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«Angst ist ein Geschenk der Natur»

Witali Klitschko, WBC-Weltmeister im Schwergewicht, spricht im Interview über Gegner Kevin Johnson, die Angst vor dem Verlieren, die Beziehung zu seinem Bruder Wladimir und auch über Niederlagen im Sport und in der Politik.

Schwergewicht Boxweltmeister Witali Klitschko während einem Interview im Hotel Allegro.
Schwergewicht Boxweltmeister Witali Klitschko während einem Interview im Hotel Allegro.
Christian Pfander

Sie setzen in Bern gegen den Amerikaner Kevin Johnson den WM-Titel im Schwergewicht aufs Spiel. Weshalb muss man am 12. Dezember in die PostFinance-Arena kommen? Witali Klitschko: Weil die Zuschauer einen unvergesslichen Tag mit vielen Emotionen erleben werden. Ich rate den Leuten, keine Sekunde zu verpassen, sonst verpassen sie vielleicht das Entscheidende. Sie haben schon 37 Mal vorzeitig gewonnen. Streben Sie stets den K.o. an? Wenn einer am Boden liegt, stellt sich die Frage nach dem Sieger nicht. Letzte Woche wurde an der Pressekonferenz ein kurzer Film mit den Höhepunkten aus den letzten Kämpfen von Ihrem Bruder und Ihnen gezeigt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, welch brutale Schläge Sie austeilen? RTL hat bei diesem Zusammenschnitt gute Arbeit geleistet – ich bekam selber eine Gänsehaut. Wenn ich ein Klitschko-Gegner wäre, hätte ich nun weiche Knie (lacht).

Haben diese Szenen Ihren Herausforderer Kevin Johnson ebenfalls beeindruckt? Ich denke nicht; ich habe ihn als sehr selbstbewusst empfunden. Er ist kein kleiner Junge mehr, sondern erwachsen. Und er ist ein starker Boxer mit ansehnlicher Erfahrung. Er wirkt sehr souverän.

Haben Sie manchmal Mitleid mit Ihren Widersachern? Im Ring nie, nach einem Kampf ist es schon vorgekommen. Normalerweise ist kein Mitleid angebracht. Boxen ist eine ernste Sache, und beide wissen, worauf sie sich einlassen.

Sie sind ein freundlicher, besonnener, intelligenter Mann. Müssen Sie die Persönlichkeit wechseln, wenn Sie in den Ring steigen und zum Krieger werden? Was meinen Sie damit?

Sind Sie im Ring ein anderer Mensch als ausserhalb? Nein, es gibt mich nicht in zwei- oder dreifacher Ausführung. Ich bin immer der gleiche Witali Klitschko. Aber wenn ich im Ring herausgefordert werde, muss ich meine Stärke zeigen – ich habe gar keine andere Wahl.

Profiboxen ist auf Ihrem Niveau jeweils mit einer pompösen Show verbunden. Können Sie beschreiben, was Sie empfinden, wenn Sie bei lauter Musik in eine volle Arena einmarschieren? Ich höre die Musik nicht, ich sehe die Halle nicht. In diesem Moment schalte ich völlig ab, nehme ich nichts wahr. Nach dem Kampf sehe ich dann, wie viele Leute es hat, wie gut die Stimmung ist. Vorher gibt es in der Arena für mich nur einen einzigen Menschen, und das ist mein Gegner. Was spüren Sie beim Einmarsch? Ich bin nervös, aber wenn ich über die Ringseile steige, bleibt die Nervosität draussen.

Hat auch ein Boxchampion wie Sie manchmal Angst? Ich fürchte mich davor, mich zu verletzen, mein Team im Stich zu lassen und meine Fans zu enttäuschen. Ich habe riesige Angst, den Kampf zu verlieren, aber ich habe nie Angst vor meinem Gegner.

Und was bewirkt die Angst? Angst motiviert. Angst ist ein Geschenk der Natur. Sie bringt Adrenalin, sie bringt Motivation, und sie hilft mir, mich noch besser zu konzentrieren. Angst ist wie ein Gift – sie kann töten, aber auch helfen. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.

Sie sind Familienvater; dürfen Ihre drei Kinder Ihnen beim Boxen zusehen? Nein.

Auch nicht am Fernsehen? Nein, sie sind noch zu klein.

Welches ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Profiboxer haben muss? Das ist eine schwierige Frage (überlegt). In Sprichwörtern steckt viel Weisheit, deshalb sage ich: ohne Fleiss kein Preis.

Viele Boxer machen ihren Gegner vor dem Fight klein, Sie hingegen haben Kevin Johnson starkgeredet. War das eine PR-Massnahme? Schauen Sie sich seinen Kampfrekord an, Kevin hat noch nie verloren. Er ist jung, willig, selbstbewusst. Ich habe in seine Augen gesehen – er will unbedingt gewinnen. Er ist stark, aber ich will beweisen, dass er noch nicht stark genug ist. Das Schlimmste, was man machen kann, ist, einen Gegner zu unterschätzen. Das werde ich niemals tun. Wir sprechen vom Schwergewichtsboxen: Jeder wiegt über hundert Kilo, jeder Schlag kann entscheiden. Wenn du eine Hundertstelsekunde nicht aufpasst, ist der Kampf womöglich vorbei.

Im Boxsport ist vor den Kämpfen Trash-Talk üblich. David Haye hat Sie zum Beispiel schwer beleidigt, Francois Botha stülpte letzte Woche an einer Pressekonferenz Pappfiguren, die Sie und Ihren Bruder zeigen, Perücken über und sprach von den «Klitschko-Schwestern». Was halten Sie von solchen Aktionen? Das sind Boxer, denen die sportliche Qualität fehlt, um sich durch Leistung in den Vordergrund zu schieben. Sie versuchen daher auf diese Art, sich ins Gespräch zu bringen. Botha hat offensichtlich vergessen, dass er gegen Wladimir schon heftige Prügel bezogen hat. Mein Bruder und ich lassen uns nicht auf dieses Niveau hinunter – wir präsentieren uns durch sportliche Leistungen.

Die Experten sind sich uneinig darüber, wer von den Klitschko-Brüdern der stärkere Boxer ist. Wissen Sie es? Ich habe eine Doktorarbeit zum Thema «Sportbegabung und Talentförderung» verfasst und kann Ihnen sagen, dass Wladimir mehr Talent hat als ich. Fünf Jahre nachdem er mit Boxen begonnen hatte, wurde er schon Olympiasieger. Und schon in jungen Jahren holte er bei den Profis den WM-Titel im Schwergewicht. Wladimir ist viel besser als ich. Ich habe auch meine Stärken, aber bezüglich der Technik und der Bewegungsabläufe ist er mir klar überlegen.

Der Schweizer Boxkenner und WBC-Vertreter Peter Stucki sagt, Sie seien taktisch und mental besser als ihr Bruder. Wenn das so ist, dann nur weil ich über deutlich mehr Erfahrung verfüge. Sie haben stets gesagt, Sie würden nie gegen Ihren Bruder antreten. Haben Sie in jungen Jahren manchmal zusammen gerauft? Nein. Ich bin fünf Jahre älter, und Wladimir war schlau genug, mich nie herauszufordern. Als er fünf und ich zehn war, hätte er gegen mich sowieso keine Chance gehabt (lacht). Heute will ich nicht mehr gegen ihn antreten; er ist einfach viel zu stark, zu gefährlich.

Gibt es andere Sportarten, in denen Sie sich mit Ihrem Bruder messen? Aber sicher, wir duellieren uns zum Beispiel auf dem Schachbrett, beim Schwimmen oder im Tischtennis. Wir beide geniessen den fairen sportlichen Wettstreit unter Brüdern.

Wer gewinnt in welchen Sportarten? Es ist interessant; wir sind überall fast gleich gut. Manchmal gewinnt er, manchmal gewinne ich.

Woher kommt die extrem starke Bindung zu Ihrem Bruder? Mein Vater war Luftwaffenoffizier und viel unterwegs, und auch meine Mutter arbeitete. Ich passte daher oft auf ihn auf und trug die Verantwortung. Ich war für Wladimir wie Mutter und Vater in einer Person, daher rührt das enge Verhältnis, das bis heute Bestand hat.

Sie sind immer dabei, wenn Ihr Bruder boxt. Sind Sie jeweils nervös? Und wie. Es ist für mich viel schwieriger, ihm zuzuschauen, als selber zu kämpfen. Er ist bisher drei Mal schwer k.o. gegangen. Was empfanden Sie in diesen Momenten? Es war schlimm für mich, sehr schmerzhaft.

Von wegen schmerzhaft. Welche Niederlage war für Sie schlimmer, jene im Ring gegen den Briten Lennox Lewis oder jene bei den Bürgermeisterwahlen in Kiew? Es gibt keinen Menschen, der immer nur gewinnt. Niederlagen brechen einen Mann, oder sie machen ihn noch stärker. Nach dem Kampf gegen Lennox Lewis bin ich noch stärker zurückgekommen und habe bewiesen, dass ich im Ring wirklich jeden schlagen kann. Meine Stärke war der Grund für Lewis’ Rücktritt. Das Gleiche gilt für die Bürgermeisterwahl – ich habe aus meinen Fehlern gelernt und werde mein Ziel noch erreichen. Ich verlor übrigens meinen allerersten Boxkampf als Amateur, doch dieses Negativerlebnis diente mir als Ansporn – ich wollte beweisen, dass ich es besser kann. Auch die Niederlagen in der Politik motivieren mich sehr.

Sie bekämpfen in Ihrem Heimatland die Korruption. Weshalb ist dies für Sie ein grosses Anliegen? Ich beschäftige mich intensiv mit diesem Thema, weil die Korruption in meiner Heimat ein grosses Übel ist. Die Ukraine muss ein europäisches Land werden, und zwar nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich und bezüglich Lebensstandard. Stimmt es, dass Weltklasse-Schachspieler Wladimir Kramnik zu Ihren Freunden zählt? Ja, das stimmt.

Haben Sie gegen ihn schon einmal gesiegt oder zumindest ein Remis herausgeholt? Ja, es gab schon ein Unentschieden. Er agierte mit seinen Figuren extrem aggressiv, dann sagte ich: «Wladimir, wenn du so mit mir spielen willst, muss ich dich zwecks Revanche zwingen, gegen mich zu boxen.» Und siehe da: Er hat mir sofort ein Remis angeboten (lacht).

Sie haben, wie schon erwähnt, in Ihrer Doktorarbeit die Talentförderung im Sport thematisiert. Werden nun Ihre Kinder Spitzensportler? Nein, ich denke nicht. Sie haben kein Talent für den Sport, genau wie ich. Ich habe meine Fähigkeiten durch harte Arbeit entwickelt. Sollte eines meiner Kinder den Wunsch hegen, intensiv Sport zu treiben, werde ich es nach Kräften unterstützen. Aber ich hoffe, dass keines Boxer werden will.

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