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Überall in der Schweiz herrscht Solidarität. Überall? Leider nicht

Spätestens jetzt sollte die Schweiz mit Egoismus und Kantönligeist aufhören. Es geht um viel.

Die Universität Zürich wollte offen bleiben, obwohl die Hörsäle brechend voll waren. Foto: Keystone
Die Universität Zürich wollte offen bleiben, obwohl die Hörsäle brechend voll waren. Foto: Keystone

Seit Freitag ist die Schweiz im Krisenmodus. Jetzt reden alle über Solidarität. Und es gibt sie tatsächlich, die Nachbarschaftshilfe. Eindrückliche Beispiele von Einkäufen für die Älteren und gesundheitlich Schwachen, die sich nicht ­gefährden sollten, im Kleinen oder auch organisiert im ­Grossen. Am Arbeitsplatz wird improvisiert, wer nicht unbedingt muss, kommt nicht ins Büro. Und wenn die Kollegin ein kleines Kind zu Hause ­betreuen muss, dann springt ein Kollege ein. Eine «Arena», in der sich die Politiker einiger waren als am Freitagabend, muss man weit in der Vergangenheit suchen. An vielen Orten rückt die Schweiz zusammen. Andernorts kam es zu Hamsterkäufen, ein verständlicher Egoismus angesichts der immer grösser werdenden Verunsicherung in einer Not­lage, die sich täglich zuspitzt.

Es gibt aber auch Gegen­beispiele von ziemlich unverschämtem Egoismus. Etwa in den Bergen. So gab es zwar eine klare Anweisung des Bundesrats, dass die Skigebiete zu schliessen haben, was sie im Wallis und in Graubünden auch zähneknirschend taten. Aber im Berner Oberland glaubte man ganz einfach, sich über alles hinwegsetzen zu können. So verkündeten die Jungfraubahnen, ermutigt von ihrem Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP), auf ihrer Website in grossen ­Lettern: «Wir haben geöffnet!» «Social Distancing» auf Skipisten sei möglich, fand Ammann, obwohl Bundesrat Alain Berset (SP) und Bundespräsidentin ­Simonetta Sommaruga (SP) am Freitag unmissverständlich verkündet hatten, die neuen Massnahmen gegen das ­Coronavirus würden das ­Saisonende für alle Schweizer Skigebiete bedeuten.

Solidarität ist ein grosses Wort. Dass man sie einfordert, ist richtig.

Wenig Solidarität war bisher auch im Kanton Zürich zu spüren. Auch da meint man, man wisse es besser als der Bund und könne Sonderregelungen durchhalten. Von der «Party-Jugend» wurde zwar sofort Solidarität verlangt, Bewilligungsverfahren durchführen wollte man aber nicht – Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) weigerte sich. Fussballspiele wurden sofort abgesagt, aber am Tag nach der Einführung des Veranstaltungsverbots für Events mit über 1000 Leuten wurde im neuen Kunsthaus ein Tag der offenen Tür mit Riesenschlangen vor den ­Eingängen durchgeführt. Den staatlichen Kulturinstitutionen war das Geld wichtiger als die Solidarität. Das Opernhaus, mit engster Bestuhlung und vorwiegend Älteren im Publikum, wurde offen gehalten und ein Teil der Angestellten räumlich umdefiniert, damit man unter die Tausendergrenze kam. ­Intendant Andreas Homoki versteckte sich hinter dem staatlichen Auftrag und bedauerte die Einnahmeausfälle, weil der Opernball abgesagt wurde. Den Lehrbetrieb an der Universität mit brechend vollen Hörsälen wollte man partout nicht ab­sagen, obwohl sich am Mathematischen Institut die Studenten reihenweise ansteckten. So glaubte die Universität noch am Donnerstagabend, man könne den Lehrbetrieb ­aufrechterhalten – während die ETH, gleich nebenan gelegen, aber dem Bund gehörend, bereits mitteilte, man werde am Montag den Lehrbetrieb schliessen. Am Freitag gaben sie alle nach, denn mittlerweile ist klar: Der Bund übertreibt nicht, die bisher angeordneten Massnahmen sind eher zu ­milde und zu spät.

Solidarität ist ein grosses Wort. Dass man sie einfordert, ist richtig. Doch sie ­wurde bisher arg strapaziert. Spätestens jetzt sollte jeder begriffen haben, dass es ­vorbei ist mit Schlaumeiereien und Kantönligeist. Wir werden noch viel Solidarität brauchen, denn die Krise im Gesundheitswesen und in der Wirtschaft wird hart werden.

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