Berner Chaostage

Auch Urs Siegenthaler ist bei YB nicht mehr im Amt. Der Verwaltungsrat muss nach den Entwicklungen der letzten Tage gehen. Und so sind die Young Boys derzeit sportlich führungslos.

Einsam in Bern:?Der 68-jährige Urs Siegenthaler muss YB verlassen.

Einsam in Bern:?Der 68-jährige Urs Siegenthaler muss YB verlassen.

(Bild: Imago)

Fabian Ruch

Andy Rihs benutzte am Donnerstagabend deutliche Worte, als er vor dem YB-Heimspiel in der Europa League gegen Olympiakos Piräus (0:1) in der Presidents Lounge des Stade de Suisse zu den ganz wichtigen VIP-Gästen sprach.

Der YB-Besitzer sagte, was in den letzten Wochen klar geworden war. Dass er und sein Bruder Hansueli genug hätten, Jahr für Jahr Millionendefizite der Young Boys zu decken. Dass in den letzten Jahren enorm viel Geld für mittelmässige Fussballer ausgegeben worden sei. Dass die Trennung von CEO Alain Kappeler und Sportchef Fredy Bickel aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt sei. Dass man Kosten minimieren wolle. Und dass man neue Strukturen aufbaue und stärker auf den Nachwuchs setze.

Der für die Umsetzung dieser Massnahmen vorgesehene Mann hiess Urs Siegenthaler.

Druck wurde zu gross

In diesen Chaostagen, die sogar für den notorisch chaotischen BSC Young Boys besonders chaotisch sind, werden die Pläne der Verantwortlichen beinahe im Stundentakt von den Ereignissen überholt. Verwaltungsrat Urs Siegenthaler hatte es ja in Rekordzeit geschafft, sich in Bern als grösstes mögliches Feindbild zu etablieren.

Seine ungeschickten Auftritte seit Dienstag und seine absurden Aussagen hatten dazu geführt, dass sich Medien, Sponsoren und Fans in seltener Einigkeit gegen den 68-Jährigen stellten. Die Anhänger protestierten während der Partie gegen Piräus heftig gegen Siegenthaler, der untragbar geworden war. Noch am Donnerstagabend spät forderte auch der YB-Beirat, eine Ansammlung Berner Persönlichkeiten aus vielen Bereichen, die Absetzung Siegenthalers. Und am Freitagmorgen an der Ver­waltungsratssitzung wurde der Beschluss gefasst, sich per sofort vom ziemlich wirren Basler zu trennen.

Es waren hektische, stundenlange Debatten darüber, wie es weitergehen soll. Und als der Verein kurz vor 15 Uhr informierte, gelang das besser als drei Tage zuvor, als der Verwaltungsrat eine dilettantische Medienmitteilung verfasst hatte.

Bickels Abschied am Freitag

Es ist nett für Siegenthaler, wurde von einem Rücktritt geschrieben. Aber immerhin bedankte sich der Verwaltungsrat nicht für die geleistete Arbeit, sondern dafür, dass Siegenthaler «in Anbetracht der jüngsten Ereignisse die Konsequenzen gezogen» habe. Der gestern geschasste Siegenthaler nahm später das Telefon ab, bedankte sich zynisch-sonderbar «für die faire, objektive Berichterstattung der letzten Tage», war aber zu keiner Auskunft bereit.

Es war ein letztes bizarres Kurz­gespräch, die Geschichte mit Siegenthaler und YB hat nicht unerwartet ein Ende mit Schrecken gefunden. Was immer noch besser ist als ein Schrecken ohne Ende.

Im Zickzackkurs der Rihs-Jahre hat sich YB mit in der Realität eigentlich nicht für möglich gehaltenen Irrungen, Wirrungen und Wendungen zum Gespött der Fussballschweiz gemacht. Nun aber geht es darum, die Weichen für eine bessere Zukunft zu stellen. Und während der Verwaltungsrat ein paar Räume weiter intensiv stritt, räumte Fredy Bickel gestern traurig sein Büro.

Der frühere Sportchef verabschiedete sich von der Mannschaft, es sei recht emotional zu- und hergegangen, dann traf er sich mit dem Trainerstab zum Mittagessen, später sagte er: «Es ist schwierig, zumal so viele Dinge aufgegleist sind.» Dass Siegenthaler, der Bickels Entlassung forciert hatte, nun auch gehen muss, ist für Bickel gewiss eine Genugtuung.

Und er wäre wohl nicht abgeneigt, als Sportchef zum dritten Mal bei YB anzuheuern, doch der Verwaltungsrat würde sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn er eine derartige Kehrtwende vollziehen würde. Wobei: Unglaubwürdiger kann der Verein kaum mehr werden.

Von langer Hand geplant

YB steht also mal wieder vor einem Totalumbau. Die Situation ist heikel, weil sich auch die Spieler verwundert fragen, in welchen Horrorfilm sie da eigentlich geraten sind. Morgen treten sie bei den Amateuren von Bazenheid zum Cup-Sechzehntelfinal an. Und die Fans sind ohnehin immer noch sehr erzürnt über die grotesken Vorgänge zuletzt. Ihr Ideenreichtum dabei, dem Verein zu helfen, ist bemerkenswert. So haben sich beispielsweise auf dem Internet bereits Gruppen gebildet, um 100 Millionen Franken zu sammeln, damit Klub und Stadion gekauft werden können.

So weit wird es natürlich nicht kommen. Und auch ein Comeback Bickels ist kaum vorstellbar. Die mittlerweile legendär stümperhafte Pressemitteilung vom Dienstag kursierte laut glaubhaften Zeugen übrigens bereits Mitte August im Verein, die Entlassung Bickels war also tatsächlich von langer Hand geplant. Weil der beim Schweizerischen Fussballverband angestellte Paul Meier, der von Siegenthaler vorgesehene Leiter Sport bei YB, aber frühestens ab 1. Oktober verfügbar ist, wurde erst diese Woche kommuniziert.

Meier dürfte sein Amt nach den aktuellen Entwicklungen kaum antreten. Das wird eine teure arbeitsrechtliche Aktion. Und so steht YB vor einem Haufen Arbeit. Zumal Bickel gar nicht weiss, wem er all die Dossiers und Verträge übergeben soll.

Man stellt sich gerade ernsthaft die Frage, ob das alles bei den Young Boys wirklich passiert – oder ob es nicht das abstruse Werk eines ausserordentlich kreativen Satirikers ist.

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