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Wenn die Optikerin zur Bus-Chauffeurin wird

Frauen, Quereinsteiger und Ausgesteuerte: Damit den Schweizer Verkehrsbetrieben das Personal nicht ausgeht, werden sie bei der Rekrutierung kreativ.

Wechselte von der Optikbranche in den Führerstand: Seit sich Michèle Lochmann umschulen liess und für Bernmobil fährt, macht ihr das Arbeiten wieder Spass. Bild: Marco Zanoni
Wechselte von der Optikbranche in den Führerstand: Seit sich Michèle Lochmann umschulen liess und für Bernmobil fährt, macht ihr das Arbeiten wieder Spass. Bild: Marco Zanoni

Fährt Michèle Lochmann am Morgen früh eine Haltestelle an, hat die Buschauffeurin manchmal Mitleid mit den Passagieren, die dort auf sie warten. «Könnten sich doch alle so auf ihre Arbeit freuen wie ich», denkt sie, wenn sie müde und mürrisch dreinblickende Gesichter entdeckt.

Vor gut zwei Jahren war Lochmann selbst noch eine der Mürrischen. Die 38-Jährige arbeitete damals als Optikerin. Sie hatte geregelte Arbeitszeiten, aber wenig Abwechslung. «Ich war unzufrieden, wechselte mehrmals die Stelle, doch es wurde nicht besser.»

Eines Tages betreute sie einen Kunden, der Chauffeur bei den Berner Verkehrsbetrieben Bernmobil ist. «Kommen Sie zu uns», schlug er ihr vor. Und rannte offene Türen ein. Schon Lochmanns Vater hatte in der Transportbranche gearbeitet, grosse Fahrzeuge faszinierten sie seit jeher. Die Bernerin bewarb sich als Busfahrerin, wurde angenommen und umgeschult.

«Das Durchschnittsalter bei den Chauffeuren steigt, in den nächsten Jahren gehen viele Babyboomer in Pension.»

Klar, manchmal sei der neue Job stressig, sagt sie: die Schichtarbeit, genervte Passagiere, Tage mit viel Verkehr und Zeitdruck. «Aber wenn ich nach einer Schicht den Tank fülle, das Fahrzeug wasche und den Schlüssel drehe, dann habe ich definitiv Feierabend. Am nächsten Tag starte ich unbelastet.» Menschen wie Michèle Lochmann werden in der Schweiz händeringend gesucht. Denn das Rekrutieren von neuen Bus- und Tramchauffeuren sei «tendenziell schwierig», sagt der Verband öffentlicher Verkehr. Zahlen gibt es nicht. Aber auch die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) stellt einen Mangel fest. Die Unternehmen hätten «grundsätzlich Mühe, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden», sagt SEV-­Gewerkschafter Christian Fankhauser.

«Das Durchschnittsalter bei den Chauffeuren steigt, in den nächsten Jahren gehen viele Babyboomer in Pension.» Gleichzeitig schrecken viele Junge wegen der unregelmässigen Arbeitszeiten vor dem Job zurück. Das Problem wird sich in Zukunft darum noch verschärfen. Hinzu kommt: Selbstfahrende Autos dürften zwar die Zukunft sein – bis sie die Chauffeure aber ersetzen, werden noch viele Jahre ins Land gehen.

Der Pizzaiolo kann zum «Tram- oder Buspiloten» werden

Was das heisst, haben die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) schon zu spüren bekommen. Wegen einer Pensionierungswelle fehlten ihnen Ende vergangenen Jahres 15 Tram- und Buschauffeure. Verschlimmert wurde die Lage durch einen Mangel an geeigneten Kandidaten. «Die Chauffeure müssen dienstleistungsorientiert sein, mit Hektik und mit Schichtarbeit umgehen können», sagt Sprecherin Daniela Tobler. «Solche Leute zu finden, ist nicht einfach.» Vor allem aber seien früher viele Fahrer den VBZ jahrzehntelang treu geblieben. «Heute gehören Jobwechsel alle paar Jahre dazu.»

Die VBZ haben darum eine neue Zielgruppe entdeckt: Quereinsteiger. Mit einer Plakatkampagne werden zurzeit Serviceangestellte, Pizzaiolos oder Büroangestellte dazu aufgefordert, sich doch zu «Tram- oder Buspiloten» umschulen zu lassen. Die Einstiegslöhne liegen bei 5000 bis 6000 Franken.

Bernmobil will Frauen für den Job begeistern

Und tatsächlich: Die Bewerbungen von Quereinsteigern haben laut der VBZ-Sprecherin zugenommen. «Köchinnen, Detailhändler, Handwerker oder Dentalassistentinnen haben sich gemeldet. Sogar erfolgreiche Manager sind dabei, die einen Job suchen, bei dem sie auch mal richtig Dienstschluss haben.» Anfang September sollten die freien Chauffeursitze in Zürcher Trams und Bussen wieder besetzt sein.

Bei Lochmanns Arbeitgeberin Bernmobil gehen in den nächsten Jahren ebenfalls mehrere Chauffeure in Rente. Das Berner Verkehrsunternehmen will nun unter anderem Frauen für den Job begeistern. Dazu hat es eine Kampagne gestartet, die sich ausdrücklich an weibliche Bewerberinnen richtet. In einem Werbefilm preist eine Frau die flexiblen Arbeitszeiten an: Damit bleibe genug Zeit für Familie und Freunde. Mit der Kampagne sei die Zahl der eingegangenen Bewerbungen gestiegen, sagt Bernmobil-Sprecher Rolf Meyer. Rund ein Sechstel der Interessenten seien Frauen. Bei den Angestellten stieg der Frauenanteil seit 2015 immerhin von 11,5 auf 14,3 Prozent.

Die Luzerner haben eine Art Frühwarnsystem

Auch die Luzerner Verkehrsbetriebe (VBL) waren unter Zugzwang. «Vor einigen Jahren hatten wir einen echten Mangel an Chauffeuren», sagt Sprecher Christian Bertschi. «Um ihn auszugleichen, rekrutierten wir vermehrt Personal im Ausland, insbesondere in Deutschland.» Wie gross das Angebot an Kandidaten ist, hängt laut Bertschi auch von der Konjunktur ab. «Je besser die Wirtschaft läuft, desto ausgetrockneter ist der Stellenmarkt. Und desto schwieriger wird es für uns, geeignete Fahrer zu finden.»

Im Moment haben die VBL die Lage im Griff. Sie gründeten schon vor Jahrzehnten eine Fahrschule, in der sie Chauffeure für das eigene Netz aus­bilden. Zeichnet sich hier ab, dass zu wenige Kandidaten nachkommen, kann der Verkehrsbetrieb auf einen Puffer zugreifen: die Regionalen Arbeits­vermittlungszentren (RAV). «Auch Arbeitslose oder Ausgesteuerte erhalten bei uns die Chance auf eine Ausbildung und einen neuen Job», sagt Bertschi. Bleiben viele Ausbildungsplätze in der Chauffeurschule frei, steigen die Chancen der RAV-Kandidaten nachzurücken.

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