Winterspiele im Treibhaus

Paddy Kälin und Lukas Studer führen für SRF aus Südkorea durch die Olympianacht. Die Zeitverschiebung stellt sie vor Probleme.

Moderatorenkollegen: Paddy Kälin (l.) und Lukas Studer führen den Konsumenten durch den TV-Olympia-Marathon. (9. Februar 2018)

Moderatorenkollegen: Paddy Kälin (l.) und Lukas Studer führen den Konsumenten durch den TV-Olympia-Marathon. (9. Februar 2018) Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Schade, habe sein Moderatorenkollege Lukas Studer die koreanische Kultur noch nicht so verinnerlicht, sagt Paddy Kälin und blinzelt im schmucken SRF-Studio in die Sonne. «Dieses ­ausgeprägte Standesbewusstsein, ­diese Opferbereitschaft und den Respekt vor dem Alter, der hier so grossgeschrieben wird.»

Kälin ist 41 ist, Studer 40, ­womit klar sei, wer den Vorrang habe, wer etwa zuerst duschen ­dürfe. Denn das warme Wasser geht in ihrem gemeinsamen Apartment, einen Steinwurf entfernt vom House of Switzerland, schnell aus. Man kann für Studer als ­mildernden Umstand anführen, dass er erst seit Mittwoch hier ist. Da hatte er noch nicht so viel Zeit, sich in der koreanischen Lebensart aufzulösen wie ein Stück Würfelzucker im warmen Tee.

Natürlich scherzt Kälin. Die ­Laune ist gut am Tag, bevor es für die ­beiden so richtig losgeht. Sie begleiten den Fernsehzuschauer mit Olympia durch die Nacht bis zum Nachmittag – von Mitternacht bis 15.30 Uhr Schweizer Zeit. 16 Tage lang. Wenn sie auf Sendung gehen, ist es in Pyeongchang acht Uhr früh. Studer übernimmt die ersten acht Tage die Morgenschicht, dann wechseln sie.

Die Zeitverschiebung als Handicap fürs Fernsehen

«Nein, ich bin gar kein Morgenmensch», stellt Studer klar. Doch als dreifacher Vater habe er sich ­daran gewöhnen müssen, dass der Tag früh beginnt. Immerhin spart er morgens Zeit, weil er sich nicht glattrasieren muss. Er hat seine Bartstoppeln schön getrimmt. Nur der Jetlag bereitet ihm noch ­Sorgen. In der zweiten Nacht war er nach zwei Stunden hellwach, und weil er keinen Schlaf mehr fand, schaute er Serien.

Der Jetlag dürfte nach ein paar Tagen überwunden sein, doch die Zeitverschiebung stellt das Schweizer Fernsehen vor grundsätzli­­chere Probleme. «Natürlich wäre es besser, könnten wir zur besten Sendezeit Livesport übertragen», sagt Roland Mägerle, Leiter SRF Sport und Business Unit Sport SRG. «In diesen Genuss kommen nun die Amerikaner.» Ein Skirennen zur Mittagszeit in Korea fällt in Übersee perfekt ins Abendprogramm.

16 Tage läuft auf SRF 22 von 24 Stunden Olympia

Die SRG muss mit dieser Konstellation leben lernen, schliesslich ­finden auch die nächsten beiden Olympischen Spiele in Asien statt – in ­Tokio und Peking. Man geht offensiv damit um. Wenn in Korea Schlafenszeit ist, flimmern am späten Nachmittag in der Schweiz die Highlights über die Bildschirme. Und der Tag wird beschlossen durch einen Talk mit Mona Vetsch aus der Giesserei Oerlikon. 22 von 24 Stunden läuft auf SRF Olympia.

Die Zeitverschiebung bedingt auch, dass in den Studios in Zürich, Genf und Lugano Regisseure und Techniker die Nacht zum Tag machen. Denn erstmals setzt die SRG bei Olympischen Winterspielen auf «Remote Production», was bedeutet, dass keine Übertragungswagen und 80 Leute weniger vor Ort sind, die Bilder via Glaserfaserkabel um die Welt geschickt und lokal bearbeitet werden. Dazu wurden zwei Datenautobahnen gebucht – eine durch Asien, die andere via Nordamerika. Beim Erdbeben in Taiwan fiel kürzlich die eine während Stunden aus. Die ­Bilder rasen via Glasfasernetz in unter einer Sekunde zum Zielort. Das ­offizielle Olympiasignal braucht zwei, drei Sekunden, bis es via ­Satellit in der Schweiz ist. 22 Kanäle mit den verschiedensten Sportarten laufen gleichzeitig.

Im International Broadcast Center, kurz IBC, einem riesigen Hangar, in dem sich die Fernsehstationen aus aller Welt eingemietet haben, hat auch die SRG ihr Quartier bezogen. Im sogenannten Switching Room oder Schaltraum ­erscheinen alle Feeds auf riesigen Monitoren – und natürlich das, was SRF auf seinen Kanälen gerade sendet. Die Szenerie erinnert an den Kommandoraum des Raumschiff Enterprise. Hier lauern zwar keine bösen fremden Mächte, doch wenn alles gleichzeitig läuft, sind auch starke Nerven gefragt.

Durch die Fernproduktion kann die SRG die Ausgaben für die Winterspiele gegenüber Sotschi 2014 von 21,5 auf 19 Millionen Franken senken. Zudem verdient sie durch die Produktion der Bilder der Skirennen noch einen schönen Batzen. Im tiefen siebenstelligen Bereich liegt dieser, ist zu erfahren – also bei über einer Million.

125 Leute stehen allein bei diesem Projekt im Einsatz, gewisse technische Geräte werden vor Ort dazugemietet. Zum vierten Mal in Serie ist die SRG an Olympia fürs Weltsignal der Skirennen zu­ständig. Für Peking 2022 führt ­Mägerle in Südkorea die ersten ­Gespräche. Aber es wäre kaum mehr möglich, diesen Auftrag ­wieder zu erfüllen, würde die No-Billag-Initiative angenommen, sagt er.

Eine Skination – zumindest punkto Fernsehproduktion

Dass wir eine Skination sind, zeigt sich also auch bei der TV-Produktion. Die kanadische CBC produziert die Hockey- und Curling­spiele, die südkoreanische SBS den Shorttrack, die finnische YLE die Bilder für den Langlauf und die nordische Kombination, die Japaner (Sapporo TV, NHK) die Skispringen, Big-Air-Wettkämpfe und den Eisschnelllauf.

Aber nochmals zurück ins SRF-Studio im House of Switzerland. Was die Aussicht betrifft, sind ­Paddy Kälin und Lukas Studer zu ­beneiden. Sie blicken direkt auf den Skihügel des Yongpyong-­Resorts, die letzten Tage strahlte die Sonne. Dann wird das Studio mit ­seiner Fensterfront zum Treibhaus, wird es bis zu 35 Grad warm. Das sei ihm lieber, als im Zielraum zu frieren, sagt Kälin. Derweil die Athleten über die Kälte klagen, hat er die langen Unterhosen nicht ­einmal mitgenommen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2018, 19:38 Uhr

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