Im Doppelpack erfolgreich

Am Schweizer Frauenlauf in Bern stehen am Sonntag die schnellsten Marathonzwillinge der Welt an der Startlinie. Anna und Lisa Hahner sind die Hoffnungsträgerinnen im deutschen Langstreckenlauf.

Erste Gratulantin: Nach dem Marathon-Weltrekord für Zwillinge in Frankfurt nehmen sich Anna (links) und Lisa Hahner in die Arme. Damit man die Twins unterscheiden kann: Anna Hahner (rechts) trägt Ohrringe.

Erste Gratulantin: Nach dem Marathon-Weltrekord für Zwillinge in Frankfurt nehmen sich Anna (links) und Lisa Hahner in die Arme. Damit man die Twins unterscheiden kann: Anna Hahner (rechts) trägt Ohrringe.

(Bild: Imago)

Sollten am Schweizer Frauenlauf in Bern die gleichaltrigen Schwestern Anna und Lisa Hahner Seite an Seite laufen, achten Sie auf die funkelnden Ohrringe. Die gehören Anna. Die deutschen Zwillinge sind sonst fast nicht zu unterscheiden. Sie sind die schnellsten Marathontwins der Welt. Seit einem Jahr halten sie den Weltrekord auf der 42,195 Kilometer langen Strecke. Die aufaddierte Zeit: 4:58,12 Stunden.

Schwester statt Spiegelbild

Als die gegenwärtig verletzte Berner Langstreckenläuferin Céline Hauert im vergangenen Jahr nach dem Hamburg-Marathon Lisa Hahner gratulieren wollte, schüttelte sie Anna die Hand. Dass Anna damals wegen eines Ermüdungsbruchs im Fuss einen Gips trug und an der Alster gar nicht gelaufen war, bemerkte Hauert erst im Nachhinein. Eine witzige Anekdote erzählt Anna Hahner: «Im Berliner Hotel Park Inn hatte es im Zimmer eine offene Dusche mit einer Glasscheibe. Als ich auf der anderen Seite meine Schwester erblickte, meinte ich erst, sie sei mein Spiegelbild. Das war schon krass.» Berner Fans können mit einem Trick die Verwechslung verhindern: Offerieren Sie den beiden Läuferinnen Ovoschoggi – wer gleich zuschnappt, muss Lisa sein. «Ich liebe diese Schokolade über alles.»

Die 24 Jahre alten Zwillinge aus Gengenbach im Schwarzwald gehören am Sonntag (Start um 11.30 Uhr in der Monbijoustrasse) nicht zum engsten Kreis der Favoritinnen. Die 5 Kilometer lange Strecke mit Ziel auf dem Bundesplatz ist wohl zu kurz für die Ausdauersportlerinnen. Lisa Hahner sagt: «Nach meiner Entzündung der Plantarsehne habe ich das Training erst vor einer Woche wiederaufgenommen. Ich möchte in Bern Wettkampfluft schnuppern.» Ihre 16 Minuten ältere Schwester meint: «Ich will Spass haben und schnell laufen. 5 Kilometer sind aber schon extrem kurz.» Dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihr und ihrer Schwester geben könnte, glaubt Lisa nicht: «Wir würden jedenfalls nicht Hand in Hand durchs Ziel laufen, sondern den Wettkampf bis zur letzten Sekunde ausfighten. Aber Anna ist besser in Form.»

Verzicht auf die EM in Zürich

Die professionell trainierenden Hahner-Zwillinge – Anna hat den Bachelorabschluss in Theologie und Französisch, Lisa in Mathematik und Französisch – verzichten trotz zum Teil erfüllter Normen auf die Teilnahme an den kontinentalen Titelkämpfen Mitte August in Zürich. Lisa Hahner sagte wegen ihrer Verletzung ab; Anna Hahner, im vergangenen April Siegerin des Wien-Marathons, lässt die EM aus organisatorischen und finanziellen Gründen sausen. Ihr wurden im vergangenen Herbst die Zuschüsse aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr gestrichen, weil sie keinen dem Deutschen Leichtathletikverband (DLV) nahestehenden Trainer gehabt habe.

Seit dem Rauswurf ist das Verhältnis zum DLV abgekühlt. Die Hahner-Twins vermarkten sich mithilfe von Manager Thomas Dold gewissermassen selbst. Der Start an einem Herbstmarathon ist für die Zwillinge wegen der Antrittsgage und der höheren Preisgelder lukrativer als ein Einsatz an der Europameisterschaft. Anna Hahner sagt: «Eigentlich würde ich gerne in Zürich laufen. Ein Start bei der EM bringt einen unschätzbaren emotionalen Mehrwert. Aber ich muss auch ökonomisch denken. Miete und Krankenversicherung lassen sich dadurch nicht bezahlen.» Aus physischen Gründen schaffen es die Zwillinge nicht, mehr als zwei Marathonläufe pro Jahr vorzubereiten. Anna und Lisa Hahners grosses Ziel sind die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

Schreckmoment in Kenia

Anna und Lisa Hahner haben sich heuer im kenianischen Hochland vorbereitet. Einen Monat lang feilten sie im Läufereldorado Iten, auf 2400 Metern über Meer gelegen, an ihrer Form. Als Trainingspartnerin fungierte dort auch die Bernerin Maja Neuenschwander. «Sie jagte uns während eines Dauerlaufs einen Schrecken ein», erzählt Lisa Hahner. «Maja stürzte mit dem Kopf voran auf den Boden. Sie lag da wie ein Skeletonfahrer. Als sie wieder Luft bekam, sagte sie nur: ‹Los, weiter gehts!›»

Entspannen können sich Anna und Lisa Hahner am besten beim Kochen in der eigenen WG. Die Bauerntöchter probieren gerne etwas Neues aus. Auf ihrer Website (www.hahnertwins.com) präsentieren sie eigene Rezeptkreationen zum Nachkochen. Maja Neuenschwander verrät: «In Kenia haben mich die Zwillinge immer wieder auf interessante Gerichte aufmerksam gemacht.» In einem Restaurant in Iten gibts den «Anna-Shake», einen Mango-Milch-Drink mit einer Kugel Vanilleeis, serviert mit einem Strohhalm. Köstlich.

Musik von Coldplay in Bern

Anna Hahner hat bisher vier Marathons absolviert – ihre Bestzeit liegt bei 2:27,55 Stunden. Lisa Hahner hat drei Ausdauerprüfungen bestritten, die Bestzeit: 2:30,17. Wenn die Zwillinge so lange unterwegs sind, teilen sie die Strecke in 7-Kilometer-Etappen ein, jede Etappe ist mit einem Lied verbunden. «Im Kopf erstellen wir uns dann eine Playlist, die wir entsprechend abrufen. In Bern wird das schwieriger», sagt Anna Hahner und lacht.

«In Bern werden wir uns an der Startlinie mit dem Ohrwurm ‹Magic› von Coldplay in Stimmung bringen.» Angetan sind die Twins auch von der Musik der Kelly Family. Bandleader und Extremsportler Joey Kelly war es, der bei den Hahner-Schwestern vor 7 Jahren mit seinem Vortrag die Neugier für den Laufsport geweckt hatte. Kelly gratuliert den aufgeweckten und sympathischen Sportlerinnen jeweils per SMS zu ihren Erfolgen oder ruft persönlich an. Vielleicht auch am Sonntag.

Berner Zeitung

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