Bärner Gieu fast am Zieu

Der 24-jährige Leonardo Bertone spielt über die Hälfte seines Lebens für die Young Boys. Er erzählt, wie es ist, als Berner mit YB so nahe vor dem Titelgewinn zu stehen.

Mann der Emotionen: Nach dem 2:2 in Thun drosch Leonardo Bertone den Ball auf die Tribüne. Er sagt: «Ich war verärgert. Wir wollten unbedingt gewinnen.»

Mann der Emotionen: Nach dem 2:2 in Thun drosch Leonardo Bertone den Ball auf die Tribüne. Er sagt: «Ich war verärgert. Wir wollten unbedingt gewinnen.»

(Bild: Christian Pfander)

Dominic Wuillemin

Welches ist Ihre erste Erinnerung an YB? Mit 10 konnte ich in einer Turnhalle in der Länggasse ein Probetraining absolvieren. Mein Grossvater fuhr mich hin, ich war extrem nervös. Das Training ging dreissig Minuten, ich musste zwischen Plastikhütchen hindurchdribbeln. Dann hiess es schon: Du bist bei YB. Ich dachte: Ist ja einfach hier! (lacht)

Und später waren Sie dann Balljunge? Ja, beispielsweise bei der Finalissima 2010.

Wie war das, die 0:2-Niederlage gegen den FC Basel aus nächster Nähe mitzuerleben? Vor dem Spiel war es noch ein grosses Fest. Und dann schlug die Stimmung ins Gegenteil um. Da realisierte ich, wie schlecht es den Spielern nach einem solchen Spiel geht. Ich hatte Mitleid.

Drei Jahre später spielten Sie unter Bernard Challandes erstmals in der Super League von Beginn an. Ja, gegen den FC Zürich. Die Zeit unter ihm ist mir sehr präsent, er gab mir stets ein gutes Gefühl, ich trainierte gerne unter ihm, seine feurige Art passte mir. Das war eine schöne Zeit.

Betrachten Sie ihn als Förderer? Ich kann mich erinnern, wie er vor dem Spiel gegen Zürich zu mir sagte, seit er bei YB sei, trainiere ich super und er wisse nicht, warum er mich nicht einsetzen sollte. Er sagte: Spiel so wie im Training und vergiss das Drumherum. Er gab mir das Gefühl, mithalten zu können. Das war wichtig.

Wer war in dieser Zeit sonst noch wichtig? Zum damaligen Sportchef Fredy Bickel hatte ich einen sehr guten Draht. Erst hiess es, ich erhalte keinen Profivertrag, ich müsse zurück in die U-21. Er meinte, es tue ihm enorm leid, er hätte mich gerne bei den Profis behalten, aber es gehe nicht. Er sagte: «Sobald sich eine Chance ergibt, nehme ich dich in die erste Mannschaft.» Am nächsten Tag verletzte sich Milan Gajic.

Ihre Chance? Er rief mich an, sagte: «Leo, heute ist dein Tag. Du kannst den Profivertrag unterschreiben.» Bickel gab den jungen Spielern das Gefühl, wichtig zu sein.

Stehen Sie noch mit Bickel in Kontakt? Ja, hin und wieder schreiben wir uns. Ich schätze ihn als Menschen enorm.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie ohne Gajics Verletzung vielleicht jetzt nicht bei YB wären? Ja. Im Fussball kann ein Vorfall Auswirkung auf das ganze Leben haben. Durch Verletzungen kommen immer neue Spieler ins Rampenlicht. Erhält man die Chance, muss man sie nutzen.

Sie sind 24-jährig, haben 118 Partien in der Super League bestritten. Sehen Sie sich als aufstrebenden Spieler oder Routinier? Ich habe zwar schon ein paar Spiele für YB gemacht, aber als Routinier fühle ich mich nicht. Ich bin vor den Spielen immer noch gleich nervös wie am Anfang meiner Karriere.

Ein aufstrebender Spieler also? Auch nicht. Ich würde sagen, ich bin ein erfahrener junger Spieler.

Das heisst? Nehmen wir Djibril Sow, der auf der gleichen Position spielt wie ich. Ich will, dass er besser wird, weil ich sehe, über was für ein Potenzial er verfügt.

Obwohl er Ihr Konkurrent ist? Ich rede oft mit ihm und er mit mir. Es ist ein gegenseitiges Unterstützen.

Das grosse Ziel vor Augen, stellt man da die eigenen Ansprüche zurück? Klar. Der Titelgewinn wäre etwas Einmaliges. Etwas, das viele Fussballer nie erreichen können. Da will man nicht der Negativpol sein.

«Der Titelgewinn wäre etwas Einmaliges. Da will man nicht der Negativpol sein.»Leonardo Bertone

Malen Sie sich manchmal aus, wie es sein könnte, mit YB den ersten Titel seit 31 Jahren zu gewinnen? Als ich nach dem Spiel gegen den FC Zürich am Montagmorgen ins Training ging, dachte ich, unglaublich, es braucht nicht mehr viel und dann haben wir es tatsächlich geschafft. Das löste bei mir Kino im Kopf aus, ich bekam Hühnerhaut. Dieser Moment war krass.

Wann haben Sie erstmals gedacht: Ja, dieses Jahr ist es möglich? Nach dem Sieg in St. Gallen vor zwei Wochen.

Erst dann? Ja, dieses Spiel war für mich ein Zeichen, dass wir parat sind. Es ist nie einfach, in St. Gallen zu gewinnen, und wir spielten in der ersten Halbzeit auch nicht gut. Früher haben wir in solchen Partien Punkte liegen lassen, diesmal machten wir nach der Pause den Sack rasch zu.

Nach dem 2:2 am Mittwoch in Thun droschen Sie den Ball auf die Tribüne. (schmunzelt) Ich war verärgert. Wir wollten unbedingt gewinnen. Aber früher wären wir nach dem Gegentor zum 1:2 wohl nicht mehr zurückgekommen, unsere Mentalität hat sich stark verändert. Mittlerweile finde ich: Es ist ein gewonnener Punkt.

In Thun hatte es viele YB-Fans. Die Euphorie ist spürbar. Was macht das mit einem? Es ist eine Mischung aus vielen positiven Gefühlen. Das zu erleben, ist eine Belohnung für die Arbeit der letzten Jahre.

14 Jahre nach dem Probetraining mit YB können Sie den Titel gewinnen, mit Mitspielern wie Gregory Wüthrich und Marco Bürki, die Sie aus Ihrer Anfangszeit bei YB kennen. Das muss speziell sein. Wir reden oft darüber, wie unglaublich die ganze Geschichte ist. Wir sind Bärner Giele, wir haben schon als Kinder viele Partien von YB im Stadion gesehen. Und jetzt sind wir in diesem Team, das Grosses erreichen kann. Das ist überwältigend.

Basler Zeitung

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