5-Sterne-Teams und Euro-Touristen

Wer wird Europameister? Die Favoriten sind alte Bekannte wie Deutschland, Spanien und Frankreich – und aufstrebende Nationen wie Belgien, England und Kroatien.

Tolle Affiche in der Vorrunde: Polens Starstürmer Robert Lewandowski (rechts) trifft im Spiel gegen Deutschland auf Bayern-Team­kollege Jérôme Boateng.

Tolle Affiche in der Vorrunde: Polens Starstürmer Robert Lewandowski (rechts) trifft im Spiel gegen Deutschland auf Bayern-Team­kollege Jérôme Boateng.

Fabian Ruch

Jeder hat seinen Favoriten, wenn es darum geht, wer Europameister 2016 wird. Beim grossen Wettanbieter Bet365.com hatte gestern Abend Gastgeber Frankreich die tiefste Quote (1:4). ­Danach folgen Weltmeister Deutschland (1:5), Titelverteidiger Spanien (1:6) und bereits England (1:9,5), das in den letzten Monaten überzeugte. Die talentierten Belgier (1:12) sind möglicherweise einen Tipp wert, auch die Kroaten (1:26) sind eher unterbewertet. Die Schweiz folgt auf Rang 12 (1:67), abgeschlagen Letzter ist der Schweizer EM-Startgegner Albanien (1:501).

Wir tippen die Vorrundengruppen – und stufen alle 24 Teams mit einer Sterneskala ein. Durch die Erweiterung des Teilnehmerfeldes hat es einige krasse Aussenseiter.

*****Titelkandidat, ****Halbfinalkandidat, ***Viertelfinalkandidat, **Achtelfinalkandidat, * Euro-Tourist

Gruppe A

1. Frankreich***** Der Gastgeber kann sich auf dem Weg zum Gruppensieg nur selber stoppen. Da genügt ein Blick auf die Auswahl der EM-Abwesenden (nein, Guillaume Hoarau und Yoric Ravet von YB sind nicht dabei): Ruffier; Laporte, Varane, Sakho, Zouma; Nasri, Kondogbia; Valbuena, Ben Arfa, Ribéry; Benzema. Trotz der Absenz einer ganzen Mannschaft, die Europameister werden könnte, ist Frankreich einer der Topfavoriten auf den Titel. Antoine Griezmann muss dafür jede Menge Tore schiessen, Antreiber Paul Pogba den letzten Schritt zum Weltstar vollziehen ­– und die Abwehr ein wenig besser spielen, als sie auf dem Papier wirkt.

2. Schweiz*** Jede Nation hat mal eine goldene Generation. Jene der Schweiz mit Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez und Yann Sommer als Protagonisten will in Frankreich Geschichte schreiben. Dazu genügt im Prinzip bereits ein Sieg, denn noch nie in der 56-jährigen Euro-Geschichte hat die Schweiz ja ein EM-Spiel, in dem es um etwas ging, gewonnen. Aber Shaqiri und seine Kollegen wollen mehr – und sie können mehr erreichen. Als Zweiter (nach Siegen gegen Albanien und Rumänien) wartet im Achtelfinal der Zweite der Gruppe C. Das könnte Polen sein. Ein 50:50-Spiel für die Schweiz.

3. Rumänien* Die Mauermeister Europas kassieren kaum Gegentore. Aber die Ahnen des grossen Regisseurs Gheorghe Hagi versprühen so viel Spiellust wie ein alter, müder Kater. Und der mit Abstand beste Techniker, Alexandru Maxim von Stuttgart, wurde in letzter Sekunde aus dem Aufgebot gestrichen. Freigeister stören offenbar in diesem Team. Immerhin: Im neuen Modus können drei 0:0-Unentschieden zum Weiterkommen reichen.

4. Albanien* Schweiz B bietet enorm viel Kampfkraft und Emotionen. Vor allem im ersten Spiel gegen Schweiz A. Es fehlt dem Team aber insgesamt an Klasse und an Torgefahr. Das reicht bestenfalls zu einem Punkt (vielleicht 0:0 gegen Rumänien).

Gruppe B

1. England**** Das Mutterland des Fussballs holte erst einen bedeutenden Titel (Weltmeister 1966). Das muss sich nicht zwingend in den nächsten Wochen ändern. Aber die Welt könnte sich über diese talentierten Engländer noch wundern. Die Mannschaft ist exzellent besetzt, selbst wenn Akteure wie Steven Gerrard, John Terry und Frank Lampard, die etwa seit 1966 im Nationalteam spielten, nicht mehr dabei sind. Die Jungstars wie Harry Kane, Dele Alli, Ross Barkley, Raheem Sterling, John Stones und Marcus Rashford sind begabt, Aufsteiger Jamie Vardy ist in prächtiger Form – und die Engländer haben als eine Art Maskottchen mit Angreifer Wayne Rooney sogar einen dabei, der gefühlt seit 1966 Mitglied der Three Lions ist.

2. Slowakei** Spielen die guten Fussball? Ja! Slowakei, die Eishockeynation, könnte einer der EM-Favoritenschrecke sein. Angeführt vom voll tätowierten Napoli-Spielmacher Marek Hamsik, steht den Slowaken eine gute Mischung aus Haudegen wie Martin Skrtel, Wuslern wie Miroslaw Stoch und Technikern wie Wladimir Weiss zur Verfügung. Star Hamsik muss einfach das Toreschies­sen auch noch übernehmen.

3. Russland** Irgendwie schafft es das Riesenland Russland nicht mehr, eine gute Mannschaft zusammenstellen zu können. Die aktuelle Auswahl ist stark überaltert, was im Hinblick auf die WM 2018 im eigenen Land kein gutes Zeichen ist. Immerhin ist es dadurch routiniert und kann dank interessanten Offensivkräften wie Regisseur Aleksandar Golowin, dem grössten Talent, und Torjäger Artjom Dzyuba einen Weg in die Achtelfinals finden. Bitter: Der mit Abstand beste Fussballer, Alan Dsagoew, verletzte sich vor kurzem – er fehlt an der EM.

4. Wales* Die EM hat jetzt 24 Teams, Länder wie Wales sind dabei. Die Trümpfe des bescheidenen, aber kampfstarken Teams: 1. Superstar Gareth Bale. 2. Superstar Gareth Bale. 3. Superstar Gareth Bale. Ach, ja: Aaron Ramsey von Arsenal steht auch im Team.

Gruppe C

1. Deutschland***** Der Weltmeister ist auch an der EM favorisiert. Selbst wenn mit den Dortmundern Marco Reus und Ilkay Gündogan zwei Stützen verletzt fehlen – und ihr Teamkollege Mats Hummels erst gegen Ende Vorrunde einsatzbereit sein wird. Es stehen weiter einige Weltklassekräfte wie Goalie Manuel Neuer, Abwehrturm Jérôme Boateng, Passmonster Toni Kroos, Filigrantechniker Mesut Özil und Strafraumexperte Thomas Müller im Kader. Und viele Talente, allen voran Leroy Sané, aber auch Joshua Kimmich und Julian Weigl. Und: Torjäger Mario Gomez ist wieder da. Mario Götze, das ewige Versprechen, sowie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, die ewigen Nationalspieler, haben auch Unterschlupf gefunden. Es fehlt einzig an kompetitiven Aussenverteidigern. Vielleicht spielt Joachim Löw ja wieder mit vier zentralen Abwehrspielern.

2. Polen*** Die Polen haben mit Robert Lewandowski den wohl besten Mittelstürmer der Euro. Partner Arkadiusz Milik komplettiert ein grossartiges Angreiferduo. Hinter den beiden steht jede Menge Kampfkraft bereit. Aber es hat auch weitere Topspieler wie die Verteidiger Kamil Glik und Lukasz Pisczek – und vor allem Stratege Grzegorz Krychowiak von Europa-League-Dauersieger Sevilla.

3. Ukraine** Der grossartige Andrei Schew­tschenko spielt nicht mehr. Die Ukraine baut auf einen Haufen mittelmässiger Kräfte, die solidarisch verteidigen und defensiv agieren. Einzig die Flügelzange mit Andrei Jarmolenko und Jeven Konoplyanka (von Europa-League-Dauersieger Sevilla) genügt gehobenen Ansprüchen.

4. Nordirland* Nordirland war tatsächlich mal stark. An der WM 1982 und an der WM 1986 überzeugte das Kleinland. Und Nordirland hatte tatsächlich mal ausgezeichnete Fussballer. Okay, einen: George Best. Heute? Sind die Nationalspieler vor allem in der 2.?Liga Englands engagiert. Halbwegs bekannt ist der kantige Mittelstürmer Kyle Lafferty, der auch mal bei Sion spielte.

Gruppe D

1. Kroatien**** Kroatien vor Titelverteidiger Spanien? Es gibt gute Gründe für diese wagemutige Prognose. Einerseits das formidable zen­trale Mittelfeld mit Luka Modric (Real Madrid) und Ivan Rakitic (Barcelona), aufgewachsen in Möhlin. Er würde auch dem Schweizer Team gut anstehen, aber das ist eine andere Geschichte. Mit Mateo Kovacic und Marcelo Brozovic stehen weitere Techniker im Team, Ivan Perisic und Mario Mandzukic wissen genau, wo das Tor steht. Die Abwehr ist nach wie vor rustikal – und eher langsam unterwegs.

2. Spanien***** Der Weltmeister 2010 und Europameister 2008 und 2012 ist im personellen Umbruch. Aber selbst wenn das Team Mühe ­haben könnte, ins Turnier zu ­finden, ist die erfolgreiche Titelverteidigung möglich. Denn das Kader ist immer noch ausgezeichnet besetzt mit vielen routinierten Cracks – nicht nur von den Spitzenklubs Real und Atlético Madrid sowie Barcelona. Erwähnt seien Iker Casillas, David de Gea, Gerard Pique, Sergio Ramos, Thiago, Andres Iniesta, Koke, Sergi Busquets, Pedro, David Silva und David Morata. Erstaunlicherweise hatte der legendäre Trainer Vicente de Bosque unter anderem keine Verwendung für den bösen Chelsea-Angreifer Diego Costa. Die Spanier tun sich nicht leicht, Tore zu schiessen.

3. Türkei** Die Türkei ist wieder da. Und Imperator Fatih Terim – mal wieder – Nationaltrainer. Leistungsträger in der Offensive sind Arda Turan von Barcelona und Hakan Calhanoglu von Leverkusen. Und mit dem erst 18-jährigen Emre Mor spielt eines der grössten Talente des Weltfussballs erstmals auf grosser Bühne vor. Es fehlt ein Torgarant – und der beste Verteidiger Ömer Toprak, der nach internen Querelen seit 2014 nicht mehr für die Türkei spielt.

4. Tschechien** In dieser stark besetzten Gruppe wird es für die Tschechen sehr schwierig. Doch in jeder anderen Gruppe würde das stabile Team um die erfahrenen Petr Cech, ­Tomas Rosicky und Wladimir Darida wohl weiterkommen.

Gruppe E

1. Belgien***** Der längst nicht mehr ganz so geheime Geheimfavorit hat zweifellos das Potenzial, Europameister zu werden. Vorne brillieren die überragenden Kevin de Bruyne, Eden Hazard und Romelu Lukaku. Es sind zusammen mit Goalie Thibaut Courtois die grössten Stars des vermutlich individuell am besten besetzten Teams der EM. Die Akteure spielen fast alle bei Topklubs, vor allem in der Premier League, oder sind die nächsten Grosstalente wie Yannick Carrasco, der im Champions-League-Final für Atlético Madrid gegen Real Madrid nach seiner Einwechslung wirbelte und ein Tor erzielte. Abwehrchef Vincent Kompany fehlt verletzt, das schmerzt sehr. Doch fast jedes andere Team an der Euro wäre sehr glücklich, eine solche Abwehr zu besitzen.

2. Schweden** Es ist der mutmasslich letzte Auftritt von Superstar Zlatan Ibrahimovic an einer WM oder EM. Er will endlich mal an einem grossen Turnier glänzen. Und er ragt natürlich heraus aus einer Mannschaft, die gut organisiert ist mit einem ansprechenden Mix aus Erfahrung (Kim Källström von GC) und Jugend (Victor Lindelöf von Benfica).

3. Italien*** Italien hatte selten ein schwächer besetztes Team. Andrea Pirlo ist nicht mehr dabei, der fantastische (aber wahnsinnige) Mario Balotelli steckt mal wieder in der längeren Krise (und fehlt), mit dem überragenden Marco Verratti und Claudio Marchisio fallen die zwei stärksten Aufbauer verletzt aus. Also müssen es die starken Juventus-Senatoren richten: Goalie Gianluigi Buffon und die Verteidiger Leonardo Bonucci, Giorgio Chiellini, Andrea Barzagli. Aber: Italien bleibt Italien. Und man kann auch mit 1:0-Siegen weit kommen.

4. Irland* Ein typischer Turnierauffüller bei neu 24 Teams. Irland bietet: ausserordentlich begeisterungsfähige Fans und bemerkenswert viel Kampfgeist. Aber eben auch: sehr, sehr, sehr biederes Mittelmass. Trotz Altmeister Robbie Keane als Joker auf der Bank. Grün ist die einzige Hoffnung.

Gruppe F

1. Portugal**** Portugal ist EM-Spezialist: Zweimal scheiterte das kleine Land im Viertelfinal, dreimal im Halbfinal, einmal im Final. Das war 2004, an der Heim-Euro, als die knorrigen Mauer-Griechen im Startspiel und im Final Spassbremsen darstellten. Damals verpasste der blutjunge Cristiano Ronaldo den Titel. 12 Jahre später ist der 31-Jährige zum beliebtesten, grössten Fussballer der Welt aufgestiegen. Ihm steht ein gutes Team zur Seite, das locker den Viertelfinal, vermutlich den Halbfinal, vielleicht den Final erreichen kann. Hinten grätscht der für viele widerliche Weltklasseverteidiger Pepe, im Aufbau figurieren starke Fussballer wie Renato Sanches, 18 Jahre und ab Juli Bayern-Spieler. Aber Portugal ist weiter abhängig von ­Cristiano, dem Riesengrossen.

2. Österreich** Im Team des Schweizer Trainers Marcel Koller versammeln sich fast nur Akteure, die im Ausland spielen. Herausragend ist David Alaba, der Bayern-Professional, der im Nationalteam nicht als Aussenverteidiger spielt, sondern im zentralen Aufbau eine Schlüsselrolle einnimmt. Die Österreicher sind eingespielt und dürften im Achtelfinal für jede Nation schwierig zu spielen sein. Und in der am schwächsten besetzten Gruppe werden sie die Vorrunde mühelos überstehen.

3. Island* Mit rund 330'000 Einwohnern ist Island das kleinste Land, das sich je für eine EM qualifiziert hat. Dank vorzüglicher taktischer Ordnung kann Island ein Stolperstein sein. Auch dank Aushängeschild Gylfi Sigurdsson, Alfred Finnbogason und Basels Birkir Bjarnason. Eidur Gudjohnsen, einst unter anderem bei Barcelona und Chelsea, ist der beste Fussballer der Geschichte Islands – er spielt mit 37 Jahren bei Molde in Norwegen und darf an der EM auch dabei sein.

4. Ungarn* Selbst das mittelmässige Ungarn kann in dieser Gruppe weiterkommen. Der Farbtupfer steht im Tor: Graue-Trainerhosen-Träger Gabor Kiraly, 40 Jahre und bekannt aus der Bundesliga, heute bei Haladas in der Heimat tätig.

Berner Zeitung

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