Bei YB gescheitert, in den USA gefeiert

Josef Martinez, einst bei YB und Thun, ist in den USA ein Star. Der Venezolaner führte Atlanta mit 35 Toren zum MLS-Titel.

<b>Der beste Spieler der Liga</b> mit dem Meisterpokal: Atlantas Stürmer Josef Martinez.

Der beste Spieler der Liga mit dem Meisterpokal: Atlantas Stürmer Josef Martinez.

(Bild: Getty Images)

Fabian Ruch

Mit einer grossen Parade in der Innenstadt feierte Atlanta gestern den ersten Titel eines Sportclubs seit 23 Jahren. Es ist ein unerwarteter Triumph. Erst 2017 startete Atlanta United in der Major League Soccer (MLS), die Fussballorganisation hat die Metropole im Sturm erobert.

Im Schnitt rund 53'000 Zuschauer erschienen diese Saison zu den Heimspielen, im Final am Samstag gegen Portland (2:0) war das prächtige Mercedes-Benz-Stadium mit 73000 Besuchern ausverkauft.

Die Sportwebsite The Athletic schrieb, es bestehe kein Zweifel, welcher Club die Nummer 1 der Stadt sei – und das, obwohl die Baseballer der Braves (World-Series-Sieger zuletzt 1995) sehr beliebt sind und Atlanta auch Teams in den anderen grossen Ligen NBA und NFL besitzt.

Mit 18 schon zu YB

Die grösste Figur der Stadt ist einer, der bei YB und Thun gespielt hat und mit Verzögerung durchgestartet ist. Josef Martinez wechselte nach fünf Jahren in Europa Anfang 2017 zur neu gegründeten Franchise und wurde letzte Saison dank 19 Toren in 21 Einsätzen zum «Neuling des Jahres» in der MLS gewählt.

2018 drehte der flinke, dribbelstarke, schussgewaltige Angreifer noch stärker auf, 35 Tore steuerte er zum überraschenden Titel bei. Im Final schoss Martinez den ersten Treffer und bereitete den zweiten vor. «Das ist traumhaft», sagte Martinez nach dem Erfolg. Und: «Manchmal muss man im Leben ein wenig Geduld haben, bis man für harte Arbeit belohnt wird.»

«Manchmal muss man Geduld haben, bis man für harte Arbeit belohnt wird.»Josef Martinez

Josef Martinez hat schwierige Zeiten erlebt. Auf Players Tribune, einer Website, auf der bekannte Sportler ihre Geschichte erzählen, schrieb der Venezolaner vor ein paar Wochen auch über seinen Wechsel zu den Young Boys. Wie viele junge südamerikanische Fussballer sei er früh nach Europa gegangen.

YB war sein Sprungbrett, mit 18 wechselte er kurz nach Weihnachten 2011 zusammen mit seinem gleichaltrigen Freund Alexander Gonzalez nach Bern. Landsmann Gonzalez, später bei Aarau und heute bei Elche in Spaniens zweiter Liga, ist ein sehr offensiver Rechtsverteidiger, der nicht zu den Plänen von Trainer Christian Gross passte. Wie der klein gewachsene Martinez (172 Zentimeter).

Als der erfolglose Gross gehen musste, folgte für YB noch eine unruhige, miserable Saison (Rang 7). Es war ungemütlich im Club, Martinez schrieb auf Players Tribune, es sei mit 18 sehr schwierig gewesen, erstmals nicht im vertrauten Umfeld zu sein, zudem sei es in der Schweiz oft kalt gewesen, Essen wie Kultur waren ihm fremd.

Einmal schoss Martinez in einem Halbjahr 18 Tore in 11 Partien für die zweite Mannschaft in der 1. Liga, aber YB setzte nie richtig auf ihn. Er ging zum FC Thun, traf ab und zu, glücklich aber wurde er in der Schweiz nicht mehr. Bei Torino erlebte Martinez ab 2014 zweieinhalb Jahre zwischen Feld und Bank, in Italien aber gefiel ihm das Leben deutlich besser.

Held der Sportstadt

Sein Glück fand der Venezolaner, der einst den Kontinent verlassen hatte, um sich als Fussballer in Europa zu etablieren, ironischerweise in Nordamerika. Mit einer Kobra wird der Stürmer in den USA verglichen, weil er im Strafraum blitzschnell zuschlägt. Nie hat einer in der MLS mehr Saisontore erzielt, Martinez wurde zum Spieler des Jahres gewählt, Zlatan Ibrahimovic und Wayne Rooney landeten auf den Rängen drei und vier.

Der MVP des Finals ist längst eine Berühmtheit in Atlanta, stärker verehrt als Star-Quarterback Matt Ryan von den Falcons. The Athletic schrieb kürzlich sogar, Martinez sei nun einer der bekanntesten Sportler des Landes.

Unter Journalisten gilt Martinez als launisch und schweigsam, sein Trainer Gerardo Martino meinte im Sommer, Martinez spreche mit den Füssen und mit Toren. Der 56-jährige Martino, einst bei Barcelona, ist ein angesehener argentinischer Fussballlehrer, er hat in Atlanta fast aus dem Nichts ein Meisterteam zusammengestellt und übernimmt ab 2019 Mexikos Nationalteam.

«Ich bin ihm ewig dankbar», sagte Martinez über den Titeltrainer. «Und natürlich profitiere ich von Miguel Almiron. Er ist ein Genie.» Almiron ist der begnadete Regisseur Atlantas, auch der 24-jährige Paraguayer dürfte irgendwann in einer Spitzenliga spielen.

Und Josef Martinez wird die Reise nach Europa beim nächsten Anlauf nicht mehr als unbekannter Jüngling antreten.

Berner Zeitung

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