Theorie und Praxis

Theaterintendant Milo Rau gratuliert dem Schriftsteller Lukas Bärfuss zum Büchner-Preis.

Praktiker und Theoretiker zugleich: Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss. Foto: Reto Oeschger

Praktiker und Theoretiker zugleich: Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss. Foto: Reto Oeschger

Als bekannt wurde, dass Lukas Bärfuss den Büchner-Preis bekommt, lief mein Telefon heiss. So wie normalerweise bei Abstimmungen wollten deutsche Redaktionen ein «persönliches ­Essay» von mir. Und das hätte durchaus Sinn ergeben: Ich verfolge die Arbeit von Lukas seit Jahrzehnten und bewundere sie sehr. Trotzdem ­lehnte ich ab.

Zum einen, weil es schnell gehen musste, ich aber gerade in Proben steckte. Vor allem aber dachte ich mir: Was kann ich schon über Lukas schreiben, ausser dass ich seine Arbeit grossartig finde? Wäre meine Sicht auf ihn, so unterschiedlich wir sind, nicht unterlegt von falschen – eben meinen eigenen – Ideen über seine Motive und Absichten? Gerade als Praktiker fühlte ich mich unberufen, über einen anderen Praktiker zu sprechen.

Dabei sind es die Schriftsteller und Regisseure, die wirklich etwas über ihre Kolleginnen und Kollegen zu sagen hätten. Denn die Probleme sind für uns alle die gleichen. Seit ich Intendant bin, sehe ich Regie-Altmeister mit Dingen kämpfen, die man nach der ersten Produktion für abgeschlossen halten würde. Denn als Künstler steht man immer völlig am Anfang. Ich glaube, man versteht dieses Ausgesetztsein nur, wenn man es tagtäglich selbst erlebt.

Erinnern Sie sich an die Kritiken an ­Madonnas aktuellem Album? Oder an die Verrisse des letzten Films von Lars von Trier mit Bruno Ganz? Die Texte lasen sich, als würden kluge Kinder über Sex sprechen. Da war unfassbar viel Besserwissertum und Bashing drin, 20-Jährige rieten Madonna, mit dem Singen aufzuhören. Was fehlte, war die Demut, die Einfühlung, oder mit anderen Worten: die eigene Erfahrung.

«Wer es kann, der tut es; wer es nicht kann, der lehrt es», lautet ein bekanntes Sprichwort an Kunsthochschulen. Aber natürlich ist das Bild vom Kritiker als verhindertem Praktiker ein Klischee. Meistens trifft der umgekehrte Fall zu: Godard, Hemingway, Zola, alle waren sie zuerst Journalisten oder Kritiker. Und gerade deshalb: Man bringe endlich zusammen, was zusammengehört! Journalisten, singt! Wissenschaftler, ­dichtet!

Ein grandioses Beispiel einer Doppelbegabung ist übrigens Lukas Bärfuss selbst. Sein Buch «100 Tage» über die Verwicklung der Schweiz in den ruandischen Genozid ist, obwohl Literatur, die wohl härteste Kritik der Schweizer Entwicklungsarbeit, die ich kenne. Als ich in Kigali ein paar Jahre nach seiner Veröffentlichung ein Stück inszenierte, traf ich den Pressesprecher des ruandischen Präsidenten – ein ungemein kluger Mensch, sonst wäre er auch nicht der Propagandachef des pedantischsten Politikers Afrikas.

«Wenn Sie als Schweizer ein Buch über den Genozid an den Tutsi lesen wollen, lesen Sie dieses», sagte er mir. Er dachte, Lukas Bärfuss sei wirklich ein Entwicklungsarbeiter gewesen. Und genau das ist grosse Literatur: den Grad an Einfühlung zu erreichen, in dem eine fremde ­Erfahrung zur eigenen wird. Ich gratuliere zum Büchner-Preis!



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