Dankbar für die Ohrfeige

Sven Joss sprang beim FC Thun für zwei verletzte Kollegen in die Bresche. Heute Mittwoch (19.30 Uhr) gastiert die YB-Leihgabe mit den Oberländern anlässlich des Cupachtelfinals bei den Amateuren von Wettswil-Bonstetten.

Plötzlich im Schaufenster: Verteidiger Sven Joss (links) hat sich klammheimlich zum Super-League-Profi hinaufgearbeitet.

Plötzlich im Schaufenster: Verteidiger Sven Joss (links) hat sich klammheimlich zum Super-League-Profi hinaufgearbeitet.

(Bild: Andy Mueller/freshfocus)

An und für sich hätte er seine Sachen packen und gehen müssen. Nicht dass sich Sven Joss mit dem FC Thun zerstritten hätte, aber eine Ohrfeige wars in gewisser Weise schon, die er im Spätsommer erhielt. Vor der Saison war der 21-Jährige von der zweiten Mannschaft der Young Boys ins Oberland gewechselt, vorgesehen als Back-up Stefan Glarners auf der rechten Abwehrseite. So weit, so gut.

Im dritten Spiel brach sich Glarner den Fuss. Die Chance für Joss? Mitnichten. Schnurstracks holten die Thuner aus Biel Kevin Bigler zurück; YB-Leihgabe Joss wurde nicht zugetraut, in die Bresche zu springen. «In physischer Hinsicht hatte er Rückstand, sein Selbstvertrauen war zu gering», erzählt Sportchef Andres Gerber, ergänzend: «Ich bin ehrlich, wir wollten kein Risiko eingehen.»

Der Sportchef täuschte sich

Mitte August in Basel lag Bigler mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen – auch er sollte wochenlang ausfallen. Die Folge war ein weiterer Dämpfer für Joss, kurzerhand wurden Flügel Nelson Ferreira sowie Linksverteidiger Enrico Schirinzi umfunktioniert. Diese Entscheide hätten sehr geschmerzt, sagt Joss, «ich war zwar nicht in Bestform, das Ganze gab mir aber schon zu denken».

Mitte September im Cup-Zweitrundenspiel in Lausanne indes wurde er mir nichts, dir nichts ins kalte Wasser geworfen, vermochte zu überzeugen. Seither hat das Leichtgewicht (68kg) sämtliche sechs Partien von Beginn an absolviert. Abgesehen vom sonntäglichen Vergleich mit Lugano, lief es Joss gut. Die ansprechenden Noten, welche er für die Auftritte erhielt, habe er registriert, «für die Moral waren sie wichtig».

Durchaus überrascht von Joss’ soliden Auftritten ist Gerber. «Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir hätten früher auf ihn setzen sollen.» Der Sportchef lobt die unspektakuläre, schnörkel- und weitgehend fehlerlose Spielweise des Aussenverteidigers. «Er weiss, was er kann, und überschätzt sich nicht.» Joss ist ein ruhiger, eher introvertierter, bescheidener Typ. «Ich habe noch nichts erreicht. In körperlicher Hinsicht muss ich zulegen und defensiv stabiler werden.»

«Mich kennt niemand»

Auf einmal also ist Sven Joss ein Super-League-Profi, quasi aus dem Nichts ist der Konolfinger aufgestiegen, «mich kennt ja eigentlich niemand». Verändert habe sich bei ihm deswegen kaum etwas, «vielleicht wäre der Rummel grösser, würde ich bei YB spielen». Noch vor wenigen Monaten verteidigte der gelernte Gärtner für den YB-Nachwuchs in der 1. Liga Classic.

Mit einem Team aus der vierthöchsten Spielklasse duelliert sich der FC Thun heute Mittwoch (19.30Uhr, live auf www.cupplay.ch) im Achtelfinal des Schweizer Cups, dank viel Losglück gastiert die wieder erstarkte Equipe Jeff Saibenes bei den Amateuren von Wettswil-Bonstetten.

Sportchef Gerber spricht von «einer Pflichtaufgabe», Joss seinerseits erwähnt die Unberechenbarkeit solcher Gastspiele. «Der Niveauunterschied ist gross, das habe ich selbst erfahren müssen. Aber Teams aus der 1. Liga spielen mit riesiger Leidenschaft, damit lässt sich vieles kompensieren.» Vor drei Jahren gastierten die Young Boys im Cup bei den Ostschweizern, siegten in der zweiten Runde problemlos 5:1.

Ob Sven Joss mittun kann, ist ungewiss. Stefan Glarner hat seine Blessur auskuriert und mit den Junioren bereits Spielpraxis gesammelt – er könnte sein Comeback geben. Spätestens in der Rückrunde wird Kevin Bigler Ansprüche stellen. Bis zum kommenden Sommer ist Joss an Thun ausgeliehen, «er hat Eigenwerbung betrieben», sagt Andres Gerber.

Der Spieler macht sich nicht viele Gedanken, sagt bloss, er wolle seinen Platz sicher nicht kampflos hergeben. «Die Rückschläge zu Saisonbeginn haben mich stärker gemacht. Ich muss fast dankbar dafür sein, ist nicht alles von alleine gegangen.» So schnell packt er seine Sachen nicht.

Berner Zeitung

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