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Wo ist Juan Carlos?Spaniens erster Demokrat endet als Skandalkönig

Spanien reagiert verdutzt auf den Entscheid des 82-jährigen Ex-Regenten, das Land zu verlassen. Gründe dafür gibt es viele.

Ex-König Juan Carlos beim Segeln im September 2017 vor der Küste Galiciens.
Ex-König Juan Carlos beim Segeln im September 2017 vor der Küste Galiciens.
Foto: Keystone

Am Wochenende, kurz vor seiner Abreise, soll sich Juan Carlos noch mit befreundeten Unternehmern getroffen haben. Er verlasse Spanien eine Weile, sagte der frühere König zu ihnen, und er wolle eine neue Etappe in seinem Leben beginnen – so berichtete es die in monarchischen Angelegenheiten stets gut verdrahtete Zeitung «El Mundo». Wohin es denn gehen solle? Der frühere König Spaniens habe ausweichend geantwortet: Nach Portugal eventuell oder in die Dominikanische Republik. Guten Mutes sei er gewesen, berichteten die Freunde. So, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Die Spanier riss die Nachricht dann am Montagabend ziemlich aus den Fernsehsesseln. Kommuniziert wurde sie über eine Art Abschiedsbrief, den Juan Carlos an seinen Sohn und Nachfolger Felipe geschrieben hatte und der auf der königlichen Website veröffentlicht wurde. Er habe die Entscheidung vor dem Hintergrund «öffentlichen Widerhalls auf gewisse Episoden meines früheren Privatlebens» getroffen. Er wolle nun sicherstellen, dass er seinem Sohn dessen Rolle nicht weiter erschwere.

Der Ruf des Ex-Königs ist ruiniert

Berichte über Skandale und Affären, über Durchstechereien und Ermittlungen rund um das Königshaus sind die Spanier ja seit vielen Jahren gewohnt. Aber Juan Carlos, oberste moralische Autorität während des schwierigen Übergangs zur Demokratie – einfach weg, klammheimlich getürmt, ohne Angabe eines Ziels?

Gründe genug hat der Ex-König. Sein Ruf ist ruiniert seit der Affäre mit Corinna Larsen, die er auf Druck der Familie verstossen musste. 2014 wurde er gezwungen, abzudanken. Seine Familie hat sich von ihm abgewandt. Sein eigener Sohn hat ihm die Apanage gestrichen und will nichts von seinem künftigen Erbe wissen, das da irgendwo in schwarzen Kassen in Steuerparadiesen lagern könnte.

Das Topthema in den Medien: Alle spanischen Zeitungen berichten über Juan Carlos, der Spanien verlassen hat.
Das Topthema in den Medien: Alle spanischen Zeitungen berichten über Juan Carlos, der Spanien verlassen hat.
Foto: Keystone

Die spanische Justiz ermittelt gegen den greisen «rey emérito», wie sein Titel lautet. Es geht um Millionen, die Juan Carlos vor mehr als zehn Jahren vom saudischen Königshaus für die Vermittlung eines Grossauftrags an die spanische Industrie bekommen haben soll, den Hochgeschwindigkeitszug zwischen Mekka und Medina. Als Provision – oder als Geschenk, wie das unter Monarchen so üblich zu sein scheint.

Das Geld soll über die Schweiz transferiert worden sein. Deshalb gibt es auch dort Ermittlungen, über welche die spanischen Medien das Volk stets akribisch auf dem Laufenden halten. Die spanischen Untersuchungen sind immerhin beim obersten Gericht angesiedelt, und die Indizien wirken einigermassen stichhaltig. Es sind zahlreiche Details über die Abwicklung der Geschäfte kolportiert worden.

Es könnte also wirklich sein, dass der greise Ex-König ins Gefängnis muss, so denn Anklage erhoben wird. Ob es dazu kommt, ist und bleibt aber ein Geheimnis. Niemand wolle darüber Prognosen treffen, keine Quelle wolle reden, jammert die Zeitung «El País», die eigentlich am nächsten an Juan Carlos’ Affäre dran ist.

Die Selbstdemontage des Juan Carlos begann früh. Chronisten erwähnen einen beginnenden Realitätsverlust beim iberoamerikanischen Gipfel von 2007.

Klar, die Politik hat nicht sehr viel Interesse daran. Des Königs Affären wurden stets wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Journalisten, die in der Sache recherchierten, wurden gerne auch mal vom Geheimdienst kontaktiert. Sozialisten und Konservative, die sich seit Jahrzehnten in Madrid an der Macht abwechseln, betonten am Montagabend in ersten, auffallend raschen und lauen Proklamationen, man müsse die Entscheidung des früheren Königs respektieren.

Der Diktator und der spätere König: Francisco Franco und Juan Carlos in einer Aufnahme von 1973.
Der Diktator und der spätere König: Francisco Franco und Juan Carlos in einer Aufnahme von 1973.
Foto: Keystone

Nur die Linke schäumte: Einfach davongeschlichen habe sich Juan Carlos, polterte Pablo Iglesias von der linksalternativen Partei Unidas Podemos, die zwar mit den Sozialisten in der Regierung sitzt, dort aber in Themen der Staatsräson wenig zu melden hat. Es sieht danach aus, als sei Unidas Podemos als einzige Kraft nicht vorab informiert gewesen von der Flucht des für viele lästig gewordenen Ex-Staatsoberhaupts.

Die Selbstdemontage des Juan Carlos hat früh begonnen. 2007 gab es ein Ereignis, das den Verdacht nahelegte, der König beginne, den Kontakt zur Realität zu verlieren. Beim iberoamerikanischen Gipfel in Santiago fühlte er sich von kritischen Äusserungen des venezolanischen Staatschefs über die Rolle der früheren Kolonialmacht so provoziert, dass er Hugo Chávez in aller Öffentlichkeit anherrschte: «Und du, warum hältst du nicht den Mund?» Das fanden manche gerade noch witzig.

Tochter Cristina lebt in der Schweiz

Doch als 2012 – Spanien ächzte gerade unter den schweren Folgen der Finanzkrise – Fotos von einer Luxus-Safari in Botswana auftauchten, die den König und WWF-Ehrenvorsitzenden vor einem totgeschossenen Elefanten zeigten, brach ein Sturm der Entrüstung los. Zumal die Reise von einer Dame organisiert worden war, die von nun an unter dem Titel «innige Freundin» des Königs durch die Medien geisterte.

Sie fungierte als eine Art Beraterin und soll auch das Geschäft mit den Saudis befördert haben, welche die Botswana-Reise im Übrigen bezahlten. Corinna Larsen, geschiedene Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, hat aus dieser Zeit nach eigener Aussage zahlreiche Dokumente, die in acht schwarzen Kisten lagern, und von Zeit zu Zeit quillt toxisches Material daraus hervor.

Hoher Besuch in der Schweiz: Das spanische Königspaar, Sofía und Juan Carlos, wird im März 2011 in Bern von der damaligen Bundespräsidentin und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey empfangen.
Hoher Besuch in der Schweiz: Das spanische Königspaar, Sofía und Juan Carlos, wird im März 2011 in Bern von der damaligen Bundespräsidentin und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey empfangen.
Foto: Keystone

Kürzlich berichtete «El País», Corinna habe vor Schweizer Ermittlern ausgesagt, Juan Carlos habe ihr ein Millionengeschenk gemacht – nicht aus Dankbarkeit, «sondern um mich zurückzugewinnen». Die spanische Staatsanwaltschaft will die Geschäftsfrau im September vernehmen.

Die Aussagen könnten einige Auswirkungen auf die Frage haben, ob Juan Carlos vor Gericht muss. Für Ereignisse bis 2014 schützt ihn allerdings die Immunität als Staatsoberhaupt. Sein Anwalt Javier Sánchez-Junco Mans teilte bereits per E-Mail mit, sein Mandant werde trotz seiner Abreise kooperieren.

Wo Juan Carlos ist, darüber wird heftig spekuliert. Möglich sind Portugal sowie die Dominikanische Republik. Die spanische Zeitung «El Mundo» brachte auch die Schweiz und die Golfstaaten als mögliche Optionen ins Spiel. Juan Carlos war schon mehrmals in der Schweiz zu Besuch, unter anderem zum Skifahren. Und seine Tochter Cristina wohnt seit 2013 in Genf. Zu Herrschern verschiedener Golfstaaten, nicht nur in Saudiarabien, soll der spanische Ex-König gute Beziehungen haben.

Ehefrau Sofía bleibt in Madrid

In der Dominikanischen Republik hat Juan Carlos einen guten Bekannten, den Zuckerbaron Pepe Fanjul, der angeboten haben soll, dem Ex-König auf der Flucht sozusagen Asyl zu gewähren auf seinem karibischen Latifundium, so, als lebte man im 19. Jahrhundert.

Cascais in Portugal wäre ein ähnlich anachronistischer Ruhesitz. Es war der klassische Zufluchtsort geschasster Monarchen im 20. Jahrhundert. Juan Carlos’ Grossvater Alfonso XIII. lebte dort, nachdem er – ähnlich wie jetzt sein Enkel – 1931 das Land verlassen musste. Juan Carlos hat in Cascais seine Kindheit verbracht.

Der Diktator Francisco Franco holte ihn später nach Spanien und liess ihn behütet und gut bewacht aufwachsen; er besuchte Militärakademien und wurde mit der griechischen Prinzessin Sofía verheiratet. 1963 zog das Paar in den Madrider Zarzuela-Palast, wo es mehr als 50 Jahre lebte. Doña Sofía liess übrigens mitteilen, sie werde auch nach dem Auszug ihres Gatten dort wohnen bleiben.

Franco setzte vor seinem Tod den jungen König als Nachfolger ein – im Glauben, der Partyprinz werde seinen politischen Nachlassverwaltern gehorchen. Doch es kam anders: Juan Carlos löste die Diktatur zusammen mit dem Ministerpräsidenten Adolfo Suárez gewissermassen von innen heraus auf, wofür der grössere Teil der älteren Spanier ihm lange weiter Respekt zollte. Doch dieses Erbe hat Juan Carlos durch seine Flucht zerstört.

Vor drei Wochen soll er laut «El País» zu einem Freund gesagt haben: «Spanier unter 40 werden mich nur als den mit Corinna, dem Elefanten und dem Geldkoffer in Erinnerung behalten.» Und genau so wird es sein.