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Schaufahren der MinitruckerSpielende Männer

Eine Gruppe Mikromodelltrucker trafen sich in Belp zu einem Schaufahren mit winzigen Spielzeugfahrzeugen. Diese bauen sie mit viel Aufwand selber um.

Laura Fehlmann
Der Mikromodellbauer Jürg Beutler organiserte im Restaurant Rössli in Belp ein Schaufahren für gebastelte Fahrzeuge im Massstab 1:87.
Der Mikromodellbauer Jürg Beutler organiserte im Restaurant Rössli in Belp ein Schaufahren für gebastelte Fahrzeuge im Massstab 1:87.
Foto: Enrique Muñoz García

Auf einer Strasse direkt neben einem Wald verursacht ein Cabrioletfahrer einen Selbstunfall, bei dem sein Passagier kopfvoran durch die Frontscheibe fliegt. Auf der Strasse ist eine Blutlache. Zum Glück kommt gerade eine Polizeistreife angefahren, bald darauf die Sanität, mit Sirene und Blaulicht. Was für ein grausiger Unfall.

Zum Glück hat er sich nicht in Wirklichkeit ereignet, sondern auf einer künstlichen Landschaft mit Fahrzeugen im Massstab 1:87 an einem Schaufahren im Restaurant Rössli in Belp. Organisiert hat es der Toffener Jürg Beutler, der sich seit einiger Zeit mit Begeisterung dem Bauen von Mikromodellen widmet.

Zusammen mit einem halben Dutzend anderer Männer und einer Frau steht er im Rösslisäli, eine Fernbedienung in der Hand und lässt mal einen Jeep, dann wieder einen Lastwagen fahren, und eben, eine Ambulanz. Ein Häufchen Zuschauer staunt, fachsimpelt über technische Details, und einer sagt: «Das isch scho hueregeil.»

Verstärkung gesucht

Das Schaufahren mit Mikromodelltruckern in Belp sei das erste überhaupt in der Region Bern, sagt Jürg Beutler. Er und sein Kollege Thomas Rudin seien die einzigen, die sich damit beschäftigen würden. «Wir hoffen, dass wir an diesem Anlass noch ein paar Leute finden, um gemeinsam zu bauen», sagt er.

Auf sein Hobby gekommen sei er in Deutschland, wo er zufällig so ein Schaufahren gesehen und sich sofort begeistert habe. Danach habe er angefangen, ganz normale Spielzeugautos, Lastwagen und Maschinen im Massstab 1:87 zu kaufen und sie mit Elektronik auszustatten. Das Wichtigste sei der Draht zur Fernbedienung, damit Licht, Sirene, Motorgeräusch, Blinker, Steuerung und was es sonst noch so braucht, funktionieren. Zentral ist natürlich ein Akku, mit dem das Fahrzeug rund 40 Minuten fahren kann.

Der Bau solch winziger, technischer Wunderwerke ist anspruchsvoll. «Beim Bauen in einer kleinen Gruppe, könnte man sich gegenseitig unterstützen», sagt Beutler und stellt Michael Trinkler aus Wädenswil vor. Dieser übt sein Hobby im Raum Zürich mit anderen aus. Viele sind es jedoch auch dort nicht. «Wir sind immerhin zu viert», sagt Trinkler und lacht.

80 Stunden Aufwand

Michael Trinkler zeigt das Innenleben eines seiner Spielzeuge. Er nimmt die Carosserie weg. Hervor kommt ein für Laien unverständliches Wirrwar von haarfeien Drähten, die am richtigen Ort verlötet sein müssen, damit das Fahrzeug wunschgemäss funktioniert.

Das braucht Wissen, Geduld, gute Augen, Fingerspitzengefühl und natürlich Geld. Aber Trinkler ist Automechaniker und damit prädestiniert für sein Hobby, das er mit Leidenschaft ausübt. «Am Ambulanzfahrzeug habe ich etwa 80 Stunden gearbeitet», sagt er und schwärmt von der entspannenden Wirkung eines halben Stündchens Schaufahren zu Hause, abends nach der Arbeit. «Man setzt sich an den Tisch, fährt mit seinen Fahrzeugen und vergisst sofort den Stress des Tages.» Trotz Beruf und Mikromodelltrucking hat er noch Zeit für ein weiteres Hobby: Biken.

Michael Trinker aus Wädenswil spricht im Video über sein Hobby.
Video: Enrique Muñoz García

Eine kleine Welt

Es herrscht ein Kommen und Gehen am Schaufahren in Belp. Manchmal verstummen die Gespräche. Zu hören sind nur leise Fahrgeräusche, Sirenen und Hupen. Auf einem Werkhof füllt ein Bagger Material in einen Muldenkipper, fährt hin und her, um die Schaufel immer wieder zu füllen. Faszinierend.

Am Strassenrand sind Oldtimer aufgereiht. Winzig kleine Menschen schauen sie an. Ein orange blinkender Schwertransporter biegt auf einen Platz ein und parkiert rückwärts in eine Lücke. Plötzlich steigt auf der anderen Seite des Tischs Rauch auf. Er stammt von einem ausgebrannten Sattelschlepper. Sofort kommt mit Tatütata die Feuerwehr vorbei – wie im richtigen Leben.

Aber es ist alles nur ein (Männer)spiel. Das Unfallauto und die Polizeistreife stehen immer noch am gleichen Ort am Waldrand. Die Ambulanz ist weg. Michael Trinkler repariert sie. Er nimmt eine Lötlampe, greift mit einer Pinzette nach einem Draht und befestigt ihn dort, wo er hingehört.