Zwang zur Online-Weiterbildung verleitet zum Schummeln

Firmen setzen bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zunehmend auf Prüfungen am Computer. Drei Credit-Suisse-Banker wurden beim Tricksen erwischt – und müssen büssen.

Statt des Austauschs mit Arbeitskollegen heisst es büffeln vor dem Computer: Obligatorische Onlinetests sind bei vielen Unternehmen üblichFoto: Getty Images

Statt des Austauschs mit Arbeitskollegen heisst es büffeln vor dem Computer: Obligatorische Onlinetests sind bei vielen Unternehmen üblichFoto: Getty Images

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Prüfungen sind lästig. Noch lästiger ist es, wenn sie während der Arbeitszeit am Computer absolviert werden müssen und man alle paar Wochen per Mail an die Pflicht erinnert wird. In Schweizer Grosskonzernen ist das inzwischen gang und gäbe. Ob es um Ethikthemen oder das Firmenreglement geht: Immer häufiger werden Online-Lernprogramme eingesetzt, um das Wissen der Mitarbeitenden auf dem aktuellen Stand zu halten.

Bei der Credit Suisse in New York fanden drei leitende Angestellte eine bequeme Lösung, um die lästige Büffelei zu umgehen. Sie liessen die E-Learning-Tests während Jahren von ihren Assistentinnen ausführen. Peinlich für die Schweizer Grossbank: Die Sache flog auf, und die US-Aufsichtsbehörde Finra leitete eine Untersuchung gegen die drei Investmentbanker ein. Das berichteten jüngst verschiedene US-Medien.

Banken und Versicherungen greifen besonders gerne aufs E-Learning zurück, weil sie aufgrund regulatorischer Auflagen nachweisen müssen, dass ihre Mitarbeitenden über heikle Themen wie Geldwäsche, Terrorfinanzierung oder grenzüberschreitende Vermögensverwaltung Bescheid wissen. Doch die Prüferei, die unter dem positiven Begriff der Weiterbildung verkauft wird, wird für die Mitarbeitenden zunehmend zum Stress. Wer Tests versäumt, bekommt in rascher Folge Mahnungen.

Das müssen die Angestellten durchaus ernst nehmen, denn wer sich öfter verspätet durch die Fragen durchklickt, erhält mitunter weniger Bonus. Die Tests sind bei vielen Unternehmen relevant für das Mitarbeitergespräch. Ein Angestellter eines grossen Beratungsunternehmens erzählt sogar, dass er sich nicht mehr in seinen Computer einloggen konnte, weil er mit einem Lernmodul in Verzug war.

Eintrichtern und wieder ausspucken

Der Nutzen der Onlineweiterbildung wird zunehmend angezweifelt. «Die Abfragerei zielt nur auf das Kurzzeitgedächtnis ab und wirkt oft wie eine Alibiübung», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin einer Grossbank. Das sehen Fachleute genauso. «Was da in der ­Praxis teilweise passiert, hat mit Weiter­bildung wenig zu tun», sagt Ulla Klingovsky, Professorin für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Diese Onlinetests basieren auf einer antiquierten Lerntheorie.»

Es werde viel zu stark auf das sogenannte Bulimielernen gesetzt, sagt Klingovsky: «eintrichtern und wieder ausspucken». Die Professorin muss es wissen – sie berät Unternehmen im Bereich E-Learning. Ihr Fazit: Eine Verlagerung des Lernens ins Netz erfordere ganz neue Denkansätze. Auch von der Vehemenz, mit der Mitarbeitende an die Tests erinnert werden, hält die Fachfrau wenig. «Wenn Lernen von aussen mit Druck aufgezwungen wird, führt das zu einem defensiven Verhalten der Mitarbeitenden.»

In den Pflichtmodulen sieht auch der Schweizerische Bankpersonalverband eine Belastung. Den Mitarbeitern fehle dadurch die Zeit, sich mit ihren Kollegen über ihre Arbeit und Projekte auszutauschen. «Solche Gespräche sind aber wichtig für eine gute Unternehmenskultur und Zufriedenheit am Arbeitsplatz», heisst es beim Verband.

Die Grossbanken beurteilen das anders. Die Credit Suisse schätzt ihre elektronischen Tests als «sehr wertvoll» ein, die UBS sieht einen grossen Lerneffekt. Die Banker der Credit Suisse müssen im Schnitt acht Lernmodule pro Jahr abschliessen. Bei anderen Banken und bei Versicherungen ist das ähnlich.

Doch glaubt man den Aussagen von Mitarbeitenden aus der Finanzbranche, wird immer wieder versucht, zu schummeln. Ein gängiger Kniff bei monotonen Prüfungen ist es, Screenshots mit den Lösungen an die Kollegen weiterzuschicken oder die lästigen Übungen gleich zu delegieren.

«Einen Test von jemand anderem absolvieren zu lassen, ist ein absolutes Tabu. Wenn das systematisch gemacht wird, stimmt etwas mit der Firmenkultur nicht», sagt ein Personalberater, der sich regelmässig in Grosskonzernen bewegt. Er beobachtet, dass Firmen beim wichtigen Thema Compliance, also der Durchsetzung von Richtlinien und Verhaltensregeln, viel zu stark auf eintönige Standardtests setzen – mit Fragen, die jedes Jahr wiederkommen.

Nur kluge Onlinetests bleiben im Gedächtnis

Novartis hat das Problem längst erkannt. Beim Pharmariesen hat man die Tests deshalb inzwischen so verfeinert, dass sie sozusagen personalisiert sind. Wer sich einloggt, muss bei einem Teil der obligatorischen Schulungen zuerst gezielt Fragen beantworten, die auf seinem letzten Wissensstand aufbauen. Dadurch werden nur jene Themen abgedeckt, die benötigt werden, und nicht Dinge wiederholt, welche die Person bereits kennt. Novartis gestaltet die Tests zudem so, dass sie nicht einfach an Kollegen oder Untergebene abgeschoben werden können.

«Es wäre inakzeptabel, wenn die Onlineschulung so konzipiert wäre, dass ein obligatorisches Training von jemand anderem ­absolviert werden könnte», sagt Simon Brown, weltweiter Leiter Learning bei Novartis. Die Angestellten des Pharmakonzerns müssen dieses Jahr Schulungen zu sieben Pflichtthemen absolvieren – darunter Bestechung, Sicherheit und soziale Medien.

Getrieben ist die E-Learning-Euphorie von handfesten finanziellen Motiven. Statt teure Seminarräume zu mieten, können die Firmen Wissen günstig per Knopfdruck vermitteln. Doch Fachleute warnen. «Die vorschnelle Hoffnung, durch E-Learning Kosten reduzieren zu können, verflüchtigt sich allmählich», sagt Ulla Klingovsky. Denn didaktisch klug aufbereitete Weiter­bildung im Netz sei komplex – und ­dadurch auch teuer.

Novartis-Lernchef Simon Brown sieht es ähnlich: «Bei komplexeren Lerninhalten braucht es mehr Investitionen.» Denn die grosse Herausforderung im E-Learning sei es, den Lerninhalt ins Langzeitgedächtnis zu bringen. «Dafür braucht es viel mehr als ein paar Seiten Stoff zum Lesen mit anschliessendem Multiple-Choice-Test», sagt Brown. Als Beispiel nennt er ein Projekt in Österreich, in dem Novartis-Angestellte mittels Virtual-Reality-Training Produktionsabläufe erlernen können. «Dieser spielerische Ansatz macht auch Spass.»

Die drei lernfaulen Credit-Suisse-Banker aus New York kamen derweil mit einem blauen Auge davon. Sie mussten 10 bis 20 Prozent ihres Bonus, den sie für das Jahr 2015 erhalten hatten, zurückzahlen. Ihre Stelle bei der Bank konnten sie behalten. Bei den ­Onlinetests mussten sie nachsitzen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2018, 14:32 Uhr

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