Willkommen in Klein-Monaco

Zwischen gerüstet und entrüstet: Heute Sonntag steigt in ­Zürich das Spektakel mit Formel-E-Rennwagen.­ Bevor es los geht werden Feste geplant – und es wird geflucht.

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Da steht sie nun mit ihren zwei vollgepackten Einkaufstaschen. Gerade haben sie ihr das Gitter vor der Nase zugeschlagen. «Hier kommt keiner mehr durch», schnauzt der Sicherheitsmann. Dabei müsste sie doch nur – husch –über die Strasse in ihre Wohnung an der Alfred-Escher-Strasse. «Jetzt haben Sie mich genau im falschen Moment erwischt», sagt die Frau Anfang 40, «das nervt mich jetzt ziemlich.»

Ironischerweise sind ihre Taschen gefüllt mit Vorfreude auf den E-Prix von Zürich, dieses Autorennen, diesen Grossevent im Engequartier. Haufenweise Fleisch, Chips und Getränke hat sie besorgt für heute Sonntag, wenn es tatsächlich soweit ist, und Rennautos mit Tempo 225 um die Häuser am Seeufer rasen. Ein Grillfest gebe es, sagt sie, Freunde kommen, um von ihrem kleinen Balkon aus auf die ungewohnte Szenerie zu blicken.

Ein Hauch von Monaco, auf dessen engen Strassen die Formel 1 jeweils ihren Höhepunkt der Saison erlebt, wird dann durch ihre Wohnung wehen. Die Schikane, ein Rechts-Links-Knick beim Bahnhof Enge, gleicht der legendären Hafenschikane des Nobelorts an der Côte-d’Azur.

Sébastien Buemis Einschätzung für das Rennen vom Sonntag. Video: Tamedia

An der Schikane stranden sie zuhauf, mit Velos und zu Fuss

Auf diese Schlüsselstelle des E-Prix, der um 18 Uhr startet, hat die Frau freie Sicht. «Ich finde das spannend. Lustig, haben wir hier ein solches Rennen», sagt sie. Den nächtlichen Baulärm in dieser Woche, über den sich manch ein Anwohner störte, habe sie kaum bemerkt, «ich habe einen gesunden Schlaf». Und als ihr ein Polizist eine Begleitperson organisiert, die sie hinüberbegleitet, ist ihre Welt sowieso wieder in Ordnung.

Sie ist eine von vielen, die an diesem Samstag an der Schikane stranden. Familien mit Velo und Anhänger, Fussgänger, Jugendliche mit Rollbrett werden harsch weggewiesen. Erst, als der Sicherheitsmann wegen eines Einsatzes mit Blaulicht davonrast, haben sie wieder freie Bahn.

Für heute werden bis zu 150'000 Zuschauer an der Strecke erwartet. Am Tag vor dem Spektakel tummeln sich einige Hundert direkt auf der Piste – und staunen. Im Gegensatz zu Monaco sind sich die Bewohner des Zürcher Quartiers eine solche Szenerie nicht gewohnt. Ein Autorennen! Hier! Nach 63 Jahren Rundstrecken-Rennverbot in der Schweiz! Verrückt!

Der Aufbau des Startgebäudes im Zeitraffer. Video: Tamedia

Es fehlte nur noch der Feinschliff

Was da alles herangekarrt wurde in den letzten Tagen, 1400 Betonelemente, je 4 Tonnen schwer, in 230 Lastwagenfuhren, es wurden Verkehrstafeln abgebaut, Asphalt aufgeschichtet, um ihn auf die Höhe des Trottoirs zu heben, beim Hafen in der temporären Boxengasse riesige Holzbauten für die Teams aufgebaut.

Von all dem emsigen Treiben in den Tagen und Nächten davor ist nicht mehr viel zu sehen. «Feinschliff» nennt Pascal Derron das, was am Samstag und in der Nacht auf Sonntag noch erledigt werden musste, ehe um 8.30 Uhr der Safety-Car seinen Probelauf absolviert.

Derron ist der Mann, der mitverantwortlich ist für diese ganze Aufregung, er ist der Veranstalter des E-Prix von Zürich. Dafür sieht er ziemlich entspannt aus, als er um 10 Uhr auf einer Steinmauer am See sitzt. «Ich habe gut geschlafen», sagt er, der als Geschäftsleitungsmitglied der Firma Nüssli schon an einigen internationalen Sportveranstaltungen mitgewirkt hat. «Aber es ist schon ein ziemlich komplexer Event.»

Buemi testet seinen Boliden schon mal – mitten in der Stadt Zürich. Video: Tamedia

Der Veranstalter hat gelernt: Weniger in der Nacht arbeiten

Welches Ausmass dieser hat, überraschte viele. Zwei Frauen, die den See entlang schlendern, sprechen von Verhältnisblödsinn. Derron sagt: «Das ist eine Grossveranstaltung mit einer weltweiten Ausstrahlung. Auf jeden Fall ist die Grösse absolut gerechtfertigt.»

Er ist ganz zufrieden damit, wie der Aufbau vonstatten ging, «auch wenn es ab und zu etwas holprig war». Was würde er anders machen, wenn es ein nächstes Mal gibt, wie es der internationale Automobilverband vorsieht, der das Rennen auf den 9. Juni 2019 terminierte? «Ich würde viel mehr am Tag erledigen lassen. Ich muss mit meinem Team, der Stadt und den Anwohnern schauen, was wir in diesem Bereich besser machen können.»

Es gab Beschwerden, klar, vor allem wegen der nächtlichen Bautätigkeit, «aber wir haben erstaunlicherweise auch Mails von einigen erhalten, die sich auf das Rennen vor der Haustüre freuen. Leute, die etwas Positives schreiben, sind für gewöhnlich selten.» Derron blickt auf. Und damit direkt auf einen Platz, der zuletzt zu reden gab: auf den Kiosk von Eva Germann, die schon fast zu so etwas wie einer kleinen Berühmtheit geworden ist.

In Zeitungen, im lokalen Fernsehen waren sie und ihr Hafen-Enge-Kiosk Thema. Weil sie sich ziemlich nervt über das Vorgehen der Veranstalter. Sie fühle sich enteignet, sagte sie dem «Tages-Anzeiger». Derron sagt: «Ich nehme jede Kritik ernst. Nur kann ich gewisse Aussagen von ihr nicht nachvollziehen. Ich habe mehrmals mit ihr geredet, aber ich verstehe das Problem noch immer nicht ganz. Schliesslich ­bezahlen wir ihr eine Ausfallentschädigung. Und die ist gar noch höher angesetzt, als es ihr eigentlicher Umsatz in dieser Zeit wäre.»

Und so sieht die Strecke aus, abgefahren mit dem Fahrrad und noch ohne Drumherum. Video: Tamedia

«Man macht mit mir, was man will», sagt die Kioskbesitzerin

Germann steht hinter dem Grill, packt eine Wurst in ein Papier und schüttelt den Kopf. «Das ist Blödsinn», sagt sie. Ihr würden Umsatzeinbussen zwar bezahlt, «aber den gleichen Betrag muss ich Herrn Derron dann in Form von Gutscheinen zurückgeben». Ihre rhetorische Frage: «Helfen Sie mir: Kann ich wirklich nicht rechnen?»

Germann geht es, so betont sie, aber nicht nur um die Einnahmen, viel mehr fühlt sie sich ungerecht behandelt. «Man redet nicht mit mir, macht mit mir, was man will: Gäste werden weggeschickt, Holzlatten über die Köpfe der Leute hinwegtransportiert, Wände aufgestellt. Ich werde vor vollendete Tatsachen gestellt.» Den Platz vor ihrem Lokal, den sie sonst mit Stühlen und Tischen vollstellt, wird als Boxengasse gebraucht, ein paar wenige Plätze sind übriggeblieben. Dabei bezahle sie «viel, viel Geld» an die Stadt als Miete – nur tun das derzeit auch die Veranstalter.

Am See hat Germann statt 40 Quadratmeter noch einen Bruchteil zur Verfügung. Wenige Tische stehen dort am Mittag. Um 13.30 Uhr klingelt das Telefon. Germann ist in Aufruhr: «Jetzt haben sie mir auch noch diese weggenommen.» Sie wäre nicht unglücklich, bliebe es bei diesem einen E-Prix. Im Formel-E-Kalender der Saison 2018/19 ist Zürich mit zwei Sternen versehen: Die definitive Genehmigung der Stadt fehlt noch.

In einer anderen Lokalität hingegen sind sie gerüstet. Das Restaurant L’Altro liegt direkt an einer von zwei Hochgeschwindigkeitszonen. Ein Mann hämmert im kleinen, idyllischen Garten. Er baut ein Podest, einen kleinen Tresen auch, damit die Gäste von dort aus direkt durch die Gitter auf die vorbeirasenden Boliden blicken können.

Ein erster Eindruck der Boliden auf der Strecke. Video: Tamedia

Haufenweise Prosecco für den Blick auf die scharfe Linkskurve

Auch in der Stockerstrasse sind sie gewappnet. Ein Atelier, etwa 6 auf 15 Meter: Ein Grafiker, ein Architekt und ein Uhrendesigner stehen beisammen. Gerade haben sie in ihrem Sitzungsraum eine kleine Tribüne gebaut, zwei Stufen. Der Blick geht direkt auf eine scharfe Linkskurve. Im Kühlschrank liegen haufenweise Prosecco und Bier, 100 Leute erwarten sie heute. Alles Freunde, sagen sie, «wir hoffen auf ein Fest».

Etwas Monaco-Feeling wird auch hier aufkommen, wenn das 20er-Feld ab 18 Uhr unter ihnen vorbeirast. Wäre es Monaco: Sie hätten wohl keine Freunde eingeladen, sondern Gäste, die Tausende Franken bezahlen würden.

Davon, zu einer solchen Grösse in der Welt des Motorsports zu werden, ist der E-Prix von Zürich noch ganz weit weg. Vielleicht ist heute sogar Premiere und Derniere zugleich. Schade, fänden viele. Zum Glück, manch andere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2018, 07:13 Uhr

Der Zeitplan für Sonntag

8.30 Probelauf Safety-Car
9.00 1. freies Training (45 Minuten)
9.55 Micro Kickboard Activity
10.00 Auslosung Quali-Gruppen
10.35 Formula Student (Rennserie)
11.30 2. freies Training (30 Minuten)
13.05 Smart E-Cup (Rennserie)
14.00 Qualifying Gruppe 1 (6 Min.)
14.10 Qualifying Gruppe 2 (6 Min.)
14.20 Qualifying Gruppe 3 (6 Min.)
14.30 Qualifying Gruppe 4 (6 Min.)
14.45 Qualifying Super Pole (15 Min.)
16.00 Autogramm Session im E-Village
16.10 E-Race (Fahrer gegen Fans)
im E-Village
17.00 Fahrerparade auf der Strecke
18.04 Rennen (ca. 55 Min.)
19.00 Siegerehrung im E-Village

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