Sechs Fragen zur Zukunft der Fifa

Offenlegung der Löhne, Amtszeitbeschränkung oder Integritätschecks für Funktionäre. Welche Reformen braucht der Weltfussballverband?

Mark Pieth versuchte die Fifa zu reformieren. Dies gelang ihm nur teilweise.

Mark Pieth versuchte die Fifa zu reformieren. Dies gelang ihm nur teilweise. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Von 2011 bis 2013 arbeitete Mark Pieth für die Fifa an einem Reformpaket, das den Verband aus den Schlingen von Korruption und Nepotismus hätte befreien sollen. Doch die Vorschläge des Basler Strafrechtsprofessors wurden bloss teilweise umgesetzt, Pieth zog sich zurück.

Für die letzten Monate seiner Amtszeit haben Sepp Blatter und Domenico Scala nun noch einmal weitreichende Veränderungen angekündigt wie Amtszeitbeschränkung, Offenlegung der Löhne oder Integritätschecks für Funktionäre. Ob sie mit ihrem Vorstoss erfolgreich sein können? Sechs Fragen, sechs Antworten.

Was muss in der Fifa passieren, damit die Reformen durchkommen?
Wichtig ist, dass keiner aus der alten Garde die Macht übernimmt. Das Problem der Fifa war nicht Sepp Blatter allein, sondern die Klientelwirtschaft, die unter ihm gepflegt wurde. Kommt einer der bisherigen Spitzenleute an die Macht, bleiben die Systemprobleme ebenso erhalten wie die schlechte Aussendarstellung. Für Mark Pieth steht fest, dass eine erfolgreiche Erneuerung von einer starken Figur an der Spitze ausgehen muss: «Die Fifa ist nicht für Reformen von unten gemacht, es gibt keine Basisdemokratie.»

Ideal wäre für Pieth ein Übergangspräsident, der zwei Jahre lang Reform­arbeit erledigt und dann wieder abtritt. «Es wäre gut, einen zu finden, den vielleicht nicht alle mögen, der aber sauber ist», sagt Pieth, «der Übergangspräsident muss einer aus den eigenen Reihen sein, der aber noch nicht verbrannt ist.»

Zwei Namen passen für Pieth zu dieser Beschreibung: Theo Zwanziger, der ehemalige Präsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB), von 2011 bis 2015 Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, des obersten Entscheidungsorgans der Fifa. Und Wolfgang Niersbach, derzeitiger DFB-Präsident und erst im März ins Exekutivkomitee der Fifa gewählt.

Woran sind bisher die grössten Reformschritte gescheitert?
Zu grossen Teilen am Widerstand der Europäer. Sie hatten Angst, dass Blatter Reformen wie eine Amtszeitbeschränkung oder eine zentrale Integritätsprüfung für neue Fifa-Funktionäre in einem Machtkampf gegen sie verwendet. «Jetzt, da Blatter weg ist, ist alles anders», sagt Pieth, «ein Europäer an der Fifa-Spitze wäre deswegen eine elegante Lösung.»

Sind die Europäer die Garanten für eine Reform?
Nicht alle. Michel Platini, Präsident des europäischen Fussballverbandes Uefa, hat für eine WM in Katar gestimmt und ist damit als Erneuerer unglaubwürdig. Und in Südeuropa ist die Lust auf Veränderungen auch nicht gross, wie Pieth am Beispiel von Ángel María Villar erläutert, dem spanischen Mitglied der Fifa-Exekutive: «Er hat mir persönlich in meiner Zeit bei der Fifa mal gesagt, ich sei ein Trottel. Das nehme ich ihm nicht übel, aber es spricht nicht dafür, dass er ein grosser Freund von Reformen ist.»

Welche Reformen muss die neue Spitze sofort anpacken?
Neben der Amtszeitbeschränkung und einer einheitlichen Integritätsprüfung für Fifa-Funktionäre ist das die Einführung transparenter Verfahren – bei der Präsidentenwahl und der Vergabe von WM-Austragungsorten.

Für Pieth ebenfalls wichtig: Das Geld für Hilfsprojekte sollte jeweils auf fünf Jahre hinaus festgelegt werden: «So kann nicht ein Präsidentschaftskandidat die Entwicklungshilfe als Wahlwerbung missbrauchen, indem er einzelnen Ländern mehr Geld in Aussicht stellt.»

Wäre eine Führung ohne Fifa-Hintergrund möglich? Also eine Technokratenregierung, wie sie Italien wegen der Eurokrise hatte?
Denkbar wäre eine solche Lösung, sie hat aber auf Dauer wenig Chancen. Um Reformen durchsetzen zu können, muss eine neue Führungsfigur innerhalb der Fifa gut vernetzt sein.

Mit Domenico Scala ist seit 2012 ein Mann ohne Fifa-Vergangenheit als unabhängiger Buchprüfer beim Weltfussballverband unterwegs. Ihn nun zu befördern, wäre für Pieth aber der falsche Schritt: «Es wäre nicht gut, wenn die einzige unabhängige Person im Laden zum Präsidenten würde. Es braucht einen Präsidenten, der mit Scala an seiner Seite die Aufräumarbeiten übernimmt.»

Muss das Wahlsystem geändert werden, bei dem eine kleine Nation wie Andorra gleich viel Einfluss hat wie das Fussballschwergewicht England?
Dass jeder Mitgliedsverband bei der Präsidentenwahl eine Stimme hat, hat geholfen, das «System Blatter» aufzubauen, bei dem mit offiziellen Unterstützungszahlungen aus der Fifa-Zentrale an kleine Nationen Abhängigkeiten geschaffen werden. Doch wie sähe die Alternative aus? Mehr Macht für Nationen mit mehr Fussballern, mehr Stimmen für Nationen mit grosser Bevölkerung, mehr Gewicht für teure TV-Verträge?

Denkbar wäre eine Organisationsform ähnlich dem UNO-Sicherheitsrat mit einem Vetorecht für Fussballschwergewichte. Das Beispiel der Vereinten Nationen zeigt aber auch, welche Risiken ein solches Vetorecht mit sich bringt, bei dem einzelne Nationen wichtige Beschlüsse verhindern können. (fra.)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2015, 08:30 Uhr

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