«Ich mache mir Sorgen um die Super League»

YB-CEO Ilja Kaenzig spricht Klartext über die Fangewalt und die Probleme in der Liga, über Sion und Xamax, über den Saisonstart und die Arbeit in Bern – und über den Naturrasen, der schon bald im Stade de Suisse verlegt wird.

Die Botschaft, die der neue Trainerstab vermittelt, ist bei den YB-Spielern in den Köpfen angekommen»: YB-Chef Ilja Kaenzig in seinem Büro im Stade de Suisse.

Die Botschaft, die der neue Trainerstab vermittelt, ist bei den YB-Spielern in den Köpfen angekommen»: YB-Chef Ilja Kaenzig in seinem Büro im Stade de Suisse.

(Bild: Beat Mathys)

Fabian Ruch

Randalierende Anhänger vom FCZ und von GC sorgten am Sonntag für einen Spielabbruch des Zürcher Derbys. Was denken Sie über diesen Vorfall?
Ilja Kaenzig: Es ist unfassbar, was im Letzigrund geschehen ist. Das darf in einem Fifa-Stadion niemals passieren. Diese Leute liefen einfach durchs Stadion! Ungehindert! Bei einem Hochrisikospiel! Da ist wohl bei der Sicherheit nicht so gut aufgepasst worden. Und es regt mich fürchterlich auf, wenn ich höre, dass die meisten Randalierer nicht erwischt wurden. Wissen Sie, wie viele Leute verhaftet wurden?

Vier.
Vier Leute! In Deutschland wären vermutlich alle verhaftet worden. Und sie würden jahrelang kein Stadion von innen sehen.

Will ein Chaot randalieren oder Pyros abfackeln, kann man ihn nicht immer daran hindern.
Aber man muss alles, wirklich alles unternehmen, damit es nicht zu solchen Szenen kommt. Diese Thematik ist sehr komplex, sonst hätte man längst eine Lösung gefunden. Das Problem nicht erkannt hat, wer alles auf die Vereine abwälzt. Das ist sehr heuchlerisch und populistisch. Zudem laufen auch bei anderen Anlässen Leute mit Kapuzen rum und haben zwei Ziele: Gewalt anwenden und Sachschaden anrichten.

Härter anfassen könnte man die Randalierer aber schon.
Zweifellos, das ist aber auch eine Frage der Mittel und der Gesetzgebung. Als der FCZ kürzlich Fotos von pöbelnden Fans im Internet veröffentlichte, wurden diese bald identifiziert. Kurz darauf meldete sich der Datenschutzbeauftragte beim FCZ, und zu Ende war die gute Idee, die Täter zu finden und zu bestrafen. So läuft das in der Schweiz. Im Ausland rückt die Polizei zudem mit einem anderen, viel grösseren Aufgebot zu Fussballspielen an. Das ist natürlich sehr teuer – und geht in den anderen Ländern übrigens niemals auf Kosten der Vereine.

Warum ist das hier anders?
Fussball ist in den meisten Ländern ein etablierter, sehr wichtiger Teil der Unterhaltungsbranche. Der volkswirtschaftliche Nutzen für Städte und Regionen ist aber auch in der Schweiz riesig, viel grösser als in der Kultur. Wir wollen nicht subventioniert werden, aber man sollte alles mit Augenmass beurteilen. Zudem geben wir bei YB bereits 3 Millionen Franken im Jahr für die Sicherheit aus. Das ist nicht wenig.

Sie ärgern sich sehr...
... ja, die Diskussion entwickelt sich falsch, alle Beteiligten sollten besser zusammenarbeiten. Denn das Problem sind jene Fans, und nur jene Fans, die sich alles erlauben und teilweise wie Kriminelle auftreten. Sie stellen das gute Verhalten der grossen Mehrheit der Anhänger, unsere gemeinsame Arbeit und die Erfolge in Sicherheitsfragen sowie den Dialog infrage. Bei YB haben wir diesbezüglich viel erreicht.

Und wie fällt Ihre sportliche Bilanz nach 11 Runden aus...
... nach 11 Runden ist für uns nicht der Zeitpunkt gekommen, um Bilanz zu ziehen

... immerhin findet jetzt drei Wochen keine Ligapartie statt...
... aber wir ziehen Ende Saison Bilanz. Es ist schön, konnten wir nach dem holprigen Saisonstart und dem unglücklichen Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation gegen Braga mit vier Siegen eine Miniserie starten. Der Erfolg in Lausanne vor drei Wochen war entscheidend. Hätten wir da verloren, wären die Schlagzeilen unangenehm und die Unruhe gross gewesen.

Nach dem 1:0-Sieg gegen Luzern am Sonntag hat YB den Anschluss zum Leader hergestellt.
Das ist erfreulich. Aber noch einmal: Abgerechnet wird Ende Saison. Die Erwartungen an uns sind enorm, ein YB-Erfolg gegen Luzern ist für viele normal. Und wir haben ja selber sehr hohe Ziele.

Wie beurteilen Sie die bisherigen Leistungen der Spieler?
Es ist nicht an mir, Einzelkritik zu üben. Wir haben im sportlichen Bereich mit dem Technischen Direktor Hansruedi Hasler und dem Trainer Christian Gross kompetente Führungskräfte.

Unter Gross spielt der BSC Young Boys pragmatischer als unter Vladimir Petkovic.
Ja, es ist eine umfassende Kulturänderung, die sich Schritt für Schritt auszahlt. Aber wir sind noch lange nicht am Ende. Gross arbeitet hart und zielgerichtet, er weiss genau, was er tut, er lässt sich nicht beirren, er ist ein Fels in der Brandung. Und ich denke, die Botschaft, die der neue Trainerstab vermittelt, ist bei den YB-Spielern in den Köpfen angekommen. Sie treten anders, bewusster, fokussierter auf.

Wie meinen Sie das?
Ich habe das Gefühl, die Spieler glauben fest daran, was sie sagen. Auch früher erklärten sie, das Ziel sei der Titel. Heute wirken die Aussagen ehrlicher, sie kommen aus tiefster Überzeugung. Das zu beobachten, ist schön.

Sind in der Winterpause keine grossen Transfers zu erwarten?
Vielleicht flattert ein Wahnsinnsangebot herein. Und vielleicht will uns ein unzufriedener Akteur verlassen. Wir sind von der Breite her exzellent besetzt und haben gute und junge Spieler, die auf Einsätze brennen. Grundsätzlich holen wir nur einen Spieler, der uns enorm verstärkt... ... einen kräftigen, torgefährlichen Stürmer...
(lacht) einen Stürmer, der uns besser macht. Die Winterpause ist aus finanziellen Gründen ein guter Zeitpunkt, weil für uns eine neue Rechnungsperiode beginnt.

Also darf man doch wieder wie bereits im letzten Januar mit einem Zuzug vom Kaliber Alexander Farneruds rechnen?
Farnerud war ein aussergewöhnlich guter Transfer. Und ja, das war so ein Vorgriff auf die nächste Saison. Unsere Scoutingabteilung hat einige interessante Spieler herausgefiltert. Mal schauen, was sich realisieren lässt.

Liegt finanziell überhaupt etwas drin? Man hört, dass YB nur dank den Verkäufen im Sommer von Thierry Doubai, Senad Lulic und Henri Bienvenu, die rund 13 Millionen Franken einbrachten, nun nicht ein erhebliches Defizit fürs Jahr 2011 aufweist.
Ja, ja, man hört viel. Ich darf und will nichts zu unserer finanziellen Situation sagen, das halten wir immer so. Aber es geht uns nicht schlecht. Doch wir müssen mehr Einnahmen ausserhalb des Sportbereichs generieren.

Verwaltungsratspräsident Benno Oertig sprach in dieser Zeitung vor kurzem von einem Dach über dem Stade de Suisse, von Boxkämpfen, Eishockeyspielen, TV-Shows in der Arena.
Es gibt viele gute Ideen, die wir auf ihre Realisierbarkeit prüfen. Das Dach wird in naher Zukunft nicht möglich sein, es ist enorm teuer. Aber wir müssen mehr Veranstaltungen im Stadion haben, mehr Konzerte, Aktivitäten im Winter, der Businessbereich kann besser ausgelastet werden. Und weil es bezüglich Stadion einige heikle Dossiers hat, konnte ich mich in den letzten Wochen weniger als gewünscht um den Fussball kümmern. Aber das läuft ja nun gut, da muss ich mich nicht immer bei den Spielern zeigen.

Das tönt alles sehr stressig.
Nein, nicht stressig, eher intensiv. Seit meinem Amtsantritt im August 2010 hatte ich mich fast nur um sportliche Dinge gekümmert, und ich glaube, es ist uns gelungen, vieles zu verändern und zu verbessern. Und zwar überall, auch im Nachwuchs, bei der Spielersuche. Jetzt müssen wir in allen Bereichen diesen Level erreichen.

Es wird sehr stark gemunkelt, ab Februar liege im Stade de Suisse wieder ein Naturrasen. Können Sie das bestätigen?
(schmunzelt) Es ist ja wirklich kein Geheimnis, dass wir und Trainer Christian Gross so schnell wie möglich wieder einen Naturrasen möchten.

Also dürfen wir schreiben: Naturrasen wird im Januar verlegt?
Kommuniziert ist das noch nicht.


Aber entschieden ist es?
(schmunzelt erneut) Sagen wir es so: Es sieht gut aus.

Das hört sich wie eine Bestätigung an. In diesem Fall wissen Sie schon, wo Sie das YB-Trainingsgelände errichten werden?
Dieses Dossier ist auch kompliziert, die Fussballplatzproblematik in Bern ist eine traurige Geschichte. Von einem Trainingsgelände kann man eh nicht sprechen. Immerhin: Wir werden genügend Plätze haben, um mit allen Teams trainieren zu können.

Ausgerechnet in dieser hektischen Zeit hat Stadionchef Thomas Gurtner nach bloss fünf Monaten wieder gekündigt. Wie schmerzhaft ist dieser Abgang?
Es ist logischerweise schade. Wir werden eine Person finden, die Thomas Gurtner ersetzt, haben aber einige Monate verloren.

Sind Sie von Gurtner enttäuscht?
Nein, er ist konsequent, das schätze ich eigentlich. Es bringt ja nichts, wenn er sich nicht wohl fühlt. Doch es ist mühsam, jetzt wieder einen neuen Stadionchef suchen zu müssen. Das ist ein anspruchsvoller Job, für den es nicht viele Fachkräfte gibt, da er erst seit wenigen Jahren und nur in wenigen Städten existiert.

Sie wirken nicht euphorisch oder begeistert, eher nüchtern und professionell. Hätten Sie gedacht, dass es in Bern derart turbulent und spektakulär wird?
Ich wusste, was man von mir erwartet, das ist deutlich kommuniziert worden. Und es ist jetzt eben einfach nicht die Zeit, um euphorisch zu sein. Das bin ich dann gerne Ende Saison im Mai 2012. In zwei Wochen können meine Familie und ich endlich ein eigenes Zuhause in Bern beziehen. Machen Sie sich keine Sorge, mir geht es gut, es gefällt mir bei YB.


Gefällt Ihnen auch die allgemeine Entwicklung in der Liga?
Ja, sehr, wenn ich die Zuschauerzahlen, die Begeisterung und das Interesse sehe. Aber: Ich mache mir Sorgen um die Super League. Nicht nur wegen der Probleme mit einigen Anhängern.

Beginnen wir mit Sion und mit dem unberechenbaren Präsidenten Christian Constantin.
Der «Fall CC» ist eine grosse Belastung. Constantin mag sich ja im Recht fühlen und dafür kämpfen. Aber es geht nicht, dass er alle anderen Teams, die Liga und den gesamten Schweizer Fussball in dieses Schlamassel reinzieht. Das ist eine Katastrophe.

Die Entwicklung bei Xamax ist noch viel schlimmer.
Das ist eine Tragödie. Keiner weiss, was Bulat Tschagajew mit Xamax vorhat und ob er überhaupt Geld hat oder nicht doch bloss ein Hochstapler ist. Ich hoffe es nicht. Aber solche Geschichten gehen selten gut aus, leider.

Glauben Sie, Xamax spielt die Saison zu Ende?
Kein Kommentar.

Das ist ein klarer Kommentar.
Das ist Interpretationssache. Und genau weiss das ja keiner, auch die Liga erhält keinen Einblick in die Vorgänge. Das sind alles sehr betrübliche Dinge.

Wie meinen Sie das konkret?
Schweizer Klubfussball ist kaum über längere Zeit nur mit eigenen Mitteln zu finanzieren. Es gibt die Champions League oder Spielerverkäufe, um ausserordentliche Einnahmen zu tätigen. Aber die Zukunft der Super-League-Vereine liegt in den Händen einiger vermögender Herren. Diese lassen zwar kaum grössere Vereine wie Basel, Zürich, YB oder auch GC fallen. Aber was passiert mit Sion, wenn Besitzer Christian Constantin keine Lust mehr hat? Was mit Servette, wenn der iranische Präsident Majid Pishyar nicht mehr will? Und was ist mit Xamax? Lausanne und GC kämpfen auch mit erheblichen Finanzproblemen. Immerhin sind Luzern und Thun relativ stabil.

Das Schicksal der anderen Vereine könnte Ihnen doch egal sein.
Natürlich gibt es Basel und YB, aber wir brauchen Gegner, gute Gegner. Wenn in der Bundesliga zwei, drei Vereine Konkurs machen würden, wäre das kein grosser Stress, dann rückten mit Frankfurt, Düsseldorf, Dresden oder 1860 München Traditionsvereine aus Grossstädten nach. In der Schweiz gibt es diesen Wettbewerb nicht. Aber ich glaube, die Super League ist dennoch ein hervorragendes Produkt. Man muss es nur besser vermarkten, präsentieren, führen. Und wissen Sie was? Wir schaffen das!

Deshalb wollen sich Basels zukünftiger Präsident Bernhard Heusler, Luzerns Präsident Walter Stierli und Sie Ende November ins Liga-Komitee wählen lassen?
Ja, das ist unsere Idee. Aber man muss uns wollen, sonst bringt das nichts. Es wird keine Kampfwahl geben. Der FCB hat ja vor drei Jahren seinen Vertreter Georg Heitz nicht durchgebracht, das geht eigentlich nicht. Basel, YB und Luzern haben keinen Sitz im Komitee, sind aber die drei besten Teams. Wir möchten mitentscheiden, es gibt wichtige Dinge zu regeln, die uns betreffen. Also müssen da Leute mit Praxiserfahrung sein, die wissen, um was es geht. Es reden aber Personen mit, die uns gar nicht kennen. Und wir haben weitere Projekte.

Nämlich?
Es braucht eine Interessengemeinschaft mit Vertretern der Klubs und Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Politik und Medien sowie mit Firmen, die helfen, den Schweizer Fussball weiterzuentwickeln.

Und wer wird Ligapräsident?
Das weiss ich nicht. Heinrich Schifferle, der oft als neuer Präsident genannt wird, hat nicht bekannt gegeben, ob er kandidiert. Das ist ein 50-Prozent-Mandant, aber mit einem Arbeitsaufwand von über 100 Prozent. Und dann droht noch die Abwahl. Thomas Grimm hat das ja erlebt, er tritt nicht mehr an. Man benötigt ein dickes Fell für diesen Posten. Im Prinzip müsste ein ausgewiesener Experte mit viel Zeit diesen Job ausüben. Es geht in den nächsten Monaten um sehr viel für die Liga, zum Beispiel um eine bessere Vermarktung und eine Einigung mit dem Schweizer Fernsehen. Auch diese Brennpunkte müssen jetzt zügig und gut gelöst werden.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...