«Auch Gross strapaziert immer noch unsere Gehaltsliste»

Seit vierzehn Tagen ist Fredy Bickel Sportchef bei YB. Der Zürcher spricht über Bobadilla, Baustellen, Verträge, Saisonziele, Chancengleichheit und über seinen ehemaligen Arbeitgeber, den FC Zürich.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Fredy Bickel, wie haben Sie die beiden ersten Wochen in Bern erlebt?
Es ging gleich von null auf hundert los. Die Arbeit ist sehr intensiv. Ich muss mir so schnell wie möglich ein Bild von allem machen.

Da dürfte es auch um die Vertragssituation der einzelnen Spieler gehen?
Ja, das ist so.

YB soll neben dem FC Basel und Sion die höchsten Löhne zahlen. Sind Sie beim Studium der Verträge nicht erschrocken?
Nein, erschrocken bin ich nicht gerade. Aber ich strebe in Zukunft Verträge mit höheren Leistungskomponenten an.

Figuriert eigentlich der in der vergangenen Saison entlassene Trainer Christian Gross und sein damaliger Assistent Pascal Zuberbühler immer noch auf der Gehaltsliste von YB?
Ja, das ist so.

Und sie dürften diese gewaltig strapazieren?
Jeder, der von uns noch Geld bezieht, aber für den Verein nicht mehr tätig ist, strapaziert die Lohnliste. Das liegt in der Natur der Sache.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Gross und Zuberbühler für den Verein in irgendeiner Form wieder tätig sein könnten?
Bei einem entlassenen Trainer ist das nicht üblich. Aber bei Pascal Zuberbühler könnte ich mir das schon vorstellen. Ich werde mal mit Zubi darüber reden. Der Job eines Torhütertrainers kommt für ihn bei uns aber nicht mehr in Frage.

Torjäger Raul Bobadilla hat trotz eines laufenden Vertrages den Verein verlassen. Weshalb?
Er wollte unbedingt weg. Da war nichts mehr zu machen. Es wäre auch ein ganz schlechtes Signal an unsere Mannschaft gewesen, wenn wir stur auf den Vertrag gepocht hätten. Wir schlagen in Bern ein neues Kapitel auf. Einen Spieler, der partout gehen will, darf man wie Reisende nicht aufhalten. Für mich ist es nur noch darum gegangen, für YB die Verhandlungen möglichst gut abzuschliessen.

Was hat Bobadilla finanziell noch gebracht?
Darüber haben wir Stillschweigen vereinbart.

Hätten Sie noch gerne mit Bobadilla zusammengearbeitet?
Jeder Sportchef kann sich glücklich schätzen, wenn er einen solchen Spieler mit diesen herausragenden Qualitäten in seinen Reihen hat. Es wäre für mich schon interessant und spannend gewesen, Raul Bobadilla richtig kennenzulernen.

Hatten Sie für Bobadilla noch andere Angebote auf dem Tisch?
Wir hatten Interessenten aus Italien, der Türkei, Russland und der Ukraine. Aber Bobadilla wollte nur zum FC Basel.

Was bedeutet der Wechsel von Bobadilla zum FC Basel für die Meisterschaft?
Dass der Titel nur über den FC Basel führt. Bobadilla kann sich bei uns bedanken, dass er jetzt Meister wird.

Was sind Ihre grössten Baustellen in Bern?
Es gibt Spieler, die sind nicht zufrieden, weil sie nicht regelmässig spielen. Für diese suchen wir eine Lösung. Man kann ja noch bis Ende Februar Transfers tätigen.

Zu den Unzufriedenen gehört offenbar auch Nationalspieler Moreno Costanzo. St. Gallen, GC und Luzern sollen bei Ihnen das Interesse an Costanzo deponiert haben?
Das kann ich weder bestätigen noch dementieren. Sollte Costanzo tatsächlich mit seiner Situation nicht zufrieden sein, kann ich das nachvollziehen.

Was erwarten Sie von Rückkehrer François Affolter, der aus Bremen zurückkommt?
Ich erhoffe mir von ihm sehr viel. Er kann uns mit seiner Bundesligaerfahrung unheimlich viel bringen und die Stabilität in unsere Abwehr zurückbringen.

Sie sagen, bei YB schlage man ein neues Kapitel auf. Sie beginnen also bei null?
Ja, das ist so. Jeder hat die gleiche Chance.

Gilt das auch für Trainer Martin Rueda, der, zumindest was die Meisterschaft anbetrifft, schon ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist?
Ja, natürlich. Wir sind im Übrigen alle gefordert. Der Sportchef, die Spieler und der ganze Trainerstaff.

Wie definieren Sie das Saisonziel?
Wir müssen auch in der nächsten Saison wieder europäisch dabei sein. Das ist Pflicht und unser Minimalziel.

Wer sind Ihre wichtigsten Ansprechpartner in Bern?
Natürlich der Präsident und der ganze Trainerstaff. Das Know-how von Chefscout Stéphane Chapuisat ist für mich enorm wichtig. Es bringt mir viel, wenn ich mit diesem ausgewiesenen Fachmann über den Fussball reden kann. Zum Trainerstaff gehören auch Martin Fryand, Thomas Häberli und Paulo Collaviti. Ich habe mit ihnen einst wie auch mit Chapuisat schon einmal bei YB zusammengearbeitet. Wir kennen uns alle sehr gut. Und das ist schon mal ein gewaltiger Vorteil für meine Arbeit hier in Bern.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem ehemaligen Arbeitgeber FC Zürich?
Selbstverständlich. Mit Präsident Ancillo Canepa tausche ich mich immer wieder aus. Freundschaftliche Beziehungen, ob in der Mannschaft, im Staff oder auf der Geschäftsstelle des FCZ, werde ich weiterhin pflegen. Das war doch eine fantastische und erfolgreiche Zeit in Zürich. Ich bin ja auch nicht im Streit gegangen.

Sie haben also Ihren letzten Lohn im Dezember erhalten?
Und das pünktlich wie immer.

Sie sagen, der Titel gehe nur über den FC Basel. Wer steigt denn ab? Machen Sie sich Sorgen um den FC Zürich?
Nein, um Gottes willen, überhaupt nicht. Der Abstieg geht über einen Westschweizer Verein.

Wie beurteilen Sie die Beförderung von Urs Meier zum Cheftrainer beim FC Zürich?
Das begrüsse ich sehr. Ich finde es richtig, dass man wieder einen Trainer aus den eigenen Reihen bevorzugt hat. Das hatten wir einst auch mit Urs Fischer so gemacht und sind damit sehr gut gefahren. Im ersten Jahr wurde Urs gleich Vizemeister.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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