Albtraum Rasenschuhe

In Wimbledon kam es heuer zur Rekordzahl von Aufgaben – und fast hätte es den Geheimfavoriten auch noch erwischt. Was steckt dahinter?

Juan Martin Del Potro, der «Turm von Tandil», stürzte schon zweimal schwer, musste aber zumindest nicht aufgeben und steht heute im Halbfinal.

Juan Martin Del Potro, der «Turm von Tandil», stürzte schon zweimal schwer, musste aber zumindest nicht aufgeben und steht heute im Halbfinal.

(Bild: Keystone)

René Stauffer@staffsky

Es wäre der 14. verletzungsbedingte Abgang gewesen, ein trauriger Rekord: Juan Martin Del Potro überdehnte das bereits dick eingebundene linke Knie, krachte auf den Rasen, musste schon im ersten Game seines Viertelfinals intensiv behandelt werden und dachte ans Aufgeben. Claus Marten, seit über 30 Jahren Tennisfachmann bei Adidas, überrascht derlei nicht. «Es ist jedes Jahr das Gleiche: Wenn das Wetter feucht ist wie in der ersten Woche, dann rutschst du einfach. Einige mehr, andere weniger.»

Das Problem dabei: Auf Sand- und Hartplätzen ist dieses Rutschen kontrollierbar, auf Rasen dagegen unberechenbar. Gelegentlich rutscht man zu weit, dann wieder gar nicht, je nach Zustand von Rasen, Lauftechnik und Schuhen. Deren Normen sind in Wimbledon bis auf den Viertelmillimeter definiert. Pro 6,45 cm2 Sohlenfläche dürfen sie zwischen 18 und 32 Noppen aufweisen, abhängig vom Durchmesser, der zwischen 2 und 3 Millimeter betragen muss. Die Höhe (2 mm), Härte und der Winkel zur Sohle sind ebenso akribisch vorgegeben.

«Einige Hersteller wollten die Noppen auf der Seite der Sohlen weiter nach oben ziehen, um den Spielern mehr Halt zu geben», sagt Marten, sie seien damit aber nicht durchgekommen. Denn hier gibt es einen klassischen Interessenkonflikt: Je mehr Halt ein Schuh bietet, desto mehr schadet er dem Rasen. «Aggressivere Schuhe würden den Rasen zerfetzen und könnten die Verletzungsgefahr erhöhen», weiss Marten. Im vergangenen Sommer, als kurz nach dem Grand-Slam-Turnier in Wimbledon auch um Olympiagold gespielt wurde, gab es die Absicht vonseiten der Hausherren, die Schuhregeln zu verschärfen, damit der Rasen die Doppelbelastung besser verkraften würde. Der Widerstand der Spieler und Schuhhersteller war aber gross, alles blieb beim Alten.

«Es kostet ein Heidengeld»

«Rasenschuhe sind für uns alle ein Albtraum», sagt Marten. «Wir investieren viel Geld in die Entwicklung, obwohl sich letztlich doch nichts ändert. Es gibt keinen kommerziellen Markt dafür, kostet aber ein Heidengeld, passende Schuhe in so kleiner Stückzahl herzustellen. Aber wir sind ja vertraglich dazu verpflichtet, den Spielern adäquate Schuhe zu liefern.» Dabei könnten es die Produzenten ohnehin fast niemandem recht machen: «Ein Djokovic bräuchte manchmal für einen einzigen Ballwechsel drei verschiedene Schuhe.» Der Serbe verfügt wohl über die beste Laufarbeit aller. «Ich bin zwar auch schon gestürzt, aber das Rutschen war schon immer ein wichtiger Teil meines Spiels, auf allen Unterlagen», sagt er.

Die vielen Verletzungen überraschen Marten nicht, im Gegenteil: «Es ist erstaunlich, dass nicht mehr passiert. So wie heute auf Rasen gerutscht wird – ein Wahnsinn.» Die Beinarbeit mit dem permanenten Stop-and-Go sei so dynamisch und schnell geworden, dass die Bremskräfte gestiegen seien und Stürze grössere Auswirkungen haben könnten. Während einer wie Roger Federer über den Platz zu schweben scheine, seien vor allem grosse, schwere Spieler gefährdet – wie Del Potro oder Jerzy Janowicz. «Um das Ausrutschen zu verhindern, bräuchten sie Golfschuhe mit Spikes. Doch dann würden sie sich den Knöchel brechen, sollten sie hängen bleiben», sagt Marten. Es gebe da schlicht keine Lösung, «auch nicht in fünfzig Jahren».

Günthardts Aha-Erlebnis

Über die Jahrzehnte aber hat eine rasante Entwicklung stattgefunden. Heinz Günthardt erinnert sich, dass er zu Beginn auf Rasen normale Sportschuhe benutzte. 1976 erhielt er als einer der Ersten Noppenschuhe, wie Björn Borg, mit dem er befreundet war und den Ausrüster teilte. Er war verblüfft. «Plötzlich hatte ich eine Standfestigkeit und ein Gleichgewicht wie nie.» Er gewann das Juniorenturnier, Borg bei den Grossen.

Das Schuhwerk war in Wimbledon früher viel aggressiver; 1959 siegte Alex Olmedo gegen Rod Laver sogar mit Nagelschuhen, doch weil es der Final war, konnte der Platz danach neu aufgebaut werden. Die Courts waren deshalb in früheren Jahren viel ramponierter als heute, und die Bälle versprangen unberechenbar. Als einziges Rezept half Aufschlag/Volley – eine Spielform, die auch Borg konsequent anwandte, inzwischen aber schon fast museumsreif geworden ist.

Tages-Anzeiger

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