum einen oder anderen Wechsel im Nationalteam.»

Die Avancen von Albanien

Er selber hätte die Euro in Frankreich ebenfalls bestreiten können. Für Albanien, das in der Vorrunde auf die Schweiz trifft. «Der albanische Verband hat angefragt», sagt Hadergjonaj, «und das wäre sicher reizvoll. Aber ich möchte am liebsten für die Schweiz spielen, weil da die Chancen grösser sind, regelmässig an Turnieren dabei zu sein.» Und so wartet er einmal ab, wie sich die Dinge für ihn entwickeln.

Bei Albanien übrigens würde er vermutlich hinten links oder im Mittelfeld spielen. Rechtsverteidiger ist dort einer, der «richtig stark» sei, wie Hadergjonaj sagt. Der Mann heisst Elseid Hysaj, hat wie Hadergjonaj Jahrgang 1994, besitzt einen Marktwert von über 10 Millionen Franken – und spielt bei Napoli.

Etabliert als Stammkraft

Nun zu Hadergjonais Jahrgangskollege Sven Joss: Der nordische Name Sven bedeutet nicht anderes als «junger Mann». Sven Joss, Rechtsverteidiger beim FC Thun, ist passenderweise ein solcher. Erst 21-jährig, gehört die YB-Leihgabe beim derzeit kaum verletzungsgeschwächten FC Thun mittlerweile zum Stamm. «Dass ich zum Spielen komme, ist für mich das Wichtigste», sagt er.

Einsatzminuten sammelte Joss in letzter Zeit viel. Quasi während Ciriaco Sforzas letzten Atemzügen als Thun-Coach im Oberland schaffte er den Sprung ins Team. Unter Jeff Saibene, der im Oktober übernahm, ist der Jungspund gesetzt. Zurückblickend sei es schon ein ziemlicher Schritt gewesen in die Super League, gibt Joss zu. Insbesondere deshalb, weil er zuvor ja noch nie auf der grössten Schweizer Fussballbühne zum Einsatz gekommen war.

Der Konolfinger stiess im letzten Sommer direkt aus der Nachwuchsequipe der Young Boys zu Thun. Einige Zeit lang hatte er im YB-Nachwuchs gemeinsam mit Florent Hadergjonaj, seinem Berner Pendant, zusammengespielt. Nur schaffte dieser den Sprung in die Super League zwei Jahre früher.

Abseits des Rasens haben die Emmentaler mit Ausnahme des Jahrgangs nicht viel gemeinsam. «Wir verstehen uns sehr gut und fuhren früher immer gemeinsam im Zug ins Training», sagt Joss. Hadergjonaj, in Langnau wohnhaft und 13 Tage jünger, sei jedoch der viel extrovertiertere Typ als er – auch auf dem Platz. «Er ist einer, der bei jedem Gedränge zuvorderst anzutreffen ist; ich bin das Gegenteil.»

Ruhig und besonnen

Belegen muss Sven Joss dies nicht, man nimmt ihm diese Aussage sofort ab. Im Gespräch wirkt er freundlich, aber auch ein wenig schüchtern und eher introvertiert. Seine Wesensart sei im Fussball tendenziell eher eine Schwäche, findet Joss. «Ich musste und muss in diesem Bereich viel an mir arbeiten», sagt er.

«Aber ich merke, dass ich Fortschritte beim Kommunizieren mit den Teamkollegen mache.» Dass Joss seit Monaten den Vorzug gegenüber älteren, erfahrenen Spielern auf seiner Position erhält, spricht jedenfalls für ihn. Trainer Saibene gefällt das Auftreten des Abwehrspielers. Joss ist einer, der auf solide Arbeit setzt. Er ist kein sonderlich trickreicher Fussballer, aber ein zuverlässiger Teamspieler.

Bei YB, wo Joss einen Vertrag bis 2018 besitzt, nimmt man seine positive Entwicklung wohlwollend zur Kenntnis. Vor allem, weil Rechtsverteidiger Hadergjonaj bald in eine grosse Liga gehen dürfte. Mit den Young Boys mag sich Joss, ausgeliehen an Thun bis Ende Saison, derzeit jedoch nicht gross auseinandersetzen. «Wir werden im Sommer sehen, wo meine Zukunft liegt», sagt er. Gegenwärtig könne er nur sagen, dass es ihm in Thun sehr gefalle.

Drei Konolfinger im Team

Im Oberland geht es ruhig zu und her, das passt Joss. Ebenso die Tatsache, dass er mit Felix Hornung und Sandro Lauper zwei Mitspieler hat, die wie er in Konolfingen aufwuchsen. «Mit ihnen verstehe ich mich am besten», sagt Joss. Wie lange das Trio noch zusammen spielt, ist unklar. Mindestens Joss scheint das Rüstzeug für höhere Aufgaben zu haben.

Heute wird er seine Qualitäten im Stade de Suisse gegen seinen Stammklub demonstrieren können. Zuletzt gewannen die Thuner zweimal durch einen Treffer in der Nachspielzeit (2:1 in St. Gallen, 2:1 gegen Lugano) – und holten seit der Winterpause die maximale Ausbeute. Joss relativiert: «Es wird eine ganz schwierige Aufgabe gegen die Young Boys. Sie müssen unbedingt gewinnen.» Und sein Team könne sich auch nicht immer auf ein spätes Siegtor verlassen. Weise Worte eines jungen Mannes.

Verfolgen Sie den Liveticker zum Derby am Samstagabend ab 20 Uhr auf bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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