100'000 im Boccia-Hüsli

Man soll ja vorsichtig sein mit Superlativen. Aber Berner Fussballfans dürfen sich auf die vielleicht beste und reizvollste Super-League-Saison der Geschichte freuen. YB hat prächtige Aussichten, den ersten Meistertitel seit 1986 zu gewinnen.

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Fabian Ruch

YB wird Meister!

YB wird Meister?

«YB wird Meister.» Diese Aussage hört man in Bern ja regelmässig. Seit über einem Jahrzehnt spielen die Young Boys relativ konstant oben in der Super League mit, doch immer haben sie versagt, wenn es um die Verteilung der Titel ging. Manchmal kläglich, manchmal unglücklich, meistens chancenlos, zweimal in einer Finalissima gegen Primus Basel. Und doch heisst es Sommer für Sommer, dass die Young Boys den FCB angreifen, dass sie bereit sind für den nächsten Schritt, dass sie investiert haben.

Am Ende jubelten die Basler. Dreimal in den letzten 10 Jahren auch die Zürcher, nie aber die Berner und ihr zunehmend ratloser, ernüchterter, zugleich romantisch verklärter Anhang.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und jetzt ist die Hoffnung vor dem Saisonstart gross wie vielleicht nie in den letzten 55 Jahren. Aber wer weiss schon, wie die Stimmungslage 1960 war? Seither wurden die stolzen Young Boys einmal(!) Schweizer Meister. Das war 1986 und jährt sich bald zum unrühmlichen Jubiläum. 30 Jahre nach dem Triumph, der nach dem entscheidenden 4:1-Sieg am 24. Mai 1986 auf der Maladière gegen Rivale Xamax im engen Boccia-Hüsli auf dem Gelände des alten Wankdorfs im kleinen Rahmen begossen wurde, wäre die Bühne im nächsten Jahr bei den Feierlichkeiten in der Hauptstadt eine ganz andere.

Und wenn jeder, der behauptet, damals im Lokal der YB-Boccia-Sektion dabei gewesen zu sein, wirklich dabei gewesen war, wäre die Kapazität des Häuschens zehnmal übertroffen worden. Laut Beteiligten feierten damals nicht einmal alle YB-Akteure dort, einige gingen in die Stadt.

Es gibt Leute, die sagen, im nächsten Frühling würden über 100'000 Menschen die Strassen Berns bei einem YB-Meisterzug säumen. Wer erlebt hat, wie die leidgeprüften Berner Anhänger vor 5 und 7 Jahren mitfieberten, als der FC Basel im letzten Saisonspiel stärker war, kann erahnen, wie gross die Titelsehnsucht ist. Und jetzt stehen die Chancen so gut wie lange nicht, dass YB tatsächlich endlich, endlich den 12.Meistertitel erringt.

Natürlich: Basel ist Favorit. Klar: YB ist YB und hat in den letzten Jahren oft eine tolle Ausgangslage vermasselt. Und selbstverständlich: Basel muss, YB kann Meister werden. Und doch muss YB auch ein wenig liefern, im Dreijahresplan des Vereins, 2013 aufgestellt, ist ein Titelgewinn bis 2016 vorgesehen. In der Champions League oder in der Europa League wollen die Stadtberner in dieser Saison für Furore sorgen, im Cup ist der Weg zum Triumph nur sechs Partien lang, aber dieses YB war in den letzten Jahre kein Pokalteam. Stichwort Buochs. Oder Le Mont. Oder Wil. Um nur drei Beispiele peinlicher YB-Cupausrutscher zu nennen.

Also: die Meisterschaft! Basel ist schwächer als letztes Jahr, heisst es, denken viele, sagen die meisten. YB aber ist besser geworden, das Kader klug zusammengestellt, alle Positionen sind doppelt besetzt, die Mischung aus starken Routiniers und begabten Jünglingen passt. Man spürt die Meisterträume in Bern, zuerst waren sie zart, mittlerweile glauben viele daran. Der Druck steigt. Trainer Uli Forte hat deshalb schon mal gesagt, es sei arrogant, den Titel zu fordern, Basel sei zuletzt sechsmal Meister geworden.

Eine halbe Stunde Fahrt von Bern entfernt werkelt der FC Thun in seiner Nische. Bescheiden, beständig, beflissen. Ciriaco Sforza, als Fussballer Weltklasse, ist der neue Trainer, er kann nach den überragenden Resultaten in den letzten Jahren nur verlieren.

Oder nur gewinnen.

Denn viel traut man den Thunern auch diesmal nicht zu. Im Rest der Schweiz. Aber am Donnerstag bestreiten sie in Jerusalem eine Europacuppartie. GC, St.Gallen und Luzern schauen auf kontinentaler Ebene mal wieder nur zu. Thun nicht. Thun spielte sogar in der Champions League, das war vor 10 Jahren, und doch erinnert man sich daran, als sei es gestern gewesen. Mauro Lustrinellis Tore. Die unglückliche Niederlage im Highbury gegen Arsenal. Die Königsklassenhymne im Stade de Suisse. YB hat die Musik des grossen Fussballs nie als Champions-League-Teilnehmer hören dürfen.

Vielleicht ändert sich das schon in einigen Wochen. Der Weg dahin ist beschwerlich, es warten prominente Gegner aus grossen Ligen in der Qualifikation. Das kann aufregend werden. Vielleicht aber müssen die Young Boys noch ein Jahr warten. Der Meister 2016 ist ja direkt für die Champions League qualifiziert, die Berner könnten nach den Millionendefiziten in den letzten Saisons die mindestens 20 Millionen Franken Einnahmen gut gebrauchen.

Das Timing für den YB-Titelgewinn wäre perfekt.

Berner Zeitung

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